Impulsgeber
In Frankfurt spielt die Musik

Einige Jahre lang war es ruhig um die Frankfurter Musikbranche geworden. Das hat sich grundlegend geändert: Aus Frankfurt kommt definitiv wieder Musik – und das nicht nur aufgrund der hier fest etablierten Musikmesse.

Frei interpretiert nach einem bekannten volkstümlichen Stück (geschrieben von Christian Bruhn) stellt sich zurzeit die Frage: Wie viel Musik kommt denn tatsächlich noch aus Frankfurt? Waren es von den Siebzigern bis in die Neunziger noch die Farian’schen Klänge der Bands Boney M., La Bouche, No Mercy und nicht zuletzt die Skandale um Milli Vanilli, so waren es in den Achtzigern und Neunzigern deutschlandweit wichtige Impulse, welche durch die in Frankfurt ansässige Schallplattenfirma CBS / Sony, und vor allem auch durch Soundkünstler wie Sven Väth – einem der Erfinder der Techno-Musik –, die Produzenten Anzilotti & Münzing mit Produktionen für Snap sowie Jam & Spoon den Musikmarkt prägten. Heute sind es doch eher nur noch gelegentliche Ausreißer aus den Nachbarstädten, die durch Castingshows auf sich aufmerksam machten. Auch Großveranstaltungen wie der beliebte Sound of Frankfurt waren in jüngster Vergangenheit Publikumsmagneten und vor allem auch Bühne der Region. In den darauf folgenden Jahren verschwand Sound of Frankfurt, Sony zog zu Beginn des Millenniums nach Berlin und die Hitproduzenten hielten sich bedeckt.

Nicht wenige Kreative fragten sich des Öfteren, was Frankfurt noch bietet, und ob der Umzug nach Berlin nicht die bessere Variante ist, denn dort scheinen sich jetzt alle niederzulassen. Wohl dem, der geblieben ist. Denn seit ein paar Jahren ist das musikalische Potenzial der Stadt und ihres direkten Umfelds wieder durchaus vorhanden. Und wie die folgenden Zahlen bestätigen, ist Frankfurt auf einem guten Weg, sich in der Branche wieder zu positionieren. 289 registrierte Unternehmen der Musik- und Audiowirtschaft zeigt uns der Kreativwirtschaftsbericht der Wirtschaftsförderung Frankfurt aus 2007, Tendenz steigend. Darunter fallen nicht nur die Künstler selbst, sondern vor allem die kleinen bis mittelgroßen Schallplattenfirmen (Labels), Musikvertriebe und Musikverlage. Sie machen mit etwa 40 Prozent einen Großteil des Musikstandorts FrankfurtRheinMain aus.

Global Player neben Independent-Unternehmen
In der Region treffen wir neben den der Stadt immer treu gebliebenen Edition Peters und Melodie der Welt – zwei Global Playern im Musikverlagsgeschäft – mittlerweile wieder auf etablierte Independent-Unternehmen wie die Intergroove Tonträger Vertriebsgesellschaft, die mit ihrem umfangreichen Katalog einen hervorragenden Ruf in der deutschen und internationalen Musiklandschaft genießt. Eine der erfolgreichsten Web Communities und Hersteller von Tonträger-Compilations, Big City Beats, ist ebenfalls in der RheinMain-Region zu Hause. Labels wie Essay Recordings, Infracom, Peacelounge Recordings, Poets Club, Muscon Records, Musik für Massen und Monogenuss Records mit internationalen Künstlern und Produktionen wie Shantel, Re:Jazz und My Baby Wants To Eat Your Pussy, verzeichnen wieder stetiges Wachstum. Darüber hinaus sind gleich zwei der größten deutschen Tourneeveranstalter in Frankfurt beheimatet. Die Frankfurter Clubs und Spielstätten wie beispielsweise Cocoon Club, Batschkapp, Nachtleben, Jahrhunderthalle, Hugenottenhalle, Capitol Offenbach sowie selbstverständlich Festhalle und Commerzbank Arena genießen einen hervorragenden Ruf, auch über die Landesgrenzen hinaus. Es macht den Anschein, dass die Region wieder im Begriff ist, sich ihren festen Platz als Teil der Kreativwirtschaft zurückzuholen.

Nicht zuletzt der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes ist es zu verdanken, dass Deutschland und seine Bundesländer erkannt haben, dass von den Kreativen im Land mehr kommt als nur schöne Musik, tolle Bilder und kritische Gedanken. Und davon profitiert auch Frankfurt. Für viele Alt-Frankfurter ist Berlin zu langweilig geworden, und es zieht sie nach dem Wegzug von Sony wieder zurück in die Heimat.

Waren in der Vergangenheit in Frankfurt noch Firmen beheimatet, die sich als Schmelztiegel der Kreativen etablierten, fehlt es heute an einem zentralen Anlaufpunkt für die Belange der Musik. Hier muss entschieden nachgebessert werden. Noch verflüchtigt sich das Feld Musikbranche zu sehr in kleinen Schachteln, einzelnen Zellen und ein paar wenigen Machern. Hier muss ein klarer Weg in Richtung Netzwerk gegangen werden. Konvergenz der Medien, Austausch von branchenübergreifendem Wissen und die Schaffung von Möglichkeiten der lokalen Zusammenführung sind nicht nur Schlagwörter, sondern vielmehr ein erstes grobes Raster, an dem sich die Szene orientieren, und das sie nach und nach mit Inhalten füllen kann.

Interessenverband gegründet
Erste Ansätze sind zu erkennen. So hat sich im August die Regionalgruppe Mitte des Verbands unabhängiger Musikunternehmen (VUT) gegründet. In ihr sind über 100 Labels, Verlage und freie Berater organisiert. Maßgeblich unterstützt wird die Regionalgruppe durch die Wirtschaftsförderung Frankfurt und durch die IHK Frankfurt. Der VUT-Mitte sieht sich als Bindeglied zwischen Politik, Wirtschaft und Musikschaffenden. Die Regionalgruppe hat es sich zur Aufgabe gemacht, Bundesinteressen der Branche in die Landespolitik zu übertragen, Interessen zu bündeln und den Wunsch nach einer zentralen Anlaufstelle im Sinne eines Clusters weiter nachdrücklich bei der Landespolitik einzufordern.

Ein nächster wichtiger Punkt zur Positionierung der Musik-Region Frankfurt ist die Ausweitung beziehungsweise Anpassung des Weiterbildungs- und Ausbildungsangebots. Gab es früher noch Möglichkeiten, sich in der Region FrankfurtRheinMain in vielen Betrieben ausbilden zu lassen, so ist dies heute kaum noch möglich. Auch hier werden in Zusammenarbeit mit der IHK und der Wirtschaft erste Schritte unternommen, um dies zu verbessern. Die Politiker in Frankfurt haben erkannt, dass sie mit den Musik-Kreativen nicht nur prima feiern können, sondern dass sie vielmehr eine Branche vertreten, die als Wirtschaftsfaktor der Region FrankfurtRheinMain wieder erheblich an Gewicht gewonnen hat. Gewicht, das durchaus aber der einen oder anderen Förderung bedarf. Und auch hier besteht Handlungsbedarf. Zwar wurde vor Kurzem das Thema Mikro-Kredit-Finanzierungen als Lösung präsentiert. Hier stellt sich allerdings die Frage der Verhältnismäßigkeit zu anderen Kreativbranchen und deren Förderung. So streichen beispielsweise die Film- und Gamesbranche ein Vielfaches an Fördergeldern ein.


Autor

Sven Robin
Geschäftsführer
42talent Entertainment Consultants
Hattersheim
Vorstand
VUT-Mitte
sven.robin@42talent.com
     

Link zum Thema
Weitere Infos online unter www.vut-mitte.de

IHK WirtschaftsForum
März 2010