Elektromobilität: Der Zukunft voraus

Ein Gespräch mit Axel Wintermeyer, Chef der Hessischen Staatskanzlei, über die Bewerbung Hessens als Schaufensterregion für Elektromobilität und das Leuchtturmprojekt Gateway Gardens.

Herr Wintermeyer, die Region FrankfurtRheinMain bewirbt sich beim Bund als Schaufensterregion für Elektromobilität. Was verspricht sich die Landesregierung – abgesehen von stattlichen Fördergeldern – von dieser Initiative?

Wintermeyer: Elektromobilität hat für die Landesregierung eine besondere Bedeutung: Die RheinMain-Region ist Deutschlands Verkehrsdrehkreuz. Hier sind viele Unternehmen aus den Segmenten Automobil und Elektromobilität tätig. Zudem sind wir ein großer Forschungsstandort. Diese Fakten passen perfekt zusammen, um sich als Schaufensterregion zu bewerben. Dies ist übrigens die Nachfolgeinitiative der „Modellregionen Elektromobilität“, bei der sich RheinMain und Nordhessen bundesweit erfolgreich als eine von insgesamt acht Leitregionen positioniert haben. Wir führen derzeit noch Gespräche mit Rheinland-Pfalz und Aschaffenburg, um eine länderübergreifende Bewerbung hinzubekommen. Das wäre ein starkes Signal.

Wie schätzen Sie die Erfolgschancen der hessischen Bewerbung ein?

Wintermeyer: Wir rechnen uns gute Chancen aus, denn wir haben überzeugende Alleinstellungsmerkmale. Positiv ist auch, dass viele Unternehmen die Bewerbung unterstützen. Angefangen bei Opel, dem größten Produzenten von Fahrzeugen in der Region, über Zulieferer der Automobilindustrie – das sind allein 160 Betriebe in Hessen – und Unternehmen, die ihren Fuhrpark der Elektromobilität öffnen. Die Bewerbung ist somit nicht die Bewerbung der Landesregierung, sondern eine Gemeinschaftsbewerbung von Politik und Wirtschaft, aber auch der Forschung. In Hessen haben wir gelernt, dass wir miteinander und nicht gegeneinander arbeiten müssen, um erfolgreich zu sein.

Die Konkurrenz schläft nicht: Wo kann Hessen bei der Bewerbung punkten?

Wintermeyer: In der Bewerbungsphase schauen wir nicht auf die Konkurrenz, Hessen kämpft für den eigenen Erfolg. Innerhalb Europas sind wir eine der bedeutendsten Verkehrsdrehscheiben: Jährlich 53 Millionen Passagiere am Flughafen, täglich 330 000 Fahrzeugbewegungen am Frankfurter Kreuz sowie 350 000 Reisende und Pendler am Frankfurter Hauptbahnhof. Das sind überzeugende Zahlen. Das ist Verkehr im wahrsten Sinne des Wortes. Und wo Verkehr ist, wird in Zukunft auch Elektromobilität sein.

Gibt es Leuchtturmprojekte?

Wintermeyer: In Gateway Gardens am Frankfurter Flughafen wird die urbane Mobilität der Zukunft vorweggenommen: Auf dem Gelände der früheren US-Airbase entsteht ein Nukleus, eine Keimzelle der Elektromobilität. An diesem Standort werden Stadtentwicklung, Wohnen, Arbeiten und Mobilität auf das Intensivste miteinander verknüpft. In diesem neuen Stadtquartier wird der Beweis angetreten, wie leistungsfähig Elektromobilität schon heute ist.

Inwieweit unterstützt die Forschung die Nachhaltigkeitsstrategie der Landesregierung und insbesondere die Bemühungen, ein Vorreiter der Elektromobilität zu sein?

Wintermeyer: Hessen hat sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der angewandten Forschung enorme Wissensvorräte. An den hessischen Hochschulen gibt es 50 Professoren und 250 Wissenschaftler, die sich mit den Themen Logistik und Mobilität befassen. Hinzu kommen noch die Forschungs- und Entwicklungszentren in den Unternehmen. Ergänzend benötigen wir sozialwissenschaftliche Begleitforschung, die uns die Wissenschaft bereits liefert: Schon jetzt liegt Carsharing im Trend, das Statussymbol Auto verliert zunehmend an Bedeutung. Hier ist auch die Automobilindustrie gefordert, mit neuen Konzepten auf das geänderte Benutzerverhalten zu reagieren.

Spielt das House of Logistics and Mobility, kurz Holm, bei der Bewerbung als Schaufensterregion eine zentrale Rolle?

Wintermeyer: Das Holm rundet unsere Bewerbung ab. Wirtschaft und Wissenschaft haben das Forschungs- und Bildungszentrum gemeinsam gegründet, um die Kompetenzen intensiver zu vernetzen. Dank dieser gebündelten Expertise werden zukunftsweisende Lösungsansätze in den Feldern Logistik und Mobilität nicht nur diskutiert, sondern angepackt.

Die deutsche Automobilindustrie hinkt bei der Produktion von Elekt­rofahrzeugen der Nachfrage hinterher. Sehen Sie eine Möglichkeit, die Entwicklung zu beschleunigen?

Wintermeyer: Zugegeben, Deutschland hat erheblichen Nachholbedarf. Dabei ist das Interesse von Handwerk, Handel und Industrie enorm, Elektrofahrzeuge anzuschaffen und für kürzere Fahrten zu nutzen. Aber die Fahrzeuge sind in den entsprechenden Stückzahlen derzeit nicht auf dem Markt. Und wer größere Stückzahlen benötigt, muss sie meist in Asien kaufen. Von der Bewerbung als Schaufensterregion soll daher ein entscheidender Impuls für die Industrie ausgehen, mehr Elektrofahrzeuge in Deutschland zu produzieren und zugleich Tausende Arbeitsplätze zu sichern.

Wie wollen Sie die Akzeptanz von Elektromobilität in der Wirtschaft weiter erhöhen?

Wintermeyer: Mit dem Ampera bietet Opel seit Kurzem ein erstes serienreifes Elektroauto an. Nicht zuletzt von solchen Pionieren sowie deren Alltagstauglichkeit und Wahrnehmung im öffentlichen Straßenraum ist die künftige Akzeptanz von Elektrofahrzeugen in der Wirtschaft und im Privatbereich abhängig. Sofern wir den Zuschlag erhalten, werden wir mit den Fördermitteln des Bundes natürlich Anreize geben, damit sich Unternehmen beim Kauf eines Firmenwagens trotz der momentan noch höheren Anschaffungskosten für ein Elektrofahrzeug entscheiden. Wir denken zudem über nichtmonetäre Privilegien nach, zum Beispiel eine Bevorrechtigung von Elektrofahrzeugen auf Bus- und Taxispuren oder Sonderrechte beim Parken in den Innenstädten. Das muss im Einzelfall aber mit den Kommunen besprochen werden.

Die Akzeptanz von Elektrofahrzeugen ist nicht nur von der Leistung, sondern auch von den Anschaffungskosten abhängig. Diese sind noch sehr hoch, nicht jeder kann sich Elektromobilität leisten.

Wintermeyer: Das wird sich bald ändern. Denn je mehr Menschen diese Zukunftstechnologie nutzen, desto günstiger wird sie. Hessen hat dennoch beste Voraussetzungen, sich schon jetzt als Leitmarkt für Elektromobilität zu positionieren. Erstens: Die Hessen sind sehr mobil. Zweitens: Die Region ist wirtschaftsstark. Mit rund 72 000 Euro hatte Hessen in 2010 das höchste Bruttoinlandsprodukt aller Flächenländer pro Erwerbstätigem in Deutschland. In FrankfurtRheinMain gibt es somit einen interessanten Absatzmarkt für Elektrofahrzeuge.

Nun gibt es nicht nur Elektrofahrzeuge mit Batteriebetrieb, sondern auch Autos mit Hybridantrieb oder Brennstoffzellenfahrzeuge. Hat die Landesregierung auch alternative Antriebsformen bei ihrer Bewerbung als Schaufensterregion im Blick?

Wintermeyer: Ja, wir haben im Sinne des Klimaschutzes sämtliche alternativen Antriebstechniken in das Konzept integriert. Bewusst haben wir unser Motto weit gefasst: „Strom bewegt – Elektromobilität Hessen“. Das sagt alles.

Ende 2010 gab es bundesweit knapp 950 Stromtankstellen, davon befinden sich 140 in der Modellregion Elektromobilität RheinMain. Diese Zahlen belegen, dass es Nachholbedarf gibt. Wie will die Landesregierung die Ladeinfrastruktur verbessern?

Wintermeyer: Kein Thema, wir brauchen weitere Ladesäulen für Elektrofahrzeuge. Mit den Energieversorgern in der Region haben wir gute Kooperationspartner an der Seite. In Frankfurt gibt es momentan 40 öffentliche Ladesäulen, welche teilweise bis zu vier Anschlüsse vorhalten, und eine Wasserstofftankstelle.

Geht die Landesregierung in Sachen Elektromobilität mit gutem Beispiel voran?

Wintermeyer: Hessenweit haben wir momentan auf Ebene der Ministerien fünf Elektrofahrzeuge in Betrieb. Die Staatskanzlei hat einen Kleinwagen mit Elektromotor, hauptsächlich für Dienstfahrten innerhalb des Stadtgebiets sowie bis Frankfurt und Umgebung, sowie ein Elektrofahrrad für Dienstfahrten innerhalb von Wiesbaden. Zudem besitzen wir ein Wasserstoffhybrid-Fahrzeug, das für Mittelstrecken-Fahrten genutzt wird. Sofern sie in das Verwendungsportfolio hineinpassen, sollen künftig auch in anderen Ministerien größere Stückzahlen angeschafft werden. Den größten Anteil am Fuhrpark des Landes haben aber Polizeifahrzeuge. In diesem sensiblen Bereich auf Elekt­rofahrzeuge umzustellen, ist derzeit aufgrund der Aktionsradien, die Polizeifahrzeuge aus Sicherheitsgründen haben müssen, noch nicht möglich.



Interview

Detlev Osterloh

Geschäftsführer
IHK Frankfurt
Innovation und Umwelt
d.osterloh@frankfurt-main.ihk.de


Petra Menke
Chefredakteurin
IHK WirtschaftsForum
Unternehmermagazin der IHK Frankfurt
p.menke@frankfurt-main.ihk.de




Schaufenster Elektromobilität

Die Bundesregierung möchte Deutschland als Leitmarkt und Leitanbieter der Elektromobilität positionieren. Bis zum Jahr 2020 sollen mindestens eine Million Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen fahren. Damit die Öffentlichkeit Elektromobilität erleben beziehungsweise buchstäblich erfahren kann, soll die deutsche Technologiekompetenz bundesweit in drei bis fünf sogenannten Schaufensterregionen dargestellt werden. Hierfür stellt der Bund 180 Millionen Euro zur Verfügung. Bewerbungsschluss ist der 16. Januar, die Ergebnisse liegen im März vor. Weitere Infos online unter www.bmvbs.de (Suchbegriff Schaufenster Elektromobilität) und www.strom-bewegt.hessen.de.


 

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Dezember 2011, Januar 2012

 

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