"Verlässlicher Partner"
Ein Gespräch mit dem neuen IHK-Präsidenten Dr. Mathias Müller
Herr Dr. Müller, Sie führen die IHK Frankfurt in das dritte Jahrhundert ihres Bestehens. Welche kurz- und langfristigen Aufgaben sehen Sie im Mittelpunkt der Arbeit der IHK?

Dr. Mathias Müller, Präsident der IHK Frankfurt
Angesichts der derzeitigen Negativschlagzeilen aus der Welt der Wirtschaft ist es die dringlichste Aufgabe der IHK Frankfurt, die über 90 000 Mitgliedsunternehmen auf dem Weg aus der Konjunkturkrise zu begleiten. Die Unternehmen, die zum Großteil unverschuldet in die Krise geraten sind, brauchen einen verlässlichen Partner, der den Überblick über die Vielzahl von Förderinstrumenten behält. Die IHK hat schnell reagiert und ein Beratungspaket geschnürt, das den Unternehmen hilft, die verschiedenen Fördertöpfe der staatlichen Konjunkturmaßnahmen abzurufen und die sonstigen Instrumente einzusetzen. Jetzt gilt es zusammenzurücken und gemeinsam sicherzustellen, dass wir für den nächsten Aufschwung gerüstet sind.
Als langfristige Aufgabe sehe ich den Dialog. Ich suche den Schulterschluss mit den Unternehmern und wünsche mir einen intensiven Austausch mit den verschiedenen regionalen Wirtschaftsförderern und der Politik. Nur wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen, kann es gelingen, FrankfurtRheinMain als Wirtschaftsstandort im internationalen Wettbewerb zu stärken. Außerdem wird sich die Frankfurter IHK bundesweit zu Wort melden. Unsere Stimme hat Gewicht und muss deutlicher vernommen werden.
Sie haben angekündigt, Frankfurt und RheinMain enger zu verzahnen. Welche konkreten Schritte unternehmen Sie dabei?
Es gibt viele Instrumente, die wir nutzen können, um etwas für die Region FrankfurtRheinMain beizutragen. Der Finanzplatz muss gefestigt und der Flughafen Frankfurt, der Pulsgeber der dynamischen Region, ausgebaut werden. Frankfurt ist der Leistungsträger der Region, aber kein Solitär. Wirtschaftswachstum funktioniert nur im regionalen Kontext.
Die Region ist eine internationale Verkehrsdrehscheibe, bedeutendes industrielles Zentrum und Hort der Kreativwirtschaft. Wirtschaftliche Fakten und Wahrnehmung klaffen aber noch weit auseinander. Diese Schere gilt es zu schließen. FrankfurtRheinMain muss sich nach außen geschlossener präsentieren. Eine starke Region ist schlagkräftiger als viele einzelne Standorte. Daher befürworte ich die Durchführung einer Internationalen Bauausstellung als identitätsstiftendes Projekt.
In der öffentlichen Diskussion geht es auch um die künftigen Strukturen der Region FrankfurtRheinMain. In solchen Fragen spielt die IHK als Vertreter der Unternehmen eine wichtige Rolle. Welche Linie schlägt das neue IHK-Präsidium dabei ein?
Das Präsidium wird sich neben der Schaffung eines guten wirtschaftlichen Umfelds vor allem für die Stärkung des Außenimages von FrankfurtRheinMain einsetzen. Dazu müssen geeignete Maßnahmen zur Positionierung der Dachmarke FrankfurtRheinMain erarbeitet werden. Die Aufgabe, eine ganzheitliche Strategie für die Region zu entwickeln, gelingt nur, wenn alle regionalen Akteure gemeinsam in eine Richtung laufen.
Die IHK wird stärker als bisher die Kooperation zwischen Frankfurt und dem Umland vorantreiben. Als Kern der zukünftigen Positionierung sehe ich besonders den Aspekt der Wissensregion. In FrankfurtRheinMain gibt es eine Vielzahl von erstklassigen Bildungs- und Forschungseinrichtungen, die weiter ausgebaut werden müssen. Wirtschaftsstandort und Bildungslandschaft FrankfurtRheinMain bedingen und befruchten sich gegenseitig. Die hohe Verfügbarkeit von Fachkräften lässt vermehrt Unternehmen sich in der Region ansiedeln. Nur ein starker Wirtschafts- und Wissensstandort verspricht Innovation und Wohlstand.
Welche Erwartungen haben die Mitgliedsunternehmen aus Ihrer Sicht an die Rolle der IHK?
Als erste Adresse in Wirtschaftsfragen verstehen wir uns als Dienstleister für unsere Mitgliedsunternehmen. Ich denke dabei in erster Linie an Beratungen in Krisenlagen, aber auch an Bürgschaftsanträge, Existenzgründerberatungen und die Vielzahl der Services der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Die Unternehmer erwarten, dass das Serviceangebot der IHK noch weiter ausgebaut und stärker an die Unternehmen herangetragen wird.
Wie steht es um die politische Interessenvertretung?
Das ist genau mein Thema. Unternehmer wünschen von ihrer IHK eine noch stärkere Vertretung ihrer Belange gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit. Diesem Anliegen werde ich nachkommen. Gemeinsam mit dem Präsidium und den hauptamtlichen Mitarbeitern vertritt der IHK-Präsident die Bedürfnisse der Unternehmen. Die IHK ist als Gesprächspartner von Verwaltung und Öffentlichkeit sowie als Mittler zwischen Wirtschaft und Politik anerkannt. Auf dieser Basis möchte ich aufbauen. Die IHK vertritt im Gegensatz zu einzelnen Branchenverbänden das Gesamtinteresse der Wirtschaft und spricht mit einer starken Stimme.
Wie organisiert die IHK den Dialog der Mitglieder untereinander?
Das ist eine Aufgabe der Netzwerkbildung. Die IHK ist hervorragend in Politik und Wirtschaft vernetzt. Mit ihrem Sitz im Herzen der Stadt Frankfurt und den beiden Servicecentern in Hofheim und Bad Homburg ist sie fest in der Region verankert. Davon profitieren auch die Mitgliedsunternehmen. Als Ort des Dialogs bildet die IHK eine exzellente Plattform zum Austausch von Meinungen. Unzählige Geschäftskontakte werden auf unseren Veranstaltungen, zu denen jährlich mehr als 250 000 Teilnehmer kommen, geknüpft. Kontakte knüpfen und pflegen ist die beste Form der Wirtschaftsförderung. Deshalb möchte ich die IHK weiter öffnen und mehr Unternehmer mit der IHK in direkten Kontakt bringen.
Wie wollen Sie das Präsidium in die Vielzahl der Aufgaben einbinden?
Es geht darum, dass alle Präsidiumsmitglieder aktiv die IHK nach außen vertreten. Ich bin sicher, dass wir eine noch bessere Außendarstellung der Kammer gewährleisten können, wenn wir die Aufgaben innerhalb des Präsidiums sachgemäß verteilen. Die wichtigsten Branchen sind im Präsidium vertreten, ebenso die beiden zum IHK-Bezirk gehörenden Landkreise. Nun kommt es darauf an, im Team zusammenzuspielen. Ich sehe mich dabei als derjenige, der die einzelnen Stimmen zu einer harmonischen Melodie zusammenführt.
Welche Anforderungen formuliert der neue Präsident an die Selbstdarstellung der IHK Frankfurt?
Ich bin der festen Überzeugung, dass die IHK Frankfurt auch in Zukunft eine anerkannte Institution des Dialogs sein muss. In ihrer Funktion als Mittler zwischen Mitgliedsunternehmen und der Politik ist es ihre Aufgabe, sich für die richtigen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen einzusetzen und die Vitalität der Wirtschaft zu fördern. Als Sprachrohr der Unternehmer wird sie künftig noch aktiver als bisher an der Gestaltung der grundsätzlichen Fragen unserer Region mitwirken. Dabei ist die IHK dem Leitbild des ehrbaren Kaufmanns und der sozialen Marktwirtschaft verpflichtet. In ihrer Darstellung muss die IHK allerdings noch transparenter werden. Sowohl nach innen als auch nach außen. Selbst manche Unternehmer wissen oft nicht genau, wofür die IHK steht und welche Dienstleistungen sie anbietet. Die Unternehmen müssen die IHK noch näher kennenlernen, dann werden die Dienstleistungen in noch höherem Maße in Anspruch genommen.
Das überragende Thema dieses Jahres ist die Konjunkturentwicklung. Wie beurteilen Sie die aktuellen Programme von Bund und Land?
Unsere Volkswirtschaft durchläuft eine der schwersten Wirtschaftskrisen seit Jahrzehnten. Dass der Staat mit verschiedenen Maßnahmen den Abschwung abfedern will, ist richtig. Die von Bund und Land aufgelegten Programme tragen zur Stabilisierung der Wirtschaft bei, werden die Rezession aber nicht komplett kompensieren. Die Maßnahmen für die Kreditwirtschaft nutzen ganz besonders dem Finanzplatz Frankfurt. Das ist als äußerst positiv zu würdigen. Hessen gehört mit seinem Sonderinvestitionsprogramm Schulbau zu der Minderheit der Bundesländer, die ein eigenes Konjunkturprogramm aufgelegt haben. Ich begrüße, dass die 1,7 Milliarden Euro in erster Linie in Bildung, also in Köpfe und somit in die Zukunft des Landes, und Infrastruktur investiert werden. Allerdings hilft dieses Programm vornehmlich der Bauwirtschaft. Andere Branchen profitieren kaum.
Plädieren Sie für weitere Konjunkturpakete?
Nein! Die beiden Konjunkturpakete des Bundes beinhalten sinnvolle Maßnahmen, darunter das Kurzarbeitergeld und das KfW-Sonderprogramm. Zwar sind weitere Verfahrensvereinfachungen zur Beantragung notwendig, damit mittelständische Unternehmen nicht aufgrund bürokratischer Hemmnisse von der Nutzung abgehalten werden. Von einem schnellen Ruf nach weiteren Konjunkturpaketen rate ich aber ab, besonders vor dem Hintergrund der ausufernden Staatsverschuldung. Zuerst müssen die Maßnahmen der vorhandenen Pakete wirken können. Auch gilt es, darauf zu achten, dass die Unterstützung einzelner Sektoren der Wirtschaft nicht zu Wettbewerbsverzerrungen führt.
Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der öffentlichen Institutionen?
Angesichts der Wirtschaftskrise wurden weltweit Maßnahmenpakete geschnürt, die sehr unterschiedlich ausfallen. Einen Königsweg der Krisenbewältigung gibt es nicht. Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass die Akteure hierzulande besonnen und verantwortungsvoll handeln. Die Politik reagiert im Großen und Ganzen sachgemäß. Instrumente wie das Kurzarbeitergeld helfen den Unternehmen, die Krise zu überstehen. Ob die einzelnen Maßnahmen nachhaltig wirken, wird sich erst zeigen.
Und die Erwartungen an die Banken?
An die Banken appelliere ich, ihre Funktion als Pfeiler der wirtschaftlichen Stabilität wahrzunehmen. Gerade jetzt brauchen Unternehmen Betriebsmittelkredite. Andererseits appelliere ich an Unternehmer, sinnvolle Investitionen nicht zurückzustellen. Die Investitionen von heute sind Garanten für den Aufschwung von morgen.
Welche guten Nachrichten haben Sie für die Unternehmen in FrankfurtRheinMain?
Die Krise hat auch FrankfurtRheinMain im Griff, allerdings offenbar nicht ganz so fest wie andere Regionen. Ich bin überzeugt, dass die Region gestärkt aus der Krise hervorgehen wird. Die Mittel der staatlichen Konjunkturpakete, die überwiegend in Bildung und Infrastruktur investiert werden, tragen dazu bei, die Weichen für die Zukunft der Region richtig zu stellen. Insgesamt werden in Hessen in diesem und im nächsten Jahr 2,6 Milliarden Euro zusätzlich investiert. Auf die Stadt Frankfurt, den Hochtaunuskreis und den Main-Taunus-Kreis entfällt ein beträchtlicher Teil. Das sollte in der Breite stabilisierend wirken. Außerdem wird der Frankfurter Flughafen Zehntausende Arbeitsplätze schaffen und sichern. In meinen Augen ist der Ausbau des bedeutendsten Verkehrsknotenpunktes Kontinentaleuropas die wichtigste Konjunkturmaßnahme, von der alle Branchen der Region profitieren werden.
Pressesprecher und Geschäftsführer
IHK Frankfurt am Main
Unternehmenskommunikation
Foto: Jochen Müller
IHK WirtschaftsForum
Juni 2009