Nicht vernachlässigen
Kinderbetreuung als Instrument der regionalwirtschaftlichen Wachstumspolitik

Ein wesentlicher Grund für die fehlende Erwerbsbeteiligung zahlreicher Frauen war die bislang unzureichende Infrastruktur mit Betreuungseinrichtungen für Kinder. Denn nur dadurch wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oft erst ermöglicht. Krippen für unter dreijährige Kinder, Tagesmütter beziehungsweise -väter, Kinderhorte und Ganztagsschulen waren vor fünf Jahren vielerorts noch kaum vorhanden, wie unter anderem der IHK-Familienatlas 2006 für den IHK-Bezirk Frankfurt aufgezeigt hat. Inzwischen hat sich das politische Umfeld spürbar verbessert.

FrankfurtRheinMain gehört zu den wirtschaftlich bedeutendsten Metropolregionen in Europa. Innerhalb Deutschlands nimmt Frankfurt-RheinMain zusammen mit der Region München / Oberbayern die Spitzenposition in Bezug auf die wirtschaftliche Leistungskraft ein. Die langfristige wirtschaftliche Entwicklung der Region ist jedoch maßgeblich von den Menschen abhängig, die hier leben und arbeiten. Die zunehmende Wissensbasierung in nahezu allen Teilen der Wirtschaft macht das Humankapital, das heißt das Wissen, die Fertigkeiten und die Kreativität der Menschen, zum entscheidenden Produktionsfaktor. Doch in den nächsten Jahrzehnten wird die Bevölkerungszahl in Deutschland zurückgehen. Gleichzeitig steigt die Zahl der Personen über 65 Jahren um fast 50 Prozent drastisch. Das Erwerbspersonenpotenzial nimmt – trotz Verlängerung der Lebensarbeitszeit – ab.

Diese Entwicklung schränkt das wirtschaftliche Wachstumspotenzial ein. Wirtschaftliche Wachstumseinbußen entstehen auch aus einem sich verschärfenden Fachkräftemangel, unter dem bereits heute – auch in konjunkturell schlechteren Zeiten – viele Unternehmen leiden. Hinzu kommt, dass im umlagefinanzierten System der sozialen Alterssicherung ein immer kleinerer Teil von Erwerbstätigen einen immer größeren Anteil älterer Menschen finanzieren muss. Im Jahr 2050 werden 100 Personen im erwerbsfähigen Alter für 90 Menschen im nicht erwerbsfähigen Alter aufkommen müssen.

Um den wirtschaftlichen Wohlstand auch in Zukunft aufrechtzuerhalten, ist das vorhandene Erwerbspersonenpotenzial bestmöglich auszuschöpfen. In Deutschland beträgt die Erwerbsbeteiligung der Frauen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren 64 Prozent, die der Männer liegt bei knapp 75 Prozent. Im internationalen Vergleich ist die Erwerbsbeteiligung der Frauen in Deutschland allenfalls als durchschnittlich zu bewerten. Ein Grund hierfür ist sicherlich die unzureichende Infrastruktur der Betreuungseinrichtungen für Kinder, die eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie erschwert. Zum Beispiel in Dänemark, den Niederlanden, Schweden, der Schweiz und auch den Vereinigten Staaten ist die Frauenerwerbsquote deutlich höher.
Die Ausweitung der Kinderbetreuungsmöglichkeiten ist ein erklärtes politisches Ziel der Bundesregierung und der neu gewählten hessischen Landesregierung. Bis 2013 soll die Versorgungsquote mit Plätzen in Kindertageseinrichtungen und bei Tagespflegepersonen für Kinder unter drei Jahren über einem Drittel liegen. Für jedes Kind in diesem Alter besteht dann – wie heute bereits schon bei über Dreijährigen – ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Zudem soll das Angebot an Ganztagsschulen sukzessive ausgeweitet werden.

Angebot an Krippenplätzen unzureichend
Der Ausbau der Betreuungseinrichtungen wird in Zukunft die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern und durch eine steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen das wirtschaftliche Wachstum fördern. Gleichzeitig dürfte sich dies auch positiv auf die Geburtenrate auswirken. Denn gerade Frauen mit höherer Bildung, speziell Akademikerinnen, haben bislang zugunsten der beruflichen Karriere auf Kinder verzichtet. Gleichzeitig schließt eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen insgesamt einen Anstieg der Geburtenrate nicht aus, wie nicht nur internationale Studien, sondern auch die Datenlage im IHK-Bezirk Frankfurt zeigen.

Wie steht es nun aktuell um die Infrastruktur mit Betreuungseinrichtungen im IHK-Bezirk Frankfurt? Wie kinder- und familienfreundlich ist die Region? In der Tat hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. In fast allen Kommunen wurde und wird die Zahl der Krippenplätze erheblich aufgestockt und die Vermittlung von Tagespflegepersonen forciert. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes befanden sich im IHK-Bezirk Frankfurt im Jahr 2008 insgesamt 5 278 Kinder unter drei Jahren in Kindertagesstätten. Außerdem wurden 1 084 Kinder von Tagesmüttern und -vätern betreut. Gemessen an der Zahl der unter Dreijährigen im IHK-Bezirk haben 16,2 Prozent einen Betreuungsplatz.

Dies entspricht zweifellos noch bei Weitem nicht den politischen Vorgaben der Bundesregierung bis zum Jahr 2013. Es ist aber im Vergleich zur Situation fünf Jahre zuvor eine erhebliche Verbesserung. In der Stadt Frankfurt beträgt die Versorgungsquote – gemessen an der Zahl der Kinder unter drei Jahren in Kitas und bei Tageseltern – über 20 Prozent. Dies deckt den Bedarf zwar noch nicht, zeigt aber, dass die Verantwortlichen den richtigen Weg eingeschlagen haben. Besonders gut erscheint die Versorgungssituation gemessen an der Versorgungsquote zurzeit in Eschborn, Kronberg, Schwalbach und Sulzbach. Allerdings gibt es nach wie vor auch Gemeinden im IHK-Bezirk, in denen so gut wie kein Angebot an Betreuungseinrichtungen für unter Dreijährige vorhanden ist. Der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz ab Vollendung des dritten Lebensjahres ist in den Kommunen des IHK-Bezirks verwirklicht. Insgesamt befinden sich derzeit über 33 000 Kinder zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr in Kindertagesstätten. Außerdem werden knapp 13 000 Kinder bis zum 14. Lebensjahr in Horten betreut. Das Angebot an Ganztagsschulen wächst kontinuierlich.

Längere Öffnungszeiten, mehr Förderungs-Angebote
Eine rein quantitative Betrachtung der Versorgung mit Kinderbetreuungseinrichtungen gibt die tatsächliche Situation nur unzureichend wieder, vielmehr müssen auch qualitative Aspekte berücksichtigt werden. Wie der IHK-Kita-Check 2008 gezeigt hat, ist in den vergangenen Jahren nicht nur in den mengenmäßigen Ausbau der Einrichtungen, sondern auch in die Qualität investiert worden. Dies beginnt mit arbeitnehmerfreundlicheren Öffnungszeiten, speziell bei der Ausdehnung der Öffnungszeiten an Nachmittagen, bis hin zu spezifischen Angeboten der frühkindlichen Förderung (zum Beispiel bilinguale, naturwissenschaftliche und musische Angebote) in Kindergärten.

Dem Thema frühkindliche Förderung wird in Zukunft eine noch stärkere Bedeutung zukommen. Dabei wird es speziell auch um die Förderung von Kindern aus bildungsfernen Haushalten und mit Migrationshintergrund gehen, um deren Zukunftschancen zu verbessern. Bereits heute sind in Teilen des IHK-Bezirks soziale Schieflagen erkennbar. In der Stadt Frankfurt bezieht fast jedes vierte Kind unter 15 Jahren Unterstützungsleistungen nach SGBII, die spezifische Jugendarbeitslosenquote (Arbeitslose bis 25 Jahre) beträgt 14,4 Prozent. Im Main-Taunus-Kreis weist Hattersheim den höchsten Anteil von SGBII-Hilfsbedürftigen unter 15 Jahren aus (14,4 Prozent), im Hochtaunuskreis sind es Steinbach (18,3 Prozent) und Grävenwiesbach (17,5 Prozent).

Das Wirtschaftswachstum wird zukünftig nicht nur von der Bevölkerungsentwicklung und der Ausschöpfung des Erwerbspersonenpotenzials abhängen. Vielmehr wird unter anderem entscheidend sein, inwieweit es gelingt, den Bildungsstand der Gesellschaft insgesamt zu erhöhen sowie die Entwicklung von Kenntnissen und Fertigkeiten des Einzelnen zu fördern. Hier kommt der frühkindlichen Bildung ein besonders hoher Stellenwert zu, insbesondere in den Bevölkerungsgruppen, in denen diese wichtige Aufgabe von den Eltern nicht oder nur unzureichend wahrgenommen werden kann. Voraussetzung hierfür ist, dass in Zukunft ausreichend qualifizierte Betreuer sowie Tageseltern zur Verfügung stehen. Auch hier gibt es derzeit einen Fachkräftemangel.   


Dr. Rainer Behrend
Behrend Institut
Wirtschaftsforschung und Beratung
Frankfurt am Main
rbehrend@behrend-institut.de

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Juni 2009
 

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