Kreditvergabe
Kein einheitliches Bild

Fremdkapital ist in der Finanzkrise nicht knapper geworden. Doch müssen sich die Unternehmen noch sorgfältiger als in der Vergangenheit auf den Kreditvergabeprozess vorbereiten, so Dr. Hans-Werner Grunow, Partner bei Capmarcon, Kronberg.

Herr Dr. Grunow, das Gespenst einer Kreditklemme hält sich beharrlich in der öffentlichen Diskussion. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit einer ernsthaften Kreditverknappung?

Die Statistiken von Bundesbank und Europäischer Zentralbank belegen, dass eine gesamtwirtschaftliche Kreditklemme in Deutschland bisher ausgeblieben ist. Das Volumen der von Banken an die deutsche Wirtschaft im ersten Halbjahr ausgelegten Mittel ist gegenüber dem ersten Halbjahr 2008 um etwa drei Prozent gestiegen. Der Trend stetigen Kreditwachstums wäre noch deutlicher ausgefallen, hätten nicht ausländische Banken deutschen Unternehmen von Januar bis Juni weniger Fremdkapital bereitgestellt. Zum Jahresende deutet nichts darauf hin, dass sich die Situation in 2010 drastisch verschärfen sollte.

Dann ist die Versorgung der Unternehmen mit Fremdkapital also ausreichend?

Insgesamt ja. Aber es hat unterschiedliche Entwicklungen in den Sektoren und Branchen gegeben. Zu einer deutlichen Zunahme des Kreditvolumens seit Jahresmitte 2008 kam es in den Wirtschaftssektoren Verkehr und Lagerhaltung, dem Baugewerbe und besonders bei den Versorgungsunternehmen. Damit profitierten Baufirmen von den massiven staatlichen Konjunkturprogrammen, Versorger erhielten von den Banken Finanzierungen wegen der stabilen Ertragslage dieses Bereiches. Verlierer der jüngeren Entwicklung waren die Sektoren Handel, Reparatur, Instandhaltung und vor allem die Dienstleistungen, die von Jahresmitte 2008 bis Jahresmitte 2009 mit fast fünf Prozent weniger Kreditvolumen auskommen mussten.

Warum ging gerade hier das Kreditvolumen zurück?

Unter den eingetrübten Konjunkturerwartungen seit Jahresmitte 2008 litt insbesondere das gewerbliche Immobilienwesen als wichtige Branche des Dienstleistungssektors. Anders als im Wohnungsbereich, führt hier die Verlangsamung der Wirtschaftstätigkeit viel schneller zu Mietausfällen, rückgängigen Immobilienpreisen und damit zu einer Bonitätsverschlechterung der kreditnehmenden Unternehmen. So ging in dieser Branche das Fremdkapitalvolumen im Zeitraum Oktober 2008 bis März 2009 um 15 Prozent zurück. Unternehmen, die bewegliche Gegenstände vermieten –
wie zum Beispiel Kranwagen oder Landmaschinen – mussten von Jahresmitte zu Jahresmitte mit einer drei bis vier Prozent geringeren Kreditsumme wirtschaften. Änderungen der Konjunkturerwartungen führen bei konjunktursensiblen Branchen wie dieser sehr rasch zu Änderungen im Kreditvergabeverhalten der Banken –
was sich hier in vergleichsweise engen Grenzen hielt. Drastisch hingegen fiel der Kreditrückgang in der Branche „Sonstige Dienstleistungen“ aus, hier ging das Kreditvolumen von Herbst 2008 bis Sommer 2009 sogar um ein Drittel zurück.

Woran liegt dieser kräftige Rückgang bei den „Sonstigen Dienstleistungen“?

Diese Unternehmen sind geprägt von meist kleineren Betriebsgrößen und weisen gleich mehrere Risikofaktoren auf: Margenschwäche, geringer Eigenkapitalanteil, geringe Liquidität, hohe Wettbewerbsintensität. In konjunkturellen Schwächephasen verschlechtern sich dann die Geschäftsaussichten, die Wahrscheinlichkeit von Kreditausfällen steigt. Alle Banken verringerten in dieser Branche ihr Kreditangebot, insbesondere die Landesbanken, die Auslands- und die Regionalbanken. Auch die Sparkassen, die noch immer größten Fremdkapitalgeber, bauten hier ihr relatives Engagement ab.

Und wie sieht die Situation bei Unternehmen des Wohnungssektors aus?

Sie verzeichnen seit Jahresmitte 2008 einen zum Teil erheblichen Kreditzuwachs. Hier wirken sich die Unternehmensgröße und die vergleichsweise konstanten Ertragsströme positiv aus. Größe und Diversifikation kam auch Beteiligungsgesellschaften zugute, also Unternehmen, die wiederum in andere Firmen, vornehmlich des verarbeitenden Gewerbes, investieren. Diese Branche konnte in den vergangenen zweieinhalb Jahren ihr Kreditvolumen um ein Drittel ausweiten.

Wie verhält es sich mit der Kreditvergabe im verarbeitenden Gewerbe?

Diesem stand Ende des ersten Halbjahres mindestens ebenso viel Kredit zur Verfügung wie zum Jahresende 2006. Ausnahmen sind die Branchen Textilien und Bekleidung sowie Holz, Verlag, Druck und Möbel, hier ging das gewährte Kreditvolumen im genannten Zeitraum um bis zu sieben Prozent zurück. Am deutlichsten nahmen die Kredite in der Branche Maschinen- und Fahrzeugbau zu, und zwar um über 80 Prozent seit Jahresende 2006. Einen ähnlichen Kreditzuwachs von über 60 Prozent verzeichnete die Branche Gummi und Kunststoff. Um mehr als 45 Prozent nahm das Kreditvolumen während der vergangenen zehn Quartale in der Branche Glas und Keramik zu. Weniger deutlich war der Anstieg der von Banken gewährten Mittel während dieses Zeitraums in den Branchen Metallerzeugung und Metallverarbeitung mit einem Plus von 25 Prozent.

Sie erwähnten bereits die Selbstständigen: Beschränkte sich die Kreditverknappung hier nur auf den Dienstleistungsbereich?

Nein. Der Trend, Freiberuflern, Kaufleuten, Handwerkern und kleineren Betrieben weniger Kredit zur Verfügung zu stellen, ist in allen Branchen festzustellen – aber schon seit einigen Jahren, nicht erst als Folge der Finanzmarktkrise. So liegt das Kreditvolumen dieser Wirtschaftsgruppe gegenwärtig um gut fünf Prozent unter dem Niveau vom Jahresende 2006. Gleichzeitig erhielten Unternehmen, also Aktiengesellschaften, GmbHs, Kommanditgesellschaften und offene Handelsgesellschaften, von Jahresmitte 2008 bis Jahresmitte 2009 von deutschen Banken sieben Prozent mehr Kredit.

Wie kommt es zu diesem Unterschied?

Die mangelnde Beurteilbarkeit wegen nicht aussagekräftiger Unterlagen und gleichzeitig stark schwankende Einnahmeströme führen häufig zur Ablehnung der Kreditanträge von Selbstständigen. Allerdings deuten erste Anzeichen darauf hin, dass diese Kundengruppe künftig wieder verstärkt von Sparkassen, Kreditgenossenschaften und besonders Regionalbanken umworben wird.


Wie können sich Kreditnehmer auf die neuen Rahmenbedingungen einstellen?

Unbestritten ist, dass sich die Strukturen des Finanzmarktes und die Finanzierungsusancen in den vergangenen Jahren verändert haben. Die Finanzkrise hat nur den einen oder anderen Prozess beschleunigt. Größtes Manko im Kreditprozess ist die mangelnde Einschätzbarkeit von Unternehmen und Selbstständigen aufgrund fehlender oder unzureichender Dokumentation. Banken wollen ihre Kreditrisiken immer stärker „rechenbar“ machen und benötigen daher aussagekräftige Unterlagen zum Kreditnehmer und zur künftigen Geschäftsentwicklung. Hier können Unternehmen eine ganze Menge verbessern. Aktiv beitragen zum Kreditprozess können sie auch mit der Auswahl der richtigen Bank. Es bilden sich zunehmend Präferenzen der jeweiligen Institute für die Risiken in den Sektoren und Branchen. Was eine Sparkasse nicht mehr kreditiert, kreditiert möglicherweise noch eine Regionalbank.

Gibt es da Unterschiede?

Zum Teil sogar sehr gravierende. Die jüngsten Strukturverschiebungen haben sich schneller vollzogen als in früheren Marktphasen und verlangen von den Unternehmen in Finanzierungsfragen eine größere und unmittelbarere Flexibilität. Beispielsweise reduzierten Auslandsbanken im vierten Quartal 2008 ihre ausgelegten Fremdmittel um mehr als zehn Prozent, nachdem sie sie die Quartale zuvor beständig erhöht hatten. Und Großbanken schränkten in diesem Zeitraum ihr Kreditvolumen um acht Prozent ein. Die anderen Banken weiteten hingegen ihr Kreditengagement aus. Vor diesem Hintergrund von einer gesamtwirtschaftlichen Kreditklemme zu sprechen, wäre also verfehlt.

     
Interview
Hans-Joachim Reinhardt
Geschäftsführer
IHK Frankfurt am Main
Starthilfe und Unternehmensförderung



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Januar   2010