Mobile soziale Netze: Immer und überall verfügbar

„Was wir heute unter Internet verstehen, wird sich durch mobile Technologien grundlegend wandeln“, schreibt Howard Rheingold in seinem Buch „smart mobs“. Ein Smart Mob ist eine Gruppe von Menschen, die sich intelligent und effizient vernetzt. Es verbreiten sich zunehmend Mobile-Software-Lösungen, die spezifisch auf mobile Endgeräte zugeschnitten sind und die steigenden technologischen Potenziale und Funktionalitäten der Handys ausschöpfen oder ergänzen.

Menschen können heute ständig Informationen abrufen, mit Dritten kommunizieren, sich in Gruppen organisieren oder gemeinsam etwas erarbeiten. Dazu benötigen sie nur geringes Wissen für den Umgang mit neuen Informations- und Kommunikationstechnologien. Vielfältige Anwendungen für Geschäftsalltag und Privatleben werden erfolgreich erprobt und stoßen bei vielen Nutzern auf Akzeptanz. Soziale Netze werden mittels Personal Computer, Smart Phones, Personal Digital Assistents sowie Notebooks oder Netbooks gepflegt. Die mobilen Endgeräte sind in der Regel eindeutig einer Person zugeordnet und als „mobile Schweizer Taschenmesser“ stetig verfügbar.

Mobiles Internet für alle
Die Entwicklung mobiler sozialer Netze ist für Technologieanbieter, Netzbetreiber und Dienstleistungsanbieter interessant. Deutlich wird die künftig enorme Bedeutung des mobilen Internets unter anderem durch das hohe Engagement von Google mit seinem Open Source Handy-Betriebssystem Android, wie auch die Initiative von Nokia, das Symbian-Betriebssystem aufzukaufen und anzukündigen, diese Software ebenfalls im Herbst dieses Jahres als Open Source Software zur Verfügung zu stellen.

Die Nutzung des sozialen Internets über mobile Endgeräte war lange Zeit nur Frühadoptoren leistungsfähiger Mobilfunktechnologie vorbehalten. Heute können auch Durchschnittsnutzer das soziale Internet jederzeit und überall nutzen. Die Nutzer- und Zielgruppen sind vielfältig. Insbesondere junge Menschen zwischen 14 und 24 zählen zu den Frühadoptoren, aber auch bei älteren Menschen haben ausgewählte Angebote beispielsweise an der Schnittstelle zu Gesundheit/Wellness oder zum Auto Interesse geweckt.

Soziale Netze: geschäftlich und privat
Beispiele finden sich für Unternehmen und Privatpersonen gleichermaßen: Seit 1998 ermittelt Lovegety in Japan mögliche Partner und signalisiert, wenn sie sich in räumlicher Nähe befinden. Auch in Berlin können Nutzer von plazes.com ihren Aufenthaltsort Freunden und Fremden mitteilen. Auf Konferenzen ermöglicht die Anwendung Experience Ubicomp mittels RFID-Technologie, gewünschte Gesprächspartner zu identifizieren. Winksite.com bietet die Möglichkeit, einfach und schnell Informations- und Kommunikationsangebote wie Foren, Chats oder mobile Marktplätze für das mobile Internet zu erstellen. Das Zusammenführen von GPS-Informationen und Bilddaten, wie auch die direkte Verbindung mit Landkartenmaterial und enzyklopädischen Hintergrundinformationen zeichnen locr.com aus. Hier werden Aufnahmen mit digitalen Kameras und Standortdaten miteinander verknüpft.

Konzerne wie Coca-Cola oder McDonalds nutzen werbefinanzierte mobile Dienstleistungen für Customer Relationship Management, beispielsweise durch Gewinnspielcodes in den Deckeln von Getränkeflaschen. Im Vergleich zum klassischen Internet können Kunden hier kontext- oder personenbezogen gezielt erreicht werden. Die persönliche Mobilfunknummer ist in das Blickfeld der Marketingexperten gerückt – die Folgen der Preisgabe dieser sehr persönlichen Telefonnummer für Marketingzwecke sind noch nicht absehbar.

Chancen und Gefahren
Wie bereits bei früheren Entwicklungssprüngen im Bereich von Informations- und Kommunikationstechnologien, liegen Chancen und Gefahren eng beieinander. Wirtschaftliche Potenziale für die Anbieter, Bequemlichkeit der Kunden und Bedrohungen für den Schutz der Privatsphäre stehen zu Recht im Blickpunkt von Forschung, Daten-und Verbraucherschutz.

Marktforschungsergebnisse betonen die steigende Bedeutung mobiler sozialer Software für den wirtschaftlichen Erfolg von Herstellern und Netzbetreibern sowie das Interesse diverser Nutzungsgruppen an mobilen Multimediadiensten. Vor allem im Bereich mobile Content sowie im Bereich von Community-Lösungen sind auch kleine und mittlere Unternehmen tätig. Von besonderer Bedeutung ist es dabei, dass aufgrund der Größe des Marktes auch Nischenanwendungen wirtschaftlich erfolgreich sein können. International werden Marktchancen dort erwartet, wo Mobilfunk hohe Verbreitung und Nutzungsraten aufweist oder wo Mobilfunk das vorherrschende Kommunikationsmittel ist.

Mobile soziale Netze verändern Nutzungsmuster und Kommunikationskulturen. Sie ermöglichen neue Geschäftsmodelle und Lösungsansätze für gesellschaftliche Herausforderungen. Neben den Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft sind aber auch nachteilige Auswirkungen frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden. Experten benennen an vorderster Stelle Risiken für den Schutz der Privatsphäre durch ortsbezogene und personalisierte Anwendungen. Diese wichtigen Herausforderungen zum Spannungsverhältnis zwischen Sicherheit und Privatsphäre finden derzeit wenig Aufmerksamkeit, ebenso wie Fragen zu den Wirkungen mobiler sozialer Netze auf Kommunikationsstrukturen und -kulturen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Entwicklung schreitet schnell voran, aber sie sollte nicht nur gefördert, sondern auch gestaltet werden.



Britta Oertel Leiterin
Fachbereich Informationsmanagement und -technologie,
IZT – Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, Berlin

Christian Köster
Wissenschaftlicher Mitarbeiter,
IZT – Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, Berlin


IHK WirtschaftsForum
Januar 2009


Beispiele für den Einsatz von mobilen sozialen Netzen in KMU:
- Sicherer Zugang zum Unternehmensnetzwerk über eine verschlüsselte Verbindung (Stichwort: VPN)
- Lokalisierung und Routenverfolgung, Navigation
- Instant Messaging, Chats
-Unterstützung von Außendienstmitarbeitern durch die Kombination von automatischen Identifikationssystemen wie RFID und Datenaustausch (Online-Manual)
- Unterstützung von Außendienstmitarbeitern durch Videokommunikation, zum Beispiel bei der Fehleranalyse
- Vereinbarung von Terminen in Experten-Communities, beispielsweise auf Konferenzen