Hohe Abstraktionsfähigkeit
Landesfachklasse für Mathematisch-technische Software-Entwickler (MATSE) startet an der Hochtaunusschule in Oberursel

Nachdem die Hochtaunusschule (damals Georg-Kerschensteiner-Schule in Bad Homburg) bereits an der Einführung der neuen IT-Berufe 1997 maßgeblich beteiligt und aufgrund ihrer exzellenten Ausstattung einige Jahre Lernort für die Lehrerfortbildung war, hat sie auch für den neuen Beruf Mathematisch-technischer Software-Entwickler den Zuschlag erhalten. Über den Start dieser Ausbildung im August 2007 spricht der stellvertretende Schulleiter Jürgen Wyrwal, der im Neuordnungsverfahren als Koordinator der Kultusministerkonferenz die Rahmenlehrplanerstellung leitete.

Worin unterscheidet sich der MATSE von den anderen IT-Berufen im Wesentlichen?

Wyrwal: Anders als bei den IT-Berufen, deren gemeinsame Kernkompetenzen neben IT-spezifischen Inhalten auch kaufmännische Komponenten enthalten, sind beim MATSE die berufsprägenden Fertigkeiten und Fähigkeiten im Bereich Softwareentwicklung, -erstellung und –implementierung angesiedelt. Im Gegensatz zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung, der sich eher mit den Prozessen und deren Umsetzung auseinandersetzt, kommt es beim MATSE auf eine hohe Abstraktionsfähigkeit und vertiefte Kenntnisse der höheren Mathematik an.

Kann man sagen, dass der MATSE aufgrund der mathematischen Voraussetzungen eher ein Abiturientenberuf ist?

Wyrwal: Grundsätzlich gibt es auch bei diesem Beruf keine formale Eingangsqualifikation, realistisch gesehen wird es aber darauf hinauslaufen. Gerade die Ausbildungsinhalte zur mathematischen Modellierung und der Bereich Algorithmen setzen Wissen aus der Sekundarstufe II voraus. Ein Absolvent mit mittlerer Reife müsste dies durch umfangreiche Mehrarbeit kompensieren. Ich gehe davon aus, dass wir eher die Absolventen mit Hochschulreife finden werden.

Welche Betriebe bzw. Branchen können nach Ihrer Meinung diese Fachkräfte ausbilden?

Wyrwal: Mit diesem Beruf eröffnen wir für alle diejenigen Ausbildungschancen, deren Unternehmenszweck es ist, Software zu entwickeln. Aber auch naturwissenschaftliche Institute an Universitäten, Forschungseinrichtungen, Ingenieurbüros und andere Betriebe, die sich mit mathematischen Problemen auseinandersetzen müssen, sind angesprochen. So kann ich mir große Versicherungen vorstellen, deren Aufgaben im Bereich der Stochastik angesiedelt sind. Insgesamt sehe ich die Chance, eine neue Gruppe von Ausbildungsunternehmen zu erschließen, deren Personalqualifikation im akademischen Bereich liegt.

Die Hochtaunusschule ist zunächst die einzige Schule in Hessen, die diesen neuen Beruf beschult. Welche Unterstützung können die Betriebe von Ihnen erwarten?

Wyrwal: Nun, unsere Erfahrungen mit der Ausbildung in diesem Segment reichen bis in das Jahr 1979, wo wir mit der Ausbildung des Mathematisch–technischen Assistenten begonnen haben. Seit dieser Zeit wurde die materielle und personelle Ausstattung kontinuierlich aufgebaut und verbessert. Der Schulträger hat viel investiert, um eine zeitgemäße und moderne Ausbildung an unserer Schule zu gewährleisten. Wir werden die Auszubildenden in Blockform beschulen, sodass wir auch den Bedürfnissen der Betriebe entgegenkommen, deren Sitz weiter entfernt ist. Durch das berufliche Gymnasium, das wir als weitere Schulform an unserer Schule haben, können wir sicherstellen, dass die Lehrerkompetenz für den theoretisch-mathematischen Teil des Berufsbildes abgedeckt wird. Die materielle Ausstattung ist den neuesten Entwicklungen angepasst, sodass die Betriebe davon ausgehen können, dass der schulische Teil der Ausbildung abgesichert ist.

Mit wie vielen Schülern rechnen Sie zu Beginn des Ausbildungsjahres?

Wyrwal: Die Zeit ist für dieses Jahr schon relativ weit fortgeschritten, sodass es schwierig werden wird, neben den Betrieben auch noch die geeigneten Auszubildenden zu finden. Wir werden in jedem Fall mit einer Klasse im Herbst beginnen. Da es sich um eine Landesfachklasse handelt, hoffe ich, dass wir mindestens eine Gruppe von zehn bis 15 Schülern zusammenbekommen. Für das nächste Jahr rechne ich aber mit steigenden Zahlen, da dann die Betriebe genügend Zeit für die Vorbereitung der Ausbildung und die Personalrekrutierung haben.

     
Das Gespräch führte
Stellv. Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung
IHK Frankfurt am Main


„Mit diesem Beruf eröffnen wir für alle diejenigen Ausbildungschancen, deren Unternehmenszweck es ist, Software zu entwickeln. Aber auch naturwissenschaftliche Institute an Universitäten, Forschungseinrichtungen, Ingenieurbüros und andere Betriebe, die sich mit mathematischen Problemstellungen auseinandersetzen müssen, sind angesprochen.“

IHK WirtschaftsForum
Mai 2007