Neue Dimensionen
Ein Gespräch mit Dr. Stefan Schulte, Fraport-Vorstandsvorsitzender, über den Ausbau des Frankfurter Flughafens

STANDORT-SCHULTE-FRAPORTHerr Dr. Schulte, vergangenes Jahr 1,4 Prozent weniger Flugbewegungen, 1,3 Prozent weniger Passagiere sowie 2,7 Prozent weniger Luftfracht. Die Zahlen zeigen: Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat auch den Frankfurter Flughafen erwischt. Warum sehen Sie dennoch den Frankfurter Flughafen am Kapazitätslimit und bauen aus?

Wir brauchen die neue Landebahn auf jeden Fall. Selbst wenn die Krise die erwarteten Steigerungen der Passagier- und Frachtzahlen zeitlich etwas nach hinten verschieben wird, werden sie kommen. Jede Krise in der Vergangenheit hatte teilweise gravierende negative Auswirkungen auf den Luftverkehr, die aber jedes Mal in kurzen Fristen durch überdurchschnittliches Wachstum mehr als ausgeglichen wurden. Der Flughafen Frankfurt operiert als Tor zur Welt bereits seit Jahren - auch aktuell - an seiner Kapazitätsgrenze. Maximal 83 Starts und Landungen pro Stunde sind hier derzeit möglich. Die Nachfrage der Fluggesellschaften liegt aber um bis zu 15 Prozent über dem, was wir anbieten können. Mit der neuen Landebahn werden wir unsere Kapazitäten um 50 Prozent auf 126 Flugbewegungen in der Stunde steigern.

Welche weiteren Vorteile bringt der Ausbau mit sich?

Höhere Kapazitäten führen zu weiteren Flugverbindungen und damit zu zusätzlichen Flugzielen in die Welt. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass fast 70 Prozent aller interkontinentalen Verbindungen, die Deutschland berühren, über den Flughafen Frankfurt abgewickelt werden, ebenso 40 Prozent des Cargo-Wertaufkommens im Im- und Export. Damit wird deutlich: Wenn Deutschland in einer globalisierten Welt weiter wirtschaftlich gesund wachsen will, müssen wir ausbauen. Deswegen ist der Flughafen-Ausbau in Frankfurt auch eine nationale Aufgabe.

Der Flughafen in Frankfurt gehört heute zu den weltweit ganz Großen, er ist ein Dreh- und Angelpunkt im globalen Streckennetz. Wieso ist ein solcher internationaler Luftverkehrs-Hub ein Standortvorteil für die hier lebenden Menschen und für die Unternehmen?

Die Prosperität und Internationalität der Stadt Frankfurt und der RheinMain-Region haben einen entscheidenden Grund: den Flughafen Frankfurt mit seinen weltweit etwa 320 Zielen in über 100 Ländern. Über 71 000 Menschen verdienen am Airport ihren Lebensunterhalt, nach dem Flughafenausbau kommen weitere 100 000 Arbeitsplätze am Flughafen, in der Region und darüber hinaus dazu. Der Flughafen ist die Keimzelle für die hervorragende wirtschaftliche Entwicklung der Region und insbesondere der Stadt Frankfurt. Niemand kann ernsthaft glauben, dass sich Frankfurt ohne den Airport als Top-Bankenstandort und Sitz der Deutschen Börse etabliert hätte.

Der Flughafen entwickelt sich immer mehr zur Airport City. Das ist sicherlich gut für den Einzelhandel, der auf den attraktiven Flächen im Airport angesiedelt ist. Aber der Flughafen kann den umliegenden Zentren künftig Kaufkraft entziehen. Was können Ihrer Ansicht nach die städtischen Zentren tun, um attraktiv und damit wettbewerbsfähig zu bleiben?

Richtig ist, dass wir unser Geld zunehmend durch den Einzelhandel und im Immobilienmanagement verdienen. Der Flughafen Frankfurt ist für viele Passagiere nicht nur flüchtige Durchgangsstation während einer Flugreise, sondern ein attraktiver Marktplatz, der vor dem Ab- oder Weiterflug zum Shoppen oder zum Bar- oder Restaurantbesuch einlädt. Tatsache ist, dass die Geschäfte und Restaurants in erster Linie von Fluggästen genutzt werden. Kein umsteigender Passagier wird die Wartezeit nutzen, um in der Frankfurter Innenstadt einkaufen zu gehen. Von daher sehe ich den Flughafen Frankfurt nicht als Konkurrenz für die städtischen Einkaufszentren. Um die Attraktivität städtischer Zentren zu erhöhen, sind insbesondere städteplanerische Belange entscheidend. Hierbei sind Angebotsvielfalt und Aufenthaltsqualität entscheidende Parameter, die ein Zentrum für potenzielle Kunden attraktiv oder eben unattraktiv erscheinen lassen.

Neben dem Passagierverkehr ist die Luftfracht ein wichtiges Geschäftsfeld der Fraport. Welche Pluspunkte bietet der Cargo-Standort Frankfurt?

Entscheidend für die Bedeutung eines Flughafens als Frachtstandort ist vor allem seine geografische Lage. Hier hat der Frankfurter Flughafen signifikante Vorteile gegenüber anderen, denn er liegt im Zentrum Deutschlands und Europas. Dadurch ergeben sich verhältnismäßig kurze Transportzeiten der Fracht per Lkw vom und an den Flughafen. Hinzu kommt die hohe Wirtschaftskraft der Region mit zahlreichen Unternehmen, die ihre Produkte über den Flughafen exportieren. Wir bieten allen Airlines mit der CargoCity Süd (CCS) ein Logistikzentrum auf dem Flughafengelände, in dem sich alle großen und namhaften Spediteure mit ihren deutschen beziehungsweise europäischen Konsolidierungszentren angesiedelt haben, sprich: kurze Wege mit effektiven Prozessen. Der Frankfurter Flughafen verfügt über eine europaweit einzigartige Anzahl an Flugverbindungen zu Destinationen in der ganzen Welt, sodass Fracht in Frankfurt auf ein weltweites Netzwerk verteilt werden kann, häufig auch als Beiladefracht in Passagiermaschinen.

Fraport hat in jüngster Vergangenheit in die Ansiedlung und Modernisierung von Luftfrachtanlagen investiert, die CargoCity Süd ist inzwischen weitgehend ausgebucht. Wie geht es dort weiter?

Die CCS muss auch in Zukunft weiter ausgebaut werden, im Ausbauplan sind aufgrund der großen Bedeutung für den Logistikstandort FrankfurtRheinMain zusätzliche Erweiterungsflächen im Süden vorgesehen. Auch die Region profitiert davon, dass sich mehr und mehr Logistiker am Flughafen ansiedeln, da dies zu einer schnelleren Verteilung der Waren in der gesamten Region führt. Zudem werden durch das Standbein Fracht am Flughafen und in der Region zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen.

Was tut Fraport in Sachen Umweltschutz?

Der Umweltschutz steht ganz oben auf der Agenda. Es ist unser Ziel, die Kohlendioxidemissionen bis zum Jahr 2020 pro Fracht oder Passagier um 30 Prozent zu senken - und dies trotz des geplanten Ausbaus. Dazu laufen verschiedene Projekte wie eine energieeffizientere Fassadenverschattung und die Modernisierung der Klimatisierungstechnik. Am Boden sind Elektroautos und gasbetriebene Fahrzeuge im Einsatz. Derzeit stellen wir die Flugzeugabfertigung von Generatorenstrom auf den kohlendioxidfreundlicheren Bodenstrom um. Zu verantwortlichem Handeln gehören Nachhaltigkeit und Klimaschutz.

Das Thema Nachtflugverbot wurde in den Medien ausführlich behandelt. Besteht weiterer Erklärungsbedarf?

Auch über dieses Thema kann man nie genug kommunizieren. Zurzeit beinhaltet der von uns gestellte Antrag keine planmäßigen Nachtflüge in der Zeit zwischen 23 und 5 Uhr nach Inbetriebnahme der neuen Landebahn Nordwest. Die Planfeststellungsbehörde musste zwischen unserem Antrag und den berechtigten Interessen der Luftverkehrsgesellschaften abwägen. Ihre Entscheidung geht dahin, wesentlich weniger Nachtflüge zuzulassen, als wir heute zwischen 23 und 5 Uhr haben. Heute sind es im Durchschnitt etwa 40 Nachtflüge, künftig sollen noch 17 übrig bleiben. Hierzu hat der Hessische Verwaltungsgerichtshof jüngst geurteilt. Die Kasseler Richter billigen ausdrücklich den Ausbau des Flughafens, sehen aber entgegen dem Planfeststellungsbeschluss kaum einen Spielraum für Starts und Landungen in der Zeit zwischen 23 und 5 Uhr. Welche Regelung endgültig Bestand haben wird, wird aller Voraussicht nach das Bundesverwaltungsgericht zu entscheiden haben.

    
Das Gespräch führte
Dr. Achim Knips
Abteilungsleiter
Öffentlichkeitsarbeit, Volkswirtschaft
IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern
Hanau
 
Dr. Stefan Schulte, Fraport-Vorstandsvorsitzender: "Jede Krise in der Vergangenheit hatte teilweise gravierende negative Auswirkungen auf den Luftverkehr, die aber jedes Mal in kurzen Fristen durch überdurchschnittliches Wachstum mehr als ausgeglichen wurden."
 

IHK WirtschaftsForum
Oktober 2009