IHK-Familien- und Demografieatlas
Gestaltungsspielräume nutzen

Unternehmen benötigen Fachkräfte und Fachkräfte benötigen eine familiengerechte Infrastruktur. Der Vereinbarkeit von Familie und Beruf kommt insbesondere wegen des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels eine wachsende Bedeutung für die Unternehmen und für den Standortwettbewerb zu. Die Kommunen im IHK-Bezirk sind hier unterschiedlich gut aufgestellt. Einen Überblick gibt die Studie „IHK Familien- und Demografieatlas 2009“.

Die demografische Entwicklung wird künftig eine der zentralen Herausforderungen für unsere Gesellschaft sein. Niedrige Geburtenraten sorgen dafür, dass die Bevölkerung schrumpft. Zudem nimmt der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung – auch dank steigender Lebenserwartung – stark zu: Bis zum Jahr 2050 dürfte der Anteil Hochbetagter (Personen mit 80 Jahren und älter) um das Dreifache höher liegen als heute. Bevölkerungsprognosen besagen, dass – trotz Zuwanderung – im Hochtaunuskreis im Jahr 2050 12 500 Menschen weniger leben als heute (Rückgang von 5,5 Prozent), dass im Main-Taunus-Kreis die Bevölkerung stagniert, und dass die Stadt Frankfurt sogar um 14000 Personen wächst. Ohne Zuwanderung, ausschließlich unter Berücksichtigung der natürlichen Bevölkerungsentwicklung, wäre gar ein drastischer Rückgang der Bevölkerung zu erwarten. Klar ist auch: Das Erwerbspersonenpotenzial wird bis zum Jahr 2050 im IHK-Bezirk Frankfurt deutlich zurückgehen.

Zwar kann nicht die Grundtendenz, aber doch das Ausmaß der demografischen Veränderung beeinflusst werden. Die Kommunen haben einen deutlichen Gestaltungsspielraum. Vor allem diejenigen Städte und Gemeinden werden sich in Zukunft positiv entwickeln, denen es gelingt, Menschen im erwerbsfähigen Alter sowie Familien anzuziehen. Gleichzeitig wird es darum gehen, die zunehmende Alterung der Gesellschaft als Chance zu begreifen. Dazu bedarf es auf der einen Seite einer guten Versorgung und Infrastruktur an Kitas, Kindergärten, Schulen und anderen Betreuungseinrichtungen. Auf der anderen Seite ist Familienfreundlichkeit nicht nur ein Handlungsfeld für die kommunalpolitischen Akteure. Vielmehr sind auch die Unternehmen gefordert, die geeigneten Rahmenbedingungen zu schaffen.

Mit Blick auf die Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben besteht in Deutschland Nachholbedarf. Zudem ist es gesellschaftlich nicht hinnehmbar, dass fast jede zweite Akademikerin kinderlos bleibt, oftmals weil Beruf und Kind nicht miteinander vereinbar sind. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist kein frauenspezifisches Thema, sondern betrifft gleichermaßen die Männer. Die Frauenbeschäftigungsquote liegt im IHK-Bezirk Frankfurt mit 48 Prozent deutlich über dem hessischen Durchschnitt (45 Prozent). Daraus lässt sich ableiten, dass hier die Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie günstiger sind als andernorts. Die Analyse der IHK Frankfurt zeigt zudem, dass ein hoher Anteil der Frauen an der Gesamtbeschäftigung mit einer hohen Geburtenrate vereinbar ist: Kelkheim beispielsweise weist mit 50 Prozent eine überdurchschnittlich hohe Frauenbeschäftigungsquote aus. Gleichzeitig liegt hier die Geburtenrate um 14,1 Prozent über dem Durchschnitt der Region FrankfurtRheinMain.

Über Dreijährige gut versorgt
Entscheidend für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eine ausreichende Versorgung mit Kinderbetreuungsplätzen. Hier hat sich im IHK-Bezirk in den vergangenen drei Jahren viel getan. Der gesetzliche Anspruch auf einen Kindergartenplatz für über Dreijährige ist in allen Kommunen des IHK-Bezirks erfüllt. Eine Bedarfsdeckung sowohl bei der Betreuung der unter Dreijährigen als auch bei der Nachmittagsbetreuung von Schulkindern ist vielerorts allerdings noch nicht erreicht. Einige Kommunen erfüllen die für das Jahr 2013 gesetzlich vorgesehene Versorgungsquote von 35 Prozent für unter Dreijährige bereits jetzt (Eschborn) oder sind nah dran. Für den gesamten IHK-Bezirk liegt die Versorgungsquote mit Kita-Plätzen und Tagespflegeplätzen bei 21,3 Prozent und damit über dem Durchschnitt der westdeutschen Bundesländer. Für den weiteren Ausbau der Kinderbetreuungsplätze erweist sich der bestehende Fachkräftemangel bei Erziehern als Hemmnis. Dennoch: Die Kommunen des IHK-Bezirks haben das Thema Familienpolitik als wichtigen Teil der Standortpolitik erkannt.

Der Atlas hat bewusst auch das Thema Senioren integriert – eine für Kommunen und Unternehmen zunehmend bedeutungsvolle Kundengruppe. In einigen Gemeinden wie Schwalbach und Bad Soden ist inzwischen jeder vierte Einwohner über 65 Jahre alt. Diese Quote wird sich bis zum Jahr 2040 auf über 30 Prozent in den Landkreisen erhöhen. Umso sinnvoller ist es, dass sich Kommunen und Unternehmen mit ihren Dienstleistungen und ihrer Infrastruktur frühzeitig auf diese Bevölkerungsgruppe einstellen, beispielsweise mit Renten- und Wohngeldberatungen, Qualifizierungsangeboten für Ehrenamtliche, dem Abbau von Barrieren an Bahnhöfen und Gehsteigen oder Senioreneinkaufsführern.

Ein Ranking der Städte und Gemeinden enthält die Studie nicht – wohl aber vergleichende Statistiken zu mehreren familien- und demografiespezifischen Indikatoren. So weist Sulzbach die höchste Frauenbeschäftigungsquote (56 Prozent) auf, Eschborn die höchste Versorgungsquote für die unter Dreijährigen (47 Prozent) und das höchste Bevölkerungswachstum (5,8 Prozent), Neu-Anspach das geringste Durchschnittsalter der Bevölkerung (40,6 Jahre), Kronberg die höchste Geburtenhäufigkeit (22 Prozent höher als der RheinMain-Durchschnitt) und Glashütten die geringste Jugendarbeitslosigkeit (2,99 Prozent). Auch wenn die Stadt Frankfurt in den Statistiken keinen Spitzenplatz einnimmt, so ist sie doch Magnet für die gesamte Region.

Zudem enthält die Studie zahlreiche Best-Practice-Beispiele: Die größte Spielplatzdichte im IHK-Bezirk weist beispielsweise die Gemeinde Wehrheim auf, das kleine Weilrod unterhält neun Jugendzentren, in Hofheim gibt es einen von einer Künstlerin gemeinsam mit Kindern wunderschön gestalteten Kinderstadtplan und Frankfurt hat spezielle Bildungsinitiativen für Kinder im Angebot, wie die Jugendbibliothek KiBi, die junge VHS oder die Kinder-Uni.


Karen Hoyndorf
Vizepräsidentin
IHK Frankfurt am Main
Geschäftsführerin
Accenture
Kronberg
karen.hoyndorf@accenture.com


Eine ausreichende Versorgung mit Kinderbetreuungsplätzen ist eine entscheidende Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Hier hat sich im IHK-Bezirk Frankfurt in den vergangenen drei Jahren viel getan.


Rahmenbedingungen verbessern

Kleinere und mittlere Unternehmen können geeignete Rahmenbedingungen schaffen, damit Familie und Beruf für die Mitarbeiter besser vereinbar sind:
  • Unternehmen können mit Blick auf die Kinderbetreuung ihrer Mitarbeiter Kooperationen mit Kitas, Kindergärten sowie Tagespflegeeinrichtungen aufbauen und Plätze reservieren.
  • Über diese Regelangebote für die Ein- bis Sechsjährigen hinaus können Firmen ihre Mitarbeiter darin unterstützen, weitere Dienstleistungen (zum Beispiel beim Babysitting und der Hausaufgabenbetreuung) zu organisieren.
  • In Ferienzeiten, wenn Schulen und Kindergärten geschlossen sind, können Unternehmen und Kommunen zusammenarbeiten, um Ferienprogramme für Kinder auf die Beine zu stellen.
  • Wichtig ist, dass Kinder nicht nur am Wohnort, sondern auch am Arbeitsort der Eltern betreut werden können. Auch hier ist die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Kommunen gefragt.
  • Mehrere Unternehmen können eine gemeinsame Anlaufstelle für die Hilfe bei der Kinderbetreuung der Arbeitnehmer einrichten und betreiben.Kinderbetreuung ist für Eltern nicht nur organisatorisch aufwendig, sondern auch teuer: Eine finanzielle Unterstützung (zum Beispiel Windelgeld) durch den Arbeitgeber hilft – und sei
    es in Form von Gutscheinen für bestimmte Betreuungsleistungen.
  • Angebote wie Kontakthalte- und Weiterbildungsprogramme erleichtern den Wiedereinstieg nach der Elternzeit.
  • Eltern-Kind-Zimmer im Unternehmen einrichten: Dann können Kinder auch mal an den Arbeitsplatz mitgebracht werden.
  • Heimarbeit gestatten, Telearbeitsplätze einrichten, flexible Arbeitszeiten ausweiten.

Weitere Tipps erhalten Unternehmer über das Netzwerkbüro Erfolgsfaktor Familie, bei dem die IHK-Organisation Partnerin ist. Dieses Büro ist Ansprechpartner bei Fragen zur Umsetzung familienfreundlicher Personalpolitik in Unternehmen, insbesondere auch in KMUs.

Weitere Infos online unter www.erfolgsfaktor-familie.de. Der IHK-Familien- und Demografieatlas 2009 ist online unter www.frankfurt-main.ihk.de abrufbar.


IHK WirtschaftsForum
Oktober 2009
 

Demografiekongress 2012 Zurück aus der Zukunft 2025

Fotos vom Demografiekongress 2012

Fotos vom Demografiekongress 2012