Ergebnisse des Expertenworkshops "Zukunft der Mobilität in FrankfurtRheinMain" vom 30.05.2011
An sechs Thementischen diskutierten rund 100 Experten über die Zukunft der Mobilität in FrankfurtRheinMain. Die Themenbreite reichte von Finanzierungsfragen über die Organisation der Ballungsraumlogistik bis hin zu demographischen Fragestellungen und deren Auswirkungen auf die Mobilität der Zukunft.
In der nebenstehenden Workshopdokumentation finden Sie die wesentlichen Aussagen und Kernthesen übersichtlich zusammengefasst. Diese Publikation stellt einen Ideenpool von zahlreichen Ansätzen dar, der weiterer Diskussion bedarf.
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ZUSAMMENFASSUNG
Diese Zusammenstellung gliedert die gebündelten Teilbereiche jeweils in „Probleme und Defizite“ und „Lösungsvorschläge“.
Eine Ausnahme bilden die Themen „Demografische Entwicklungen“,
„Verkehrsverlagerungen auf die Bahn“ und „Überdurchschnittliches Verkehrswachstum auf allen Verkehrsträgern“; hierzu wurden keine Lösungsvorschläge genannt.
Die Aussagen in diesem Bereich müssen als Rahmenbedingungen angesehen werden. Sie stehen am Anfang der Zusammenstellung (I. Anzunehmende zukünftige Entwicklungen).
I. ANZUNEHMENDE ZUKÜNFTIGE ENTWICKLUNGEN
1. Rückgang der Verkehrsnachfrage aufgrund des demografischen Wandels
In der Region FrankfurtRheinMain bleibt durch den Zuzug von Menschen die Gesamtbevölkerung weitgehend stabil. Die räumliche Verteilung innerhalb der Region wird sich hingegen ändern: in ländlichen Regionen wird teilweise ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen sein, während für die Städte, insbesondere für Frankfurt am Main, ein Bevölkerungszuwachs erwartet wird.
Aufgrund der niedrigen Geburtenrate geht der Schülerverkehr in den ländlichen Räumen deutlich zurück. Dies hat zur Folge, dass das Mobilitätsangebot reduziert wird.
Bei der Planung zukünftiger Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen sollten die demografischen Entwicklungen beachtet und Ausbauprojekte mit Bedacht geplant werden.
2. Überdurchschnittliches Verkehrswachstum auf allen
Verkehrsträgern
Das Verkehrsaufkommen insgesamt wird erheblich zunehmen; Experten gehen im Güterverkehr beispielsweise von einem Zuwachs von 70% bis zum Jahr 2025 aus
(Quelle: BMVBS). Die überdurchschnittlichen Wachstumsraten im Bundesvergleich betreffen alle Verkehrsträger. Auch wenn es im Personenverkehr zu Verlagerungen auf den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) kommt, wird auch der motorisierte Individualverkehr (MIV) steigen. Begründungen: höhere Flexibilität, Leistungsschwächen des ÖPNV, größere Zahl aktiver Führerscheininhaber.
3. Verkehrsverlagerung hin zur Bahn
Die Verkehrsverlagerungspotenziale – hin zur Bahn – sind in FrankfurtRheinMain nur gering; sie würden kaum ökologische Entlastungen bringen. Verlagerungen des Güterverkehrs auf die Bahn sind aus mehreren Gründen nur begrenzt möglich: Vorrang des Personenverkehrs, Rückbau von Gleisanschlüssen, Bevorzugung von Ganzzugverkehr seitens der DB AG sowie Systemvorteile des Lkws in Ballungsräumen.
II. PROBLEMFELDER UND LÖSUNGSANSÄTZE
1. Wünsche und Forderungen aus gesellschaftlicher Sicht
Probleme und Defizite
- Der Freizeitverkehr, der im Wesentlichen individuellen Charakter hat, macht ca. 50 % aller zurückgelegten Wege aus.
- Mobilitätsmöglichkeiten sind Voraussetzung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Teile der Bevölkerung werden durch die bestehenden ÖPNV-Angebote in ihrer Mobilität eingeschränkt; dies gilt insbesondere für ältere Menschen.
- Die Erreichbarkeit der Innenstadt ist ein wichtiger Standortfaktor und ausschlaggebend für die Teilhabe am öffentlichen Leben.
- Der ÖPNV berücksichtigt nicht überall die Anforderungen und Bedürfnisse älterer Menschen.
-
Die Einsicht, dass der Verkehr in seiner heutigen Struktur und seinem Umfang auch negative Effekte hat, nimmt im Bewusstsein der Bevölkerung deutlich zu (die Notwendigkeit der Reduktion von Umweltbelastung und Gesundheitsschädigungen sowie von Energieeinsparungen wird in Teilen der Bevölkerung positiv gesehen).
Lösungsansätze
- Durch Informationen, positive Beispiele, Werbung und spezielle Angebote soll die Veränderung im Mobilitätsverhalten angeregt und gefördert werden.
- Barrierefreie Zugänge (u. a. Niederflursysteme) an den Haltestellen sowie z. B. „Stopp-Knöpfe“ in den Fahrzeugen des ÖPNV sind flächendeckend zu bauen bzw. zu installieren.
2. Regionale Siedlungs- und Verkehrsplanung und Finanzierung
Probleme und Defizite
- Die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur ist vielfach unkoordiniert und durch reaktive Einzelmaßnahmen geprägt.
- Überörtliche Konzepte für die Siedlungs- und Verkehrsinfrastruktur sowie für die Verkehrslenkung werden nicht stringent umgesetzt.
- Der Bundesverkehrswegeplan ist kein Steuerungsinstrument: für die Ballungsräume mit hohem Verkehrsaufkommen sind zu wenig Investitionen vorgesehen. Viele Planungen werden vorgenommen und genehmigt, sie werden jedoch wegen fehlender Investitionsmittel nicht umgesetzt. Diese Planung ins Ungewisse stellt eine wenig zielgerichtete Verwendung der ohnehin knappen finanziellen Ressourcen dar.
- Es besteht eine chronische Unterfinanzierung bei Infrastrukturausbau und -instandhaltung.
- Bei der Instandhaltung sanierungsbedürftiger Infrastruktur werden häufig eher „kosmetische“ Maßnahmen anstatt einer grundlegenden Sanierung durchgeführt.
- Bei gleichzeitigem Verkehrswachstum ist eine Finanzierungslücke für den Ausbau der Infrastruktur zu befürchten.
Lösungsansätze
- Es besteht höchste Priorität für den Ausbau und die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur in FrankfurtRheinMain. In Hinblick auf die Finanzierung von Infrastruktur und Verkehrsdienstleistungen sollte höhere Verlässlichkeit
- zugesichert werden.
- Ansiedlungen sollten entlang der Verkehrsachsen an den Siedlungsschwerpunkten vorgenommen werden und nicht umgekehrt.
- Zweckbindung der Einnahmen aus der Mineralölsteuer für Verkehrsinfrastruktur sollte durchgesetzt werden. Alternative Finanzierungsmöglichkeiten sind zu prüfen. (Maut, PPP-Modelle, Infrastrukturfonds, Nahverkehrsabgabe für Unternehmen, Erschließungsbeiträge).
- Gegenüber dem Bund sollte das Lobbying der Region FrankfurtRheinMain bezüglich der Mobilitätsinfrastruktur deutlich verbessert werden.
3. Verkehrssteuerung
Probleme und Defizite
- Hohe Verkehrsauslastungen mehrerer Verkehrsträger im gleichen Zeitfenster führen zu Verkehrsspitzen und somit zu Staus, Lärm und vermeidbaren Abgasen; Wirtschaftsunternehmen werden durch Effizienzverluste und Mehrkosten belastet.
- Der Lieferverkehr hat in den Innenstädten bei der Auslieferung Parkprobleme; Parken in der zweiten Reihe verursacht Staus.
-
Die wahren Kosten (Betriebskosten, Investitionsabschreibungen) werden zu wenig berücksichtigt.
Lösungsansätze
- Die Verkehrsflüsse lassen sich durch Optimierungen noch erheblich steigern.
- Einführung intelligenterer Verkehrssteuerungssysteme, z. B. interaktive Verkehrszeichen, individuelle Verkehrsinformationen, individuelle Parkleitsysteme etc.
- Einrichtung fester Lieferzeiten in den Innenstädten, abgestimmt zwischen Lieferanten und deren Kunden, jedoch unter Vermeidung der Hauptpendlerzeiten.
- Einführung einer abgestuften Anlieferungsmaut, die zur Reduzierung des Verkehrsaufkommens in Stoßzeiten führen soll.
- Zentrale Abholstationen für Paketzusteller an stark frequentierten Einrichtungen oder Verkehrswegen.
- Einrichtung von Fahrstreifen, die zu Stoßzeiten nur von Fahrzeugen mit mindestens zwei Insassen befahren werden dürfen, auf Autobahnen oder ausgewählten Bundesstraßen in Ballungsräumen.
- Fahrstreifen für Fernverkehr auf den Durchgangsautobahnen der Region.
- Durch Preise, die sich an den wahren Kosten orientieren, würde sich ein verkehrssteuernder Effekt einstellen.
4. Angebote und Informationen im ÖPNV
Probleme und Defizite
- Es fehlen bedarfsgerechte, flexible Angebote.
- Die Informationen über die ÖPNV-Möglichkeiten sind nicht ausreichend; es fehlt an Transparenz.
- Die ÖPNV-Angebote sind häufig zu wenig abgestimmt; sie sind nicht immer miteinander kombinierbar.
- Neue Mobilitätsangebote sind noch nicht ausreichend vernetzt. (Es fehlen beispielsweise Hinweise auf Carsharing-Stationen.)
- Neue Mobilitätsangebote werden nicht ganzheitlich vermarktet.
Lösungsansätze
- Tür-zu-Tür-Mobilität fördern und transparenter informieren.
- Bestehende Mobilitätsdienstleistungen untereinander und mit neuen, ergänzenden Angeboten vernetzen, um ein ganzheitliches ÖPNV-Angebot zu schaffen.
- Eine übergeordnete Mobilitätsmanagementzentrale für FrankfurtRheinMain einrichten.
- Transparente Preisstellung über die gesamte Wegekette hinweg.
- Mobilitätsverbünde für die ganze Region und verkehrsträgerübergreifend schaffen.
- Größere Attraktivität des ÖPNV schaffen: „besseres Verstehen des Fahrgasts“, Imageverbesserung (Zürich als Beispiel).
- Konsequente Einhaltung der Qualitätskriterien Pünktlichkeit, Komfort und Sicherheit.
- Neue ÖPNV-Formen fördern und ausbauen: spezielle Taxiangebote, Mitfahrzentralen, Rufbusse, Anrufsammeltaxis.
- Sie sollen den Linienverkehr ergänzen und nicht konkurrierend auftreten.
- Mobile Supermärkte, Banken, Ärzte usw. versorgen den ländlichen Raum und die Vororte.
- Informationsveranstaltungen für Altenheime, Vereine, Neubürger, Schüler und generell für interessierte Bürger.
- Ein übergreifendes Freizeitverkehrskonzept sollte entwickelt werden.
5. Neue Verkehrsmittel
Probleme und Defizite
- Elektromobilität – als ein Beispiel für alternative Antriebstechnologien – enthält Entwicklungspotenziale über die Antriebstechnik hinaus, die bisher noch nicht deutlich genug herausgestellt wurden.
- Elektromobilität bietet Chancen für Flottenbetreiber und Logistik, die zurzeit noch
- nicht genutzt werden können.
- Carsharing und Fahrradverleih haben noch keine nennenswerte Verbreitung gefunden.
Lösungsansätze
- Neue Mobilitätsformen sollten durch Anreize gefördert werden.
- Der Stellenwert des Fahrrads und damit verbundener Anforderungen sollte erhöht werden (Abstellmöglichkeiten, Leihmöglichkeiten, schnelle Reparaturen).
- Carsharing-Abstellplätze sollten an zentralen Stellen in der Innenstadt eingerichtet werden.
-
Nicht nur Elektro-Pkw, sondern auch Elektrofahrrad und -motorroller sind interessante neue alternative Verkehrsmittel.
6. Maßnahmen der Politik und regionaler Institutionen
Probleme und Defizite
- Es fehlt ein Mobilitätsleitbild für die Region FrankfurtRheinMain.
-
Appelle reichen nicht: Im Hinblick auf Umweltverträglichkeit und Ressourcenschonung ist ein ordnungspolitischer Rahmen zu schaffen.
Lösungsansätze
- Es sollten ein Leitbild für Freizeitverkehr erstellt und ein Siedlungs- und Mobilitätskonzept für die Region FrankfurtRheinMain entwickelt werden.
- Eine verfasste Region könnte die Grundlage für die Durchsetzung und Umsetzung eines solchen Konzepts sein.
- Wünschenswert sind gemeinsame, regional ausgerichtete Entscheidungen und Planungen in FrankfurtRheinMain (z. B. gemeinsame Gewerbesteuer-Hebesätze).
- Kooperationsformen zwischen Nutzern, Intermediären (z. B. Schulen, Unternehmen), öffentlichen Einrichtungen und Anbietern sollten verpflichtend eingeführt werden.
- Es sollte ein „Runder Tisch“ für Mobilität und Verkehr in FrankfurtRheinMain gebildet werden.
7. Überlagerung von Verkehren
Probleme und Defizite
FrankfurtRheinMain ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in Deutschland und Europa und eine Hauptwirtschaftsregion. Die Überlagerung von Fern- und Nahverkehr
sowohl im Personen- als auch im Güterverkehr führt immer wieder zur Überlastung der gegebenen Infrastruktur.
Lösungsansätze
- Wiederaufnahme des Konzepts der City-Logistik: Gemeinsame Belieferung von Handels- und Dienstleistungsunternehmen in Innenstädten durch ein abgestimmtes Auslieferungssystem.
- Einrichtungen des kombinierten Verkehrs sollten geschaffen werden (z. B. auf dem ehemaligen Ticona-Gelände im Westen Frankfurts).
- Erweiterung der Lkw-Stellplätze auf Autobahnen, z. B. durch mehrstöckige Pkw-Parkflächen und/oder nachts Freigabe der Pkw-Parkflächen für Lkws.
- Leitsystem für Lkws zur Parkplatzsuche auf Autobahnen.
III. FAZIT
Die Diskussionsergebnisse zeigen, dass Lösungen für den zukünftigen Ballungsraumverkehr weniger bei neuen technologischen Konzepten oder intensiven Investitionen zu suchen sind. Der überwiegende Teil der aufgezeigten Probleme und Defizite bezieht sich vielmehr auf politische und institutionelle Maßnahmen in Form von Kooperationen, Abstimmungen, Planungen sowie Information und Kommunikation. Hier werden die Schwierigkeiten einer Region mit polyzentrischer Struktur deutlich.
Der größte Teil der Aussagen und Vorschläge bezieht sich auf den ÖPNV. Die Defizite in diesem Bereich sind überwiegend bekannt. Eine zunehmende Bereitschaft der
Bevölkerung, vom MIV auf den ÖPNV umzusteigen, ist als Chance, aber auch als Herausforderung für den ÖPNV zu sehen. Keineswegs geht es hierbei um eine Ausweitung des konventionellen ÖPNV-Liniennetzes („Mehr vom Gleichen“), vielmehr zeigen die Lösungsansätze ein vielfältiges Gestaltungsfeld auf.
Von den verschiedenen Vorschlägen sind bereits einige bekannt; dennoch ist es angebracht, sie zu wiederholen und ihnen damit erneut Gewicht zu verschaffen. Viele
Lösungsvorschläge erscheinen neu und verfolgenswert.
Mit der Veranstaltung „Zukunft der Mobilität in FrankfurtRheinMain“ in der IHK Frankfurt am Main wurde ein erster Schritt zu einer zukunftsorientierten Verbesserung des
Verkehrs in FrankfurtRheinMain getan. Es ist zu wünschen, dass darauf aufbauend Auswertungen, Analysen und Umsetzungen zügig in Angriff genommen werden.
Ansprechpartner
Zukunft der Mobilität in FrankfurtRheinMain bis 2030
Ortskenntnisprüfung für Taxifahrer
- Wie werde ich Taxifahrer in Frankfurt am Main? Dieser Film zeigt, was angehende Taxifahrer tun müssen, um in Frankfurt ein Taxi führen zu dürfen.
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