Das passt auf jede Kuhhaut
Serie Existenzgründer: Corium Oberflächentechnik in Frankfurt-Fechenheim

Im Labor riecht es nach Farbe. Inge Komo, Ernst Sandner und Roland Müller mischen Cremes, Farben und Pigmentpasten, überall liegen Schuhe und Lederstücke herum, eine Prüfmaschine knickt schnell Lederstücke hin und her. Es liegt Aufbruch in der Luft. Hier wird für den Weltmarkt produziert.

„Würden Sie für einen Schreibtisch aus Kiefer den gleichen Lack verwenden wie für einen aus Mahagoni? Auf die Idee käme niemand. Leder muss ebenfalls individuell behandelt werden“, sagt Eduard Blesius, Geschäftsführer der Corium Oberflächentechnik. Das Leder für eine Modellreihe Schuhe kommt aus der ganzen Welt. Unterschiedliche Rinderarten, Hitze, Feuchtigkeit, Sonne, Wind und selbst die Nahrung – all das beeinflusst die Tierhaut.

Das allein würde schon zu einer großen Vielfalt beim Leder führen. Hinzu kommt noch, dass die Gerbungstechniken regional sehr unterschiedlich sind und bei der Verarbeitung des Leders viele seiner gewünschten Eigenschaften – Resistenz, Atmungsaktivität – verloren gehen. Mit anderen Worten: Damit die Schuhe einer Modellreihe am Ende alle gleich aussehen und sich gleich anfühlen, muss das Leder noch stark bearbeitet werden. Dafür die passenden Produkte, im Fachjargon „Finish“ genannt, zu entwickeln, ist Aufgabe der Oberflächentechniker bei Corium.

Eduard Blesius ist ganz in Gründerstimmung. Noch vor einem Dreivierteljahr arbeitete der Kaufmann bei der AllessaChemie. Dort vermarktete er Produktionskapazitäten zur Auftragsfertigung. Wenn also eine Firma nicht die passenden Maschinen hat oder nicht die gewünschte Menge herstellen kann, stellt die AllessaChemie ihre Anlagen und ihr Know-how zur Verfügung. Dabei kam Blesius auch mit Inge Komo und Roland Müller ins Gespräch. Sie arbeiteten bei einem Hersteller von Lederpflegemittel und wollten sich in diesem Bereich selbstständig machen. Die Experten hatten das Wissen, wie Finishprodukte individuell auf ein Leder eingestellt werden könnten, sahen aber keine Chance, dies bei ihrem damaligen Arbeitgeber in ihrem Sinne zu verwirklichen.

Blesius ließ sich schnell überzeugen und war begeistert. Sie mieteten Büros und Labors im Industriepark der Allessa an und legten los. „Wir wollten uns ganz auf die Entwicklung und den Vertrieb konzent-rieren. Deshalb produzieren wir bei uns nur kleine Mengen. Für größere Lose beauftragen wir die Allessa. Da kommen mir meine Kenntnisse über die Anforderungen eines Lohnherstellers sehr zunutze“, erklärt Blesius.

Schuhe zum Tanzen, für Kinder, für Herren und Damen, Sandalen und Motorradstiefel, Sicherheitsschuhe – darum dreht sich das Geschäft. Die Schuhmacherei ist ein altes Handwerk, das damals wie heute viel Handarbeit braucht. Beispiel Sandalen: Dünne Riemchen, verschiedene Ledersorten und Farben verbinden sich zu einem Modeartikel. Was den Fuß schmückt, bringt für die Hersteller viel Arbeit, denn jedes Riemchen muss mit einem Pinsel lackiert und dann poliert werden. Deshalb werden Schuhe heutzutage zu rund 60 Prozent in China produziert. Doch auch in den Ländern der EU und selbst in Deutschland gibt es Fertigungsstätten. Insgesamt ist der Schuhmarkt sehr zersplittert: Es gibt ein paar globale Anbieter, von denen einige nur als Marke existieren und die Produktion ausgelagert haben. Dazu kommen noch zahlreiche nationale und regionale Hersteller. Keine leichte Aufgabe für ein Fünf-Personen-Unternehmen, sich hier zu etablieren.

Dem 46-jährigen Blesius kommt hier wieder sein beruflicher Werdegang zugute: Er war vor seiner Zeit bei Allessa rund 20 Jahre bei der Hoechst AG beschäftigt. Dabei machte er Station bei vielen ausländischen Standorten. Der alte Chemieriese ist inzwischen zersplittert – ein Glücksfall für Blesius. Heute trifft er weltweit auf ehemalige Hoechstler und kommt so leicht ins Gespräch. Das sind wichtige Kontakte. Corium hat mittlerweile ein internationales Vertriebsnetz aus freien Mitarbeitern und Lieferbeziehungen zu fast allen großen Schuhproduzenten.

Dass die Corium auf dem richtigen Weg ist, ist für Eduard Blesius deutlich. Das Unternehmen besetzt eine Nische und findet seine Kundschaft bei den Schuhproduzenten. Es ist nicht geplant, Pflegeprodukte für den Ladenverkauf herzustellen: „Wir beschränken uns bewusst, weil wir dort am stärksten sind, wo wir die Finishprodukte speziell auf eine Ledersorte und einen Zweck hin optimieren können. Es geht nicht um die Masse, sondern die Sonderfälle.

“Corium setzt zudem auf den Umweltschutz: Die Produkte sind soweit als möglich frei von Lösungsmitteln. Das ist günstig für die Arbeitshygiene, konkret für all die fleißigen Arbeiter in den Fabriken, die die Mittel händisch auf einen Pinsel oder einen Schwamm und auf die Schuhe auftragen müssen. Für die Hersteller bietet sich ein weiterer Vorteil. Eine EU-Verordnung regelt und begrenzt den Lösungsmittelanteil in einem Paar Schuhe. Bei der Produktion wird schon die Schuhsohle mit dem Absatz verklebt; dies gilt für die meisten Einzelteile. Doch gerade im Klebstoff ist viel Lösemittel enthalten, sodass viele Hersteller gerne lösemittelfreie Polituren für das Leder einsetzen wollen, um so den Lösemittelanteil pro Paar gering zu halten. Hier kann Corium ein Angebot machen. „Viele Hersteller von Finishprodukten haben diesen Trend verschlafen oder hatten schlicht die Sorge, ihre eigenen Produkte zu kannibalisieren. In diese Lücke sind wir gesprungen“, erklärt Blesius.

Manchmal würde sich Blesius gerne teilen können. Der gebürtige Wiesbadener ist nämlich ständig unterwegs. Er eilt vom Büro zum Flieger, wacht in Portugal wieder auf, besichtigt Fabriken, spricht mit Produktionsleitern und Entscheidern. In Frankfurt gibt er einen Probeschuh oder Leder im Labor ab, um dann die Buchhaltung zu machen, Personal zu rekrutieren und die nächsten Termine vorzubereiten. In seinem Schrank hängt auch Arbeitskleidung: Wenn Not am Mann ist, streift er sie über, fährt selbst ins Lager und schafft Farbcontainer herum. Das ist der Fluch und der Segen der Selbstständigkeit. Eduard Blesius ist jetzt sein eigener Chef und damit für alles verantwortlich.

„Existenzgründung ist ein sehr komplexer Prozess. Es geht um Ideen, Wettbewerber, Marktchancen, Kapital und Kontakte.“ Dann gibt es noch eine psychologische Komponente: „Ich hatte nach 20-jähriger Erfahrung erstmalig wieder Lampenfieber vor einem Verkaufsgespräch“, erzählt er. Es macht eben einen gro-ßen Unterschied, ob hinter einem ein Unternehmen steht, das monatlich das Gehalt überweist, oder ob erst alles erwirtschaftet werden muss: Löhne für die Angestellten, Mieten, Zinsen, Pachten, Kosten für externe Dienstleis-ter – wenn dann etwas übrig bleibt, was nicht für Investitionen benötigt wird, kann sich Blesius auch selbst etwas überweisen. Bei Corium läuft es rund, die Zahlen bewegen sich im Plan und weisen die gewünschte Aufwärtskurve auf. Mit dem Break-Even rechnet Blesius für das Jahr 2009. Erst dann lässt sich sagen, ob sich die Firma am Markt etablieren kann und Gewinn abwirft.

Überhaupt die Sache mit den Zahlen: Hier hat Eduard Blesius seine eigene Philosophie für Gründer. Er empfiehlt, in einem ersten Anlauf eine realistische Planung für Gewinn und Umsatz vorzunehmen. Die-se Zahlen sollten dann halbiert werden. Diese Zahlen sind für die Bank. Dann halbiert man sie noch einmal. „Wenn man jetzt noch Licht am Horizont sieht, lohnt es sich, weiterzumachen“, meint er. Der Kaufmann warnt aber auch davor, sich von Zahlenspielen zu sehr verunsichern zu lassen. Für ihn entscheidend war das Bewusstsein, dass er es in zwei Jahren bereuen würde, ließe er diese Chance auf die Selbstständigkeit vorbeiziehen.

Er ist auf eine Idee getroffen, die ihn überzeugte. Zudem hatte er erfahrene Mitarbeiter: Die Oberflächentechniker bei Corium sind alle jenseits der 50, haben einschlägige Berufserfahrung und bringen viele Kontakte in der Branche mit. „Das Unternehmen entstand als Teamgründung. Jeder hat seine unverzichtbare Rolle. Die Kombination aus Vision und Erfahrung ist unser Erfolgsrezept“, so Blesius.    


Felix Reifschneider
IHK Frankfurt am Main
Unternehmenskommunikation


Der Name ist Programm: Das Wort „Corium“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Leder“. Im Fechenheimer Unternehmen Corium Oberflächentechnik werden Finishprodukte für die Schuh- und Lederindustrie entwickelt und hergestellt


Kontakt:

Corium Oberflächentechnik
Alt Fechenheim 34
60386 Frankfurt
069  4109 2174
069  4109 2177

Weitere Kontaktadressen und Infos zum Thema Existenzgründung bei der IHK Frankfurt am Main, Starthilfe und Unternehmensförderung, Michael Höppner, Börsenplatz 4, 60313 Frankfurt, Telefon 069 2197 1281, E-Mail m.hoeppner@frankfurt-main.ihk.de.

IHK WirtschaftsForum
Mai 2008