Wert + Werte = Wettbewerbsvorteil
Ein Unternehmen ethisch zu führen ist, unabhängig von dessen Größe, die Basis für nachhaltigen Erfolg

Ökonomisches Wachstum war mehrere Jahrzehnte das Leitmotiv des Wirtschaftslebens. Doch die jüngsten Debatten über Entlassungen oder Freistellungen von Mitarbeitern und in manchen Unternehmen in zweistellige Millionenhöhe steigende Manager-Gehälter haben eine Diskussion über Werte und Ethik in der Wirtschaft entfacht. Nehmen Manager keine Rücksicht auf das Wohl der Menschen, der Mitarbeiter, der Region, in der sie tätig sind? Lässt sich das Streben nach Gewinn mit einer Steigerung des Allgemeinwohls in Einklang bringen?

Bereits im 18. Jahrhundert stellte der Ökonom Adam Smith die Frage, was einen Bäcker dazu bewegt, jeden Morgen sehr früh aufzustehen und Brote zu backen. Der Bäcker tue dies, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die Versorgung der Kunden mit Brot trage dazu bei, dass diese sich anderen Aufgaben widmen könnten. So veranschaulichte Smith, wie individuell egoistisches Verhalten (nämlich den eigenen Lebensunterhalt zu sichern) dennoch zur Wohlfahrt vieler beiträgt. Indem Unternehmer erfolgreich sind, tragen sie zu einer funktionierenden Gesellschaft bei. Denn sie liefern Produkte oder Dienstleistungen für andere Mitglieder der Gesellschaft, die diese selbst nur unter großen Anstrengungen und zu höheren Kosten erstellen könnten. Die Arbeitsteilung führt zu einer effizienteren Herstellung und gibt dem Einzelnen den Freiraum. Gleichzeitig tragen die Unternehmer zur Gesamtwohlfahrt bei, indem sie Mitarbeiter beschäftigen und Steuern zahlen.

Heute wird allerdings mehr von Unternehmern gefordert. Historisch gewachsene Gesellschaftsstrukturen lösen sich auf, die Globalisierung führte zur Verlagerung vieler Arbeitsplätze auf andere Kontinente und mit sozialstaatlichen Garantien kann nicht mehr fest gerechnet werden. Vor diesen Unsicherheiten rücken das Handeln, die Rollen, Aufgaben und Funktionen von Unternehmern in den Fokus. Sie müssen verstärkt soziale und ökologische Auswirkungen ihres Handelns managen. Ihre Ethik wird zur Handlungslegitimation.

Verantwortliches Handeln ist existenziell
Die Ansprüche der verschiedenen Stakeholder (Kunden, Mitarbeiter, Aktionäre, Pensionäre, Gesetzgeber, Lieferanten) sind vielfältig. Informationen und Stellungnahmen etwa von Verbraucherinstitutionen, Nicht-Regierungs-Organisationen oder von Rating-Agenturen sind wichtige Orientierungshilfen für die unterschiedlichen Gruppen. Sie können den Unternehmer belohnen, wenn er sich gemäß ethischer Maßstäbe verantwortungsvoll verhält. Oder sie können ihn bestrafen, wenn andere Richtlinien dem unternehmerischen Handeln zugrunde gelegt werden. Das Ergebnis wird in unserer Informationsgesellschaft in einer nie gekannten Geschwindigkeit verbreitet und kann so innerhalb von Minuten zu unternehmerischem Erfolg, Misserfolg oder einem enormen Reputationsschaden beitragen. Verantwortliches Handeln ist keine Kür, sondern existenziell. Es muss daher in das Geschäftsmodell integriert werden.

Der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus beispielsweise gründete in Bangladesch die Grameen Bank, die Mikrokredite an Menschen vergibt, die keine Sicherheiten mitbringen. Die Kunden der Grameen Bank können so ihre Existenz, ein Geschäft, gründen, wobei die Grameen-Berater ihre Kunden umfassend beraten und schulen. Mit den Gewinnen zahlen die Kunden ihre Kredite zurück. Dabei treibt sie vor allen Dingen die moralische Verpflichtung an. Gleichzeitig handelt die Bank im besten Sinne ökonomisch. Das Geschäftsmodell des Mikrokredits hat inzwischen einen ganzen Sektor revolutioniert.

Imagegewinn durch soziales Engagement
Zwar lässt sich nicht in allen Fällen der Geschäftszweck so direkt mit einem sozialen Nutzen verbinden, doch die Aussichten auf nachhaltige Vorteile, die zugleich mit einem Imagegewinn einhergehen, sollten zum Nachdenken anregen. Viele Unternehmer haben dies bereits erkannt und ihre Wertvorstellungen in Corporate-Social-Responsibility-Policies und -Projekten (CSR) transparent gemacht. CSR ist keine Mode oder eine Erfindung der Neuzeit. Sie ist der Rahmen, unter dem die Unternehmenswerte sowie das daraus resultierende Handeln und Engagement konzeptionell zusammengeführt werden.

Ansätze, ethisches Handeln mit den Unternehmenszielen zu koppeln, gibt es viele. Junge Menschen auszubilden ist hierfür ein klassisches Beispiel. Indem ein Unternehmen ausbildet, gewinnt und entwickelt es Nachwuchskräfte für sich und seine Anforderungen. Gleichzeitig eröffnet es jungen Menschen persönliche Lebenschancen und trägt vielleicht auch dazu bei, Jugendarbeitslosigkeit zu verringern. Oder ergreift zum Beispiel ein Unternehmer die Initiative, den eigenen Energieverbrauch zu reduzieren, entlastet er sein Budget und schont die Umwelt. Ganz gleich, in welche Formen das verantwortliche Handeln eines Unternehmens mündet, es sollte integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie sein. Gleichzeitig sollte es mit den sie leitenden Werten konsistent sein. Nur dann schaffen Unternehmen Win-win-Situationen, die ihr Geschäft implizit unterstützen und Mehrwerte für eine oder mehrere Stakeholdergruppen schaffen.
     

Prof. Udo Steffens
Präsident und Vorsitzender der Geschäftsführung
Frankfurt School of Finance & Management
Frankfurt am Main
u.steffens@frankfurt-school.de

IHK WirtschaftsForum
November 2008