Finanzplatz: Frankfurt ist unsere Heimat
Herr Professor Steffens, vor fünf Jahren haben Sie mit neuem Namen und neuem Markenauftritt eine neue Ära der Frankfurt School of Finance & Management eingeleitet. Haben Sie die Ziele, die damit verbunden waren, erreicht?
Steffens: „Frankfurt School of Finance & Management“ spiegelt die Entwicklung der Bankwirtschaft wider, die sich zu einer vernetzten Finanzwirtschaft mit diversen Akteuren wie Juristen oder IT-Spezialisten entwickelt hat. Banking und Finance passiert in diversen Branchen und Häusern, sei es Siemens oder ThyssenKrupp. Der neue, international verständliche Name steht für diesen Prozess und auch, dass wir hierfür aufgestellt sind. Als Frankfurt School etablieren wir uns international als Business School. Insbesondere in China, Indien und Afrika gewinnen wir Studierende für die Master-Programme; mittlerweile kommt ein Drittel nicht aus Deutschland. Auch in der Executive Education sind wir in diesen Ländern präsent. Und wir zeigen an: Unsere Wurzeln sind in der Finanzwirtschaft, der Finanzplatz Frankfurt ist unsere Heimat.
Frankfurt steht für exzellente und praxisorientierte Forschung und Lehre in der Wirtschafts- und Finanzwissenschaft. Wie unterstützt die Frankfurt School den Finanzplatz?
Steffens: Wir sind keine klassische Uni. Als Business School wollen wir mit Lehre, Forschung und verbundener Beratung Business fördern. Bildungsprogramme gehen auf den Finanzplatz ein. Unser Angebot zu Compliance, das Exzellenz-Programm für Aufsichtsräte, das wir mit dem DAI organisieren, oder der Master of Risk Management & Regulation, den wir gemeinsam mit dem Firm anbieten, sind einige Beispiele. Wir bilden Spezialisten und Manager aus, die der Finanzplatz braucht, um stark zu bleiben.
Das sind klassische Studienangebote. Aber was zeichnet sie als Business School aus?
Steffens: Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, die UNEP, hat mit uns ein Collaborating Centre zur Finanzierung erneuerbarer Energien eingerichtet. Sein Ziel ist es, Investitionen zur Finanzierung erneuerbarer Energien in Entwicklungs- und Schwellenländern zu mobilisieren. Es geht um die Vernetzung von Beratung, Forschung und Lehre mit der Praxis: Wir haben eine Professur zum Thema besetzt, es laufen Forschungsprojekte und Studien sowie Executive-Education-Angebote in Frankfurt und unserem Büro in Nairobi. Das Centre wird sich zu einer Dialogplattform für die Finanzplatz-Community entwickeln. Ein anderes Beispiel ist der Frankfurter Gründerfonds, den die Stadt über die Wirtschaftsförderung aufgelegt hat. Unser Tochterunternehmen ConCap betreut ihn. Für die Stadt haben wir in einer Studie den Kreditbedarf potenzieller Gründer in Frankfurt ermittelt und die Sichtweise der Banken auf diese Kunden analysiert. Auf Basis der Ergebnisse wurde der Fonds konzipiert. Es ist ein Business-School-Projekt, in dem wissenschaftliche Expertise sowie Beratungskompetenz nutzbringend ineinandergreifen und den Standort weiterbringen. Ich möchte aber betonen, dass nahezu alle Wissenschaftler der FS zum und mit dem Finanzplatz arbeiten. Aktuell adressieren wir die Rolle der Rating-Agenturen. Aber auch den Nutzen von Bankberatung haben wir kritisch mit der Praxis diskutiert. Das sind nur einige Beispiele – es läuft enorm viel.
Sie haben die Fakultät stark ausgebaut und setzen auf forschungsstarke Wissenschaftler.
Steffens: Gute Lehre an Business Schools basiert auf Grundlagen- und auf praxisorientierter Forschung. Mit diesem Ansatz bauen wir die Fakultät aus. Die neuen Professoren müssen forschungsstark sein, über Praxiserfahrung verfügen, in der Lehre exzellent und international vernetzt sein. Wir wünschen uns einen spannenden Erfahrungsmix in der Fakultät. Im letzten Jahr haben wir Professoren für Strategie, Operations Management, Innovationsmanagement, Accounting, Marketing, Organisational Behaviour, Development Policy, Health Management und Energy Finance berufen. Nun forschen und lehren 45 international ausgewiesene Professoren an der FS, weitere Berufungen laufen. Wir gehen Zukunftsthemen an, die uns alle, die gesamte Gesellschaft, bewegen.
Jenseits von Lehre und Forschung: Bringt sich die Frankfurt School in das politische und gesellschaftliche Leben in der Mainmetropole ein?
Steffens: Diese Aufgabe nehmen wir bewusst wahr und wir sind gut mit der Stadtgesellschaft verwoben. Unsere öffentlichen Vorträge sind exzellent besucht und andere Frankfurter Organisationen bitten uns, unsere Expertise bei ihnen einzubringen. Denken Sie an die Ringvorlesung „Wirtschaft und Ethik“, die wir mit der Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen hatten. Wir wollen hier noch mehr tun und auch unsere Forschungsergebnisse einbringen.
Erst 2001 sind Sie auf den Campus an der Sonnemannstraße gezogen. Nun suchen Sie wieder einen neuen Standort.
Steffens: Unser Wachstum war und ist enorm: Vor elf Jahren hatten wir 157 Mitarbeiter, jetzt gehen wir auf die 400 zu, allein im letzten Jahr haben wir 42 neue Arbeitsplätze geschaffen. Der Campus wurde für 500 Studierende konzipiert, heute haben wir allein in den Hochschulstudiengängen knapp 1 500. Sie sind zwar nicht alle gleichzeitig vor Ort, aber mit der Executive Education, mit Konferenzen, Seminaren und dem Mitarbeiterwachstum reichen die Kapazitäten nicht mehr. Wir haben bereits in der Nachbarschaft Seminar- und Büroflächen angemietet, insbesondere im Bildungszentrum Ostend. Hier kooperieren wir hervorragend mit der Stadt. Doch wir können an der Sonnemannstraße nicht weiter wachsen. Uns fehlen Seminarräume, Hörsäle, Büros, auch Mensa und Bibliothek platzen aus allen Nähten.
Ist ein Neubau nicht eine gewagte Entscheidung in der Finanzkrise?
Steffens: Wir haben uns auch in vergangenen Krisen positiv entwickelt und glauben fest an die Zukunft von Bildung, Forschung und damit verbundener Beratung – gerade in Krisenzeiten. Um stark zu bleiben und zu wachsen, sind der Wirtschaftsstandort Deutschland und der Finanzplatz auf Innovationen und leistungsbereite Talente angewiesen. Hier leistet die Frankfurt School richtungsweisende Beiträge. Mit einem attraktiven Campus werden wir unsere Rolle als Business School weiter ausbauen.
Wo soll die Frankfurt School in zehn, fünfzehn Jahren stehen?
Steffens: Dann sollten wir den neuen Campus bezogen haben. Er gehört zum urbanen Leben in Frankfurt. Sicherlich die Hälfte der Studierenden kommt aus dem Ausland – und ich bin sicher, dass sich die Internationalität auch in der Fakultät und bei den Mitarbeitern widerspiegeln wird. Etwa 60 oder 65 Professoren werden bei uns sein. Heute gehört die Frankfurt School zu den besten Wirtschaftshochschulen im deutschsprachigen Raum. Bis 2020 oder 2025 werden wir in anderen Ländern – wie China, Indien oder Brasilien – bekannt und geschätzt sein und in Europa zu den führenden Business Schools gehören.
Interview
Hans-Joachim Reinhardt
IHK Frankfurt
Finanzplatz, Unternehmensförderung, Starthilfe
IHK WirtschaftsForum
Februar 2012
Finance Future Forum
Rückblick: Finanzplatztag