Creative Class
Talent, Technologie, Toleranz

Neue Studien zum Thema Metropolenwettbewerb sorgen schon länger in Amerika und jetzt auch in Europa für Aufsehen. Gesucht wird die „Creative Class“. Und um diese Gruppe gut ausgebildeter, internationaler Fachkräfte und ihre Familien für den Standort FrankfurtRheinMain zu begeistern, bedarf es mehr als Bembelseligkeit oder politischer Lobeshymnen auf die Stadt. Für den amerikanischen Wirtschaftsforscher Richard Florida hängen das Wohl und die Wettbewerbsfähigkeit einer Stadt von den drei Ts ab, nämlich Talent, Technology und Tolerance.

Städte und Metropolregionen, die sich im internationalen Wettbewerb behaupten und positionieren wollen, müssen stets auch Anziehungspunkt für gut ausgebildete Menschen in neuen, innovativen Technologien, aber auch in Medien, Werbung, Mode und Kultur sein. Frankfurt muss sich also international als ein starker Standort für Zukunftstechnologien etablieren. Existenzgründer auf all diesen Gebieten müssen vielfältige Hilfe erhalten, seitens der Stadt und ihrer Repräsentanten sollte ihnen deshalb stets offen und neugierig begegnet werden. Letztlich muss eine Stadt, die den drei Ts – Talent, Technologie und Toleranz – entspricht, eine international und kulturell gemischte, offene Atmosphäre bieten. Ein Indikator dafür, dass sich eine Stadt in diese Richtung entwickelt, ist laut Wirtschaftsforscher Richard Florida beispielsweise auch eine blühende Schwulenszene.

Frankfurt hat hinsichtlich der 3 Ts bereits jetzt einiges zu bieten, obgleich auch weiterhin ein großes Maß an Anstrengung erforderlich ist. Jobs in Hightech- und innovativen Technologien sind in Frankfurt und der Region vorhanden, müssen aber dringend weiter ausgebaut werden. Hochschulen wie die Johann Wolfgang Goethe-Universität, die Hochschule für Gestaltung in Offenbach oder die Frankfurter Städelschule bieten bereits heute beste Ausbildungsmöglichkeiten, insbesondere auch im kreativen Bereich und der Kunst. Die Medien- und Kommunikationsbranche ist seit langem in Frankfurt extrem erfolgreich und hat sich zu einer wichtigen, längst standortrelevanten Wirtschaftsbranche entwickelt. Daher ist es auch überfällig, diese Branche im öffentlichen Bewusstsein stärker zu verankern und stolz auf das Geleistete zu sein.

Mittlerweile gibt es immer mehr Werbetrailer, deren Ideen in Frankfurter Agenturen entwickelt wurden, deren Musik aus einem Frankfurter Tonstudio stammt oder die ihren letzten Schliff in einem der kreativen Postproduktionsunternehmen dieser Stadt erhalten. Frankfurt ist ein Standort, der gerade in diesem Segment eine nationale Vorreiterrolle einnimmt. Durch die großen Werbe- und Kommunikationsagenturen angezogen, siedeln sich auch im Umfeld dieser Unternehmen unterschiedliche Dienstleister an, die dadurch die Wertschöpfungskette komplettieren.

Der Frankfurter Osten ist mitt-lerweile die Kreativmeile der Stadt, immer mehr Werbe- und Kommunikationsagenturen, neuerdings auch Unternehmen der Gamesindustrie, siedeln sich hier an. Dieser Run auf die Hanauer und ihre benachbarten Straßen ist nicht zuletzt auch den vielfältigen Initiativen des Immobilienentwicklers und Frankfurters Ardi Goldman zu verdanken. Er gehört zu der jungen Generation, die sich aufmacht, Frankfurt für die Creative Class zu öffnen. Frankfurt hat im Kunst- und Kulturbereich, vor allem aber auch in der Medien- und Kommunikationsbranche, noch mehr junge Macher, die nur darauf warten, endlich für ihre Stadt aktiv zu werden.

Mit einer florierenden Medien- und Kommunikationsbranche ist es für die Stadt einfacher, gut ausgebildete Spezialisten hierher zu holen. Doch auch hier gilt es noch viele Hemmnisse abzubauen, nicht zuletzt bürokratische. Frankfurt muss zudem seine Internationalität stärker herausstellen, auch müssen die Bürger selbstbewusster werden. Gründe hierfür gibt es mehr als genug.

Wenn Werbeagenturen bemängeln, dass sie nicht genügend junge, kreative Menschen für Frankfurt gewinnen können, dann hängt dies auch damit zusammen, dass Frankfurt - bei allem Erfolg - nach außen noch immer nicht das Vorurteil, langweilig und verstaubt zu sein, abgelegt hat. Frankfurt wird hierbei sein Image als Stadt der Zahlen und als Finanzmetropole zum Nachteil, denn diese Attribute stehen nicht unbedingt für kreative und schöpferische Vielfalt. Zudem gibt es im offiziellen Kulturleben wenig Off-Plätze. So kämpft zum Beispiel das AtelierFrankfurt, einziges frei finanziertes Künstlerhaus, das neben 40 Ateliers für Künstler auch internationale Ausstellungen bietet, seit seiner Gründung ständig ums Überleben – in Berlin, Paris oder London undenkbar. Doch die kreative Klasse möchte vor allem auch Neues entdecken, möchte die Vielfalt dieser Stadt rund um die Uhr und in all ihren Facetten spüren.

Veranstaltungen wie der in diesem Jahr zum fünften Mal stattfindende vdw-Award, ein Filmfest wie Nippon Connection, Veranstaltungsreihen wie der m2 MedienMittwoch oder jetzt neu Gameplaces sind Aushängeschilder für diese Stadt. Sie werden auch außerhalb der Region wahrgenommen, haben einen hohen Werbeeffekt und helfen mehr, Frankfurt ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, als immer neue Diskussionen und nicht finanzierbare Konzepte zum Standortmarketing. Denn diese Veranstaltungen, die vor allem dem Networking und dem Austausch der Branchen und ihrer Mitarbeiter dienen und nicht mit der Absicht, Gewinne zu erzielen, initiiert wurden, sind wichtige Marketingmaßnahmen für Frankfurt.

Wenn verhindert werden soll, dass die Musikindustrie der Stadt Frankfurt immer weiter den Rücken kehrt, wenn wieder mehr Film-, Kunst- und Kulturschaffende hier angesiedelt werden sollen, dann müssen sich alle politisch Verantwortlichen, aber auch alle Bürger, einem neuen Denken öffnen. Einem Denken, das die drei Ts – Talent, Technologie, Toleranz – berücksichtigt.

Frankfurt ist gut gerüstet für den Wettbewerb um die Creative Class. Frankfurt ist die Stadt der kurzen Wege zwischen den Dienstleistern untereinander und ihren Kunden. Es bildet sich mehr und mehr eine Subkultur aus kleineren Entwickler- und Tonstudios sowie Kreativagenturen und Publishern heraus. Und die großen Netzwerkagenturen, die Film- und Gamesindustrie oder Musiklabels profitieren von der kurzen Anbindung an die Welt, die der Flughafen RheinMain bietet.
    

Joerg Weber
Geschäftsführender Gesellschafter
Weber Networking
Frankfurt am Main
j.weber@weber-networking.de


infos

Infos zu den Awards, Ateliers und Veranstaltungen online unter:

www.medienmittwoch.de
www.gameplaces.de
www.atelierfrankfurt.de
www.vdw-award.de

IHK WirtschaftsForum
Juli - August 2006