In jeder Krise stecken Chancen
Der globale wirtschaftliche Abschwung, von dem wohl keine Branche verschont bleibt, hat auch den Tourismus in diesem Jahr fest im Griff. Das Wort Krise wird permanent strapaziert, eigentlich ist es mittlerweile abgegriffen. Aber es steht für die Beschreibung eines Gesamtzustands: Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Im Grunde geht es doch darum, dass sich das wirtschaftliche Umfeld für fast jeden deutlich verändert hat und alle Branchen vor neuen Herausforderungen stehen. So sind auch nahezu alle Segmente im Tourismus von den Veränderungen um uns herum betroffen. Die Fluggesellschaften leiden – vor allem in der First- und Business-Class. Gleichzeitig verzeichnet die Bahn im Personenverkehr Zuwächse, während das Frachtaufkommen sinkt. Auch die Hotellerie und Gastronomie hat massive Sorgen, vor allem dann, wenn sie stark auf den Geschäftsreiseverkehr, auf Incentives und Tagungen setzt. Gleichzeitig können einige Häuser die Rückgänge bei dienstlich motivierten Reisen teilweise kompensieren, indem sie stärker auf Touristen als Zielgruppe umschwenken.
Viele Reiseveranstalter, die stark auf das Fluggeschäft und hier besonders auf Fernreisen ausgerichtet sind, haben ebenfalls Schwierigkeiten. Andere, mit größerem Fokus auf erdgebundene Reisen und hier speziell auf den Deutschlandurlaub, stehen besser da. Reisebüros mit viel Business Travel geben ganz offen erhebliche Umsatzdefizite zu, reine Touristikbüros sind besser dran. Einzig und allein die Kreuzfahrt weist zweistellige Zuwächse auf. Hier scheint es gewissen Nachholbedarf zu geben, wobei festzustellen ist, dass Seereisen dem klassischen Hotel-Package an Land Kunden wegnehmen, also eine Umverteilung stattfindet. Urlaub bleibt zweifellos für viele ein großes Stück Lebensqualität, doch hat sich auch hier einiges geändert. Die Bundesbürger suchen verstärkt Planungs- und Budgetsicherheit. Deshalb hat zum Beispiel der All-Inclusive-Urlaub derzeit Konjunktur. Als Produzent und Anbieter ist es von grundlegender Bedeutung, seine Kunden und deren Wünsche genau zu kennen. Die Deutschen verreisen kürzer, dafür aber in weiten Teilen öfter. Statt die große Welt zu erkunden, entscheiden sich viele für Ziele in heimischen Grenzen und sind in einer gewissen Weise bodenständiger geworden. Und sie suchen mehr denn je Qualität für ihr Geld. Als Gewinner der Reisesaison 2009 kann auch unter diesen Aspekten das Urlaubsziel Deutschland gelten. Der schon lange etablierte Platz eins in der Beliebtheitsskala gewinnt 2009 noch weitere Punkte hinzu.
Der Tourismus ist eine ausgeprägt heterogene Branche. Unübersehbar ist, dass Krisen auch Kräfte freisetzen, neue Erkenntnisse bringen, Innovationen fördern, aber auch Trends kräftig verändern. In jedem Fall gilt: In jeder Krise stecken Chancen. Wie der Rückblick für 2009 letztendlich aussehen wird, müssen wir abwarten. Eines weiß man jedoch schon heute: Auch in wirtschaftlich problematischen Zeiten wird es neben Verlierern auch Gewinner geben.
Martin Katz
Geschäftsführer
Ameropa-Reisen
Bad Homburg
Vorsitzender
IHK-Ausschuss für Tourismus
IHK WirtschaftsForum
Oktober 2009