Aus Krisen Chancen definieren

Auch wenn es paradox klingt: Eine Unternehmenskrise kann durchaus die ideale Ausgangsposition für eine erfolgreiche Unternehmenszukunft sein. Die Basis für eine Sanierung bildet dabei das erarbeitete Sanierungskonzept. Die darin definierten Maßnahmen müssen hinsichtlich ihrer Effizienz bewertet werden. Gleichzeitig sollen durch das Festlegen von Prioritäten die Chancen der erfolgreichen Umsetzung des Sanierungskonzeptes weiter optimiert werden.

Der weitere Erfolg der Unternehmenssanierung hängt davon ab, inwieweit es gelingt, die Sanierung als einzige und letzte Chance zur Fortführung des Unternehmens darzustellen. Dabei müssen einige Interessengruppen von den Chancen einer Sanierung überzeugt werden:

Eigentümer, Shareholder

Es muss eine eindeutige und uneingeschränkte Zustimmung aller Eigentümer beziehungsweise Shareholder zum Sanierungskonzept vorausgesetzt werden. Nur dann können die möglichen und nötigen Maßnahmen, wie beispielsweise Kapitalerhöhungen, Gewährung von Gesellschafterdarlehen, der Verzicht auf Dividenden und sonstige Ansprüche, tatsächlich durchgesetzt werden. Auch die Aufnahme neuer Anteilseigner mit frischem Kapital kann eine geeignete Sanierungsmaßnahme sein. Dies stößt insbesondere bei mittelständisch geprägten Familienunternehmen erfahrungsgemäß auf Widerstände.

Management, Geschäftsleitung

In diesem Punkt ist ein ebenso offener wie schonungsloser Umgang mit der Vergangenheit zwingend erforderlich. So kann beispielsweise das Verkleinern der Geschäftsleitung sowie das Reduzieren von Bezügen und sonstigen Privilegien eine außerordentliche Signalwirkung in Richtung der Mitarbeiter und Betriebsräte beziehungsweise Gewerkschaften haben. In der Regel werden dabei auch die Kompetenzen innerhalb der Geschäftsführung neu und klar geregelt.

Arbeitnehmer

Die Erfahrung zeigt, dass Arbeitnehmer und ihre Interessenvertreter in der Krise durchaus bereit sind, Einschnitte zu akzeptieren, um ihre Arbeitsplätze zu erhalten. Damit lassen sich Maßnahmen des Personalabbaus und auch Lohnsenkungen vergleichsweise leichter umsetzen. Die Einführung flexibler Arbeitszeitmodelle kann ebenfalls ein wesentliches Element der zukünftigen Unternehmensausrichtung sein.

Kunden und Lieferanten

Diese beiden Gruppen müssen von der Zukunftsfähigkeit, das heißt den Chancen des Unternehmens überzeugt werden. Nur dann lassen sich sowohl auf der Beschaffungs- als auch auf der Absatzseite wesentliche Verträge und Konditionen neu verhandeln.

Banken und sonstige Kapitalgeber

Auch hier wird sehr schnell deutlich, dass die Kreditgeber von den Chancen überzeugt sein müssen, um beispielsweise Sanierungskredite zu gewähren oder Forderungsverzichte zu akzeptieren. Je mehr Kreditgeber beziehungsweise Banken in diesen Prozess eingebunden sind, desto komplexer werden die Verhandlungen und die Verhandlungsstrategien.

Die im Sanierungskonzept definierten Maßnahmen und Veränderungen werden nicht nur von Mitarbeitern, sondern auch von den Geschäftsleitungen und Gesellschaftern oft als tief gehende Einschnitte in alte Gewohnheiten und Verhaltensweisen empfunden. Die subjektive Wahrnehmung ist im Regelfall von einem Gefühl der Ungewissheit und Unsicherheit bestimmt; häufig wird das Sanierungskonzept als Bedrohung bestehender Besitzstände gesehen.

Die Aufgabe des Unternehmensberaters sowie der Geschäftsleitung besteht deshalb darin, den Mitarbeitern das Vertrauen zu vermitteln, dass die Sanierungsmaßnahmen – auch wenn sie tatsächlich einen erheblichen Einschnitt bedeuten – gleichzeitig die Chance beinhalten, die Zukunft des Unternehmens wieder positiv zu gestalten und – zumindest einen Teil der – Arbeitsplätze zu erhalten. Dies auch vor dem Hintergrund, dass eben die alten Gewohnheiten und Verhaltensweisen das Unternehmen in die aktuelle Krise geführt haben. Das Beharren auf oder der Rückfall in die bisherigen Gewohnheiten der Gesellschafter, der Geschäftsleitung und der Mitarbeiter wird unweigerlich zum endgültigen Aus für das Unternehmen führen. Um dies allen Beteiligten klar zu machen, ist eine offene und ehrliche Kommunikation mit den Mitarbeitern notwendig.

Der gleiche offene Umgang ist auch mit Banken, Investoren, Lieferanten, Kunden und anderen beteiligten Parteien notwendig. Auch ihnen gegenüber müssen sowohl die Chancen als auch die Risiken des Sanierungskonzepts offen dargelegt werden. Ihnen muss zudem nachvollziehbar erklärt werden, warum und in welchem Zeithorizont die definierten Maßnahmen das Unternehmen aus der Krise führen werden. Gerade von der Zustimmung der Kapitalgeber hängt sehr oft das Gelingen eines Sanierungskonzepts ab, da auch ihnen teilweise erhebliche Zugeständnisse abverlangt werden. Gegenüber allen Beteiligten und Betroffenen müssen die Geschäftsleitung und die Berater offen über die Auswirkungen, Chancen, aber auch Risiken des Sanierungskonzepts kommunizieren, um von allen Beteiligten beim Umsetzen der Maßnahmen unterstützt zu werden.

Da die Prozesse und Maßnahmen im Kontext der Unternehmenssanierung in weiten Teilen gleichzeitig ablaufen, müssen hoch komplexe Verhandlungen und Gespräche – oftmals unter Zeitdruck – geführt werden, in denen auch emotionale Momente der Beteiligten berücksichtigt werden müssen. Es ist Aufgabe des Beraters, die Verhandlungen so zu strukturieren und zu moderieren, dass im Ergebnis chancenorientierte, rationale Lösungen erreicht werden können.

     
Dieter Reith
Geschäftsführer
Securitas Sicherheitsdienste
Frankfurt am Main

Stand: Februar 2010