Indien
Die Krise abgeschüttelt
Anders als in Europa, das sich nur schleppend vom Schock der Finanzkrise erholt, gerät das Wort Wirtschaftskrise in Indien schnell in Vergessenheit. Auch deutsche Unternehmen investieren weiter kräftig.
"Jetzt kann ich sagen, dass wir die Finanzkrise überwunden haben." Mit diesen Worten stellte der indische Finanzminister Pranab Mukherjee im März den Haushalt für das laufende Finanzjahr 2010 / 2011 vor. Selbst im Krisenjahr 2008 / 2009, als westliche Volkswirtschaften empfindlich schrumpften, wuchs Indien mit robusten 6,7 Prozent – obwohl das Land mit Handelseinbrüchen, einer Kreditklemme und einem schwachen Monsun zu kämpfen hatte. Dass Indien die Weltwirtschaftskrise so gut meistern konnte, begründen Experten mit robuster Binnennachfrage, geringer Exportabhängigkeit und einer vergleichsweise strengen Regulierung des Bankenwesens, das Subprime-Exzesse verhinderte. So schnell wie möglich möchte die Regierung nun wieder an die Zeiten des Vor-Krisen-Booms anknüpfen, als die Wachstumsraten bei über neun Prozent lagen. Die Vorzeichen dafür stehen gut: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) verzeichnete im vierten Quartal 2009 bereits wieder ein Plus von 7,9 Prozent. Für das Finanzjahr 2010/2011, das im April begonnen hat, rechnet der Unternehmerverband FICCI mit einer Wachstumsbeschleunigung auf 8,4 Prozent.
Die Widerstandskraft der indischen Wirtschaft hat im Vorjahr viele deutsche Firmen auf dem Subkontinent vor den Turbulenzen der Weltwirtschaft bewahrt. In einer Umfrage der Deutsch-Indischen Handelskammer (IGCC) prognostizierte Anfang November eine Mehrheit der Investoren stark steigende Umsätze und Gewinne für das Finanzjahr 2009: 29 Prozent der Befragten erwarteten sogar ein Umsatzplus von über 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr; 20 Prozent der Firmen sahen ihre Einnahmen um zehn bis 20 Prozent wachsen, und nur 16 Prozent befürchteten ein Umsatzminus.
Mehrheit plant neue Investitionen
Zugleich stärkt Indiens robuste Krisen-Performance den Optimismus deutscher Investoren in das langfristige Potenzial des Landes: Der IGCC-Umfrage zufolge planen die meisten Firmen neue Investitionen. Viele wollen den Standort außerdem für Exporte in Drittländer ausbauen. Die Folge: Für jeden zweiten befragten Manager wird sich die strategische Bedeutung Indiens im Laufe der nächsten drei Jahre stark erhöhen. 40 Prozent erwarten eine mäßige Aufwertung Indiens in den globalen Aktivitäten ihrer Unternehmen, nur einer von zehn rechnet mit einer gleichbleibenden Rolle.
Zugleich stärkt Indiens robuste Krisen-Performance den Optimismus deutscher Investoren in das langfristige Potenzial des Landes: Der IGCC-Umfrage zufolge planen die meisten Firmen neue Investitionen. Viele wollen den Standort außerdem für Exporte in Drittländer ausbauen. Die Folge: Für jeden zweiten befragten Manager wird sich die strategische Bedeutung Indiens im Laufe der nächsten drei Jahre stark erhöhen. 40 Prozent erwarten eine mäßige Aufwertung Indiens in den globalen Aktivitäten ihrer Unternehmen, nur einer von zehn rechnet mit einer gleichbleibenden Rolle.
Der Zeitraum von 2006 bis 2008 sah einen enormen und zuvor nie gesehenen Zufluss deutscher Direktinvestitionen nach Indien. Eine Atempause im Vorjahr hat an der ungebrochen hohen Investitionsbereitschaft nichts geändert: Laut der IGCC-Umfrage will jeder vierte befragte deutsche Investor seine Investitionen in dem Land in den nächsten drei Jahren stark hochfahren. 42 Prozent sagen moderate Investitionserhöhungen voraus, während 29 Prozent ihre Investitionstätigkeit auf dem gegenwärtigen Niveau beibehalten wollen. Ein Teil dieser Investitionen zielt auf einen neuen Bereich: Die meisten deutschen Firmen haben zwar weiterhin Indiens attraktiven Binnenmarkt im Visier. Aber eine wachsende Zahl nutzt Standortvorteile für Exporte. Jeder zweite befragte deutsche Investor erwartet, dass Ausfuhren für sein Unternehmen in den nächsten drei Jahren eine steigende Rolle spielen werden.
Schlechte Infrastruktur ist ein Bremsklotz
Allerdings rücken mit dem Wiederaufschwung auch Kehrseiten des Booms erneut in den Blick: Indiens Inflationsrate erreicht mit zehn Prozent eine Schmerzgrenze, welche die Zentralbank zu Zinserhöhungen zwingt. In den regelmäßigen Umfragen der Handelskammer steigt zugleich die Zahl deutscher Firmen, die sich auf über der Inflationsrate liegende Gehaltserhöhungen vorbereiten. So sollen Fachkräfte in einem harten Wettbewerb um Talente gehalten werden. Dieser dürfte nicht nachlassen, vor allem, wenn Indiens Regierung ihre Absicht umsetzt, die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft weiter zu verbessern, um das Wachstum auf das erklärte Ziel von zehn Prozent zu heben. Dazu plant sie unter anderem massive Investitionen in die Infrastruktur, was neue Chancen für deutsche Lieferanten eröffnet. Indiens bestehende Infrastrukturdefizite erweisen sich allerdings auch als Hemmschuh für Investoren. 57 Prozent aller von der IGCC befragten Firmen nennen diesen Punkt als „substanzielle Hürde“ für ihr Wachstum in dem Land. Mit 63 Prozent aller Befragten wird nur die Bürokratie öfter genannt. Weitere Bremsklötze aus Sicht deutscher Manager sind Korruption, hohe Zölle und das Steuersystem. Auch das Bildungssystem und Gesundheitswesen bleiben stark verbesserungswürdig.
Mehr als ausgeglichen werden diese Hürden indes von den Marktchancen. Diese erwachsen hauptsächlich aus Indiens rasant zunehmender Mittelschicht mit ihren großen ungedeckten Konsumbedürfnissen und einer stetig steigenden Kaufkraft. Verstärkt wird dieser Trend durch rasche Urbanisierung und die damit verbundene Belebung der Immobilienbranche. Diese Faktoren stärken Indiens innere Wachstumskräfte. Diese machen das Land wie in der Krise unter Beweis gestellt unabhängiger als viele andere asiatische Staaten vom Auf und Ab der Weltwirtschaft. Jährlich wachsen etwa 20 Millionen Menschen zusätzlich in die Mittelschicht hinein und werden damit zu potenziellen Kunden für Güter und Dienstleistungen deutscher Firmen. Nicht immer sind deren spezifische Bedürfnisse mit bestehenden Produkten deutscher Provenienz zu befriedigen. Aber wer sucht, findet meist eine Nische, die seiner Firma eine erste Präsenz im Markt verschafft. Ausländische Autos, Fast-Food-Ketten, Shopping Malls, Haushaltsgeräte oder Multiplex-Kinos sind Erfolgsschlager in Indien, besonders wenn sie einen gewissen Indian Touch erhalten.
Chancen durch Freihandelsabkommen
Beim weiteren Ausbau des Handels sieht Deutschland neben bilateralen Initiativen auch große Chancen durch das beabsichtigte EU-Indien-Freihandelsabkommen, das in diesem Jahr fertig verhandelt werden soll. Politisch stehen die Vorzeichen im Vergleich zum Jahr 2009 wesentlich besser, nachdem der indische Premierminister Manmohan Singh beim 10. EU-Indien-Gipfel einen großen Schritt in diese Richtung angekündigt hat. Das eigentliche Problem liegt ohnehin weniger im eigentlichen Wirtschaftsbereich, sondern im politischen Kleingedruckten des Regelwerks. Die EU verknüpft Handelserleichterungen mit Fragen des Klimaschutzes, Menschenrechten und sozialen Themen wie Kinderarbeit, bei denen Indien versteckten Protektionismus wittert. Ein weiterer Streitpunkt sind Urheberrechte und Patentschutz. Letzteres ist unter anderem für die Pharmaindustrie wichtig, die Indien als wichtigen Wachstumsmarkt im Visier hat. Aktivisten in Indien und auch der EU wehren sich gegen eine strengere Patentierung von Medikamenten, welche nach europäischem Willen durch das Freihandelsabkommen in Kraft treten soll. Entwicklungshilfeorganisationen warnen davor, dass Indiens arme Bevölkerung Schwierigkeiten bekommen könnte, an preiswerte generische Medikamente heranzukommen.
Beim weiteren Ausbau des Handels sieht Deutschland neben bilateralen Initiativen auch große Chancen durch das beabsichtigte EU-Indien-Freihandelsabkommen, das in diesem Jahr fertig verhandelt werden soll. Politisch stehen die Vorzeichen im Vergleich zum Jahr 2009 wesentlich besser, nachdem der indische Premierminister Manmohan Singh beim 10. EU-Indien-Gipfel einen großen Schritt in diese Richtung angekündigt hat. Das eigentliche Problem liegt ohnehin weniger im eigentlichen Wirtschaftsbereich, sondern im politischen Kleingedruckten des Regelwerks. Die EU verknüpft Handelserleichterungen mit Fragen des Klimaschutzes, Menschenrechten und sozialen Themen wie Kinderarbeit, bei denen Indien versteckten Protektionismus wittert. Ein weiterer Streitpunkt sind Urheberrechte und Patentschutz. Letzteres ist unter anderem für die Pharmaindustrie wichtig, die Indien als wichtigen Wachstumsmarkt im Visier hat. Aktivisten in Indien und auch der EU wehren sich gegen eine strengere Patentierung von Medikamenten, welche nach europäischem Willen durch das Freihandelsabkommen in Kraft treten soll. Entwicklungshilfeorganisationen warnen davor, dass Indiens arme Bevölkerung Schwierigkeiten bekommen könnte, an preiswerte generische Medikamente heranzukommen.
Trotz einer atmosphärischen Verbesserung des Gesprächsklimas ist ein Durchbruch bei den Verhandlungen nicht erreicht. EU-Handelskommissar Karel De Gucht hat im März bei seinem Antrittsbesuch in Neu-Delhi um Verständnis dafür geworben, dass das Europaparlament einen Handelspakt nur mit Sozial- und Umweltklauseln ratifizieren werde. Auf der anderen Seite ist Indien auf keinen Fall bereit, Handelsgespräche und Menschenrechtsfragen zu vermengen. Trotz solcher Streitpunkte bleibt die EU der mit Abstand wichtigste Handelspartner Indiens. Das bilaterale Handelsvolumen beläuft sich auf 77 Milliarden Euro, und beide Seiten haben sich das Ziel gesteckt, den Handel bis in vier Jahren zu verdoppeln.
Deutsche Firmen liefern Hochtechnologie
Auch die deutsch-indische Wirtschaftskooperation bleibt auf Erfolgskurs. Den Grundstein für den rasanten Aufschwung der Beziehungen hat Indien durch die Öffnung seiner Märkte gelegt, nachdem sich das Land jahrzehntelang abgeschottet hatte. Inzwischen sind deutsche Firmen zu wichtigen und hoch angesehenen Lieferanten von Hochtechnologie geworden, welche Indien bei seinem Vorstoß an die Weltspitze der Volkswirtschaften hilft. Alleine die deutsche Metall- und Elektroindustrie steigerte ihre Exporte nach Indien zuletzt jährlich um rund ein Drittel. Umgekehrt drängen indische Unternehmen auf den deutschen Markt. Etwa 300 indische Firmen haben inzwischen einen Sitz in Deutschland. Viele produzieren und forschen dort, und eine Reihe führender indischer Konzerne hat sich bei deutschen Firmen eingekauft. Die Erfahrungen mit indischen Eignern sind überwiegend positiv. Für die Wirtschaftsförderer deutscher Kommunen und Bundesländer sind indische Investoren daher eine wichtige Zielgruppe geworden.
Auch die deutsch-indische Wirtschaftskooperation bleibt auf Erfolgskurs. Den Grundstein für den rasanten Aufschwung der Beziehungen hat Indien durch die Öffnung seiner Märkte gelegt, nachdem sich das Land jahrzehntelang abgeschottet hatte. Inzwischen sind deutsche Firmen zu wichtigen und hoch angesehenen Lieferanten von Hochtechnologie geworden, welche Indien bei seinem Vorstoß an die Weltspitze der Volkswirtschaften hilft. Alleine die deutsche Metall- und Elektroindustrie steigerte ihre Exporte nach Indien zuletzt jährlich um rund ein Drittel. Umgekehrt drängen indische Unternehmen auf den deutschen Markt. Etwa 300 indische Firmen haben inzwischen einen Sitz in Deutschland. Viele produzieren und forschen dort, und eine Reihe führender indischer Konzerne hat sich bei deutschen Firmen eingekauft. Die Erfahrungen mit indischen Eignern sind überwiegend positiv. Für die Wirtschaftsförderer deutscher Kommunen und Bundesländer sind indische Investoren daher eine wichtige Zielgruppe geworden.
Die politische Partnerschaft zwischen Indien und Deutschland ruht auf einem soliden Fundament gemeinsamer Werte und gleichgerichteter Interessen. Sie hat sich in den vergangenen Jahren bemerkenswert entwickelt und ist mittlerweile zu einer echten strategischen Partnerschaft geworden. So hat die Bundesregierung in den vergangenen Jahren ihr Engagement und die deutsche Präsenz in Indien konsequent ausgebaut. Deutschland eröffnete 2009 als erstes Land ein Generalkonsulat in der südindischen Hightech-Metropole Bangalore. Ein Deutsches Haus der Wissenschaft in Neu-Delhi wird die deutsche Präsenz bündeln und stärken. Und ein für 2011 geplantes Deutschlandjahr wird Deutschland mit einer Vielzahl kultureller, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Projekte als attraktiven Partner in Indien präsentieren.
Autor
Oliver Müller
Chefvolkswirt
AHK Indien
Neu-Delhi
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