Integrationspolitik
Zusammen arbeiten, miteinander leben

Mit der Gründung eines eigenen Integrationsdezernats war die Stadt Frankfurt vor rund zwei Jahrzehnten bundesweit ein Vorreiter. Das Dezernat, dessen Arbeit auch international als Modell Beachtung gefunden hat, erarbeitet gegenwärtig ein neues Integrationskonzept.

Migration kann etwas bedeuten, was man mit dem Amt einer Integrationsdezernentin vielleicht nicht in erster Linie verbindet: Abwanderung. Ein wichtiges Ziel unserer Arbeit ist es, dem entgegenzuwirken, dafür zu sorgen, dass Menschen bei uns bleiben und so einen Verlust an schöpferischem und wirtschaftlichem Potenzial zu verhindern.

Der vorhersehbare demografische Knick wird in einigen Jahren deutlich spürbar sein. Nicht nur die oft beschworenen Phänomene einer alternden Gesellschaft werden uns beschäftigen. Schon heute ist von Fachkräftemangel die Rede, und für manche Unternehmen in der Region ist er zu einem gravierenden Problem geworden. Wir werden in noch stärkerem Maße als heute auf die Leistungsfähigkeit der Menschen angewiesen sein, die zu uns kommen, beziehungsweise darauf, dass Menschen überhaupt zu uns kommen.

Die Auffassung, Integration sei eine Aufgabe, die im Erfolgsfall eines Tages erledigt sei, geht daher fehl. Integrationspolitik wird eine Daueraufgabe bleiben. Es hat lange gedauert, bis wir uns in Deutschland dazu durchgerungen haben, dies anzuerkennen. Eine moderne Integrationspolitik ist auf absehbare Zukunft von vergleichbarer Bedeutung und ähnlich umfassend anzulegen wie eine erfolgreiche Bildungs-, Familien- oder Wirtschaftspolitik.

Region muss zu einer neuen Heimat werden
Mit Migration verbinden die meisten in erster Linie: Zuwanderung. Integrationspolitik verstehen manche dabei im Sinne einer Schadensbegrenzung und Reparaturleistung. Es ist die Leistung der deutschen Wirtschaft – und gerade auch des Mittelstands – uns darauf aufmerksam zu machen, wie verkehrt diese Sichtweise ist und wie nachteilig es ist, dass in den vergangenen Jahren weniger Menschen aus dem Ausland zu uns nach Deutschland und in unsere Region gekommen sind. Wenn die Wirkungen des demografischen Wandels tatsächlich durch Zuwanderung ausgeglichen werden sollen, werden wir in den nächsten Jahrzehnten über andere Zahlen reden müssen, als sie derzeit in der Öffentlichkeit kursieren.

Für die Mehrheit der Bevölkerung schließt sich an eine solche Feststellung die Forderung nach einer geregelten Zuwanderung an. Schlagworte wie „Hochqualifizierte“ und Vorschläge für eine Art Punktesystem gehören ebenso dazu wie vergleichende Blicke in Einwanderungsländer wie Kanada oder Australien. Fest steht wohl auch: Eine wachsende Zahl von Menschen ist bereit, eine gewisse, „gute“ Verstärkung von außen als unvermeidbar, ja als hilfreich anzunehmen.

Es steht jedoch zu befürchten, dass es dazu nicht kommen wird oder möglicherweise nicht in hinreichendem Maße, um die zu erwartenden demografischen Verluste selbst bei großen Produktivitätssteigerungen auszugleichen. In einer Region wie FrankfurtRheinMain, der es – trotz mancher Schwierigkeiten – ganz erstaunlich gut geht, unterschätzen einige den Konkurrenzdruck, der tatsächlich für uns besteht: Wenn wir wollen, dass die „richtigen“ Menschen zu uns kommen, dann müssen wir ihnen auch etwas bieten. Das Mindeste ist: Eine Heimat auf Zeit und unsere Bereitschaft, unsere Region auch für unsere neuen Nachbarn zu einer neuen Heimat werden zu lassen.

Vielfalt und Diversity auch wirtschaftlich von Vorteil
Aber nicht nur der sprichwörtliche „war for talents“, auch alle anderen Arten von Zuwanderung – geregelte und faktische, Flüchtlinge vor Armut, Kriegen und Katastrophen – werden uns weiterhin und (so müssen wir auf dieser Welt befürchten) in zunehmendem Maße beschäftigen. In allen Fällen ist unser aller persönliche Bereitschaft zur Integration gefordert und das heißt heutzutage: unsere Bereitschaft zu Vielfalt und Diversity. Gerade wenn wir uns um die Hochqualifizierten bemühen möchten, müssen wir dafür sorgen, dass sie gerne bei uns leben und bleiben. Es muss unser Anliegen sein, dass unsere Region international den Ruf hat, wirklich international zu sein. Machen wir uns nichts vor: Englischsprachige Länder haben für viele, die es sich aussuchen können, wo sie arbeiten, bereits den großen Vorteil, dass man in ihnen keine weitere Sprache lernen muss. Umso mehr müssen wir hier bei uns bessere Lebensbedingungen für ein gedeihliches internationales Miteinander finden und bieten. Studien belegen immer wieder, dass ein solches offenes Zusammenleben zugleich die beste Voraussetzung für Integration ist. Dem widerspricht es nicht, sich zugleich dauerhaft um lokale Traditionen und die eigene regionale Identität zu kümmern. Eine moderne Gesellschaft braucht vielleicht nicht immer Konsens, aber gemeinsame Werte und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Die Vorzüge von Vielfalt, Diversity, hat auch die Organisationstheorie und Betriebswirtschaft entdeckt. Dass Immigration volkswirtschaftlich positive Anreize setzen kann, beginnt die Wissenschaft zu belegen. Neben vielen Unternehmen hat auch die Stadt Frankfurt die „Charta der Vielfalt“ unterzeichnet, übrigens als eine der ersten Kommunen Deutschlands.

Und dennoch dürfen wir einen Fehler nicht machen: in erster Linie nach außen zu schauen. Mitten unter uns leben Menschen, denen wir verpflichtet sind: Wir haben ihnen eine Chance (manchmal eine zweite oder dritte) zu bieten, um sie wieder an unseren Arbeitsmarkt und unsere Gesellschaft heranzuführen. Hier ist die Politik gefragt, aber auch unser aller bürgerschaftliches Engagement, und auch die Wirtschaft ist hier mit in der Verantwortung – auch sich selbst gegenüber: Unternehmen können Mitarbeiter nicht nur von außen holen, sondern auch im eigenen Umfeld ausbilden. Manches Mal ist das mühsamer. Immer ist es verdienstvoll.

Intelligente Integrationspolitik bezieht alle Einwohner ein
Die Fragen von Demografie und Arbeitsmarkt, Zu- und Abwanderung und Integration, werden wir nicht einfach lösen. Wir müssen uns ihnen jedoch stellen, und wir haben uns die richtigen Fragen zu stellen. Lebensgeschichten, Bildungs- und Erwerbsbiografien haben sich verändert. Die Menschen, die zu uns kommen, stammen mittlerweile aus vielen Ländern und sind nicht mehr nur „Gastarbeiter“. Unsere eigene deutsche Gesellschaft hat sich verändert und aufgefächert. Oft hören wir, das Leben sei komplexer, komplizierter geworden, schneller und für manche auch härter. Richtig ist: Wir müssen neu nachdenken. Daher erarbeiten wir im Dezernat derzeit ein neues Integrationskonzept für unsere Stadt, das wir in der zweiten Jahreshälfte in einer Partizipationsphase zur Diskussion stellen wollen: Gemeinsam müssen wir uns darauf verständigen, was für unsere Region gut ist, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen und wovon wir leben wollen. In einem Beirat, der die Entwicklung dieses Integrationskonzeptes begleiten soll, werden auch Vertreter der regionalen Wirtschaft mitwirken.

Integration geht uns alle an – und sie gelingt nur gemeinsam. Intelligente Integrationspolitik ist keine Sonderaufgabe für „Ausländer“ und „Migranten“, sondern wendet sich an alle Einwohner unserer Region. Sie hat alle Politikfelder zu berücksichtigen und zu beeinflussen. Wie in einem gut geführten Unternehmen, müssen wir auf das Ganze achten: Nur in einer breit aufgestellten und zugleich gut integrierten Gesellschaft, durch Vielfalt stark und krisensicher, können wir produktiv und erfolgreich zusammenarbeiten und wirklich miteinander leben.    


Dr. Nargess Eskandari-Grünberg
Stadträtin
Integrationsdezernentin
Frankfurt am Main

IHK WirtschaftsForum
Juni 2009