Unternehmenskrise
Nichts auf die lange Bank schieben

Nach Gründung, Wachstumsfinanzierung und Unternehmensnachfolge ist die Prävention und Bewältigung von Unternehmenskrisen die vierte kritische Phase im Lebenszyklus eines Unternehmens. Hierbei ist das gesamte Spektrum betriebswirtschaftlicher Erfahrungen – nämlich Krisenerkenntnis, Sanierungskonzept, Imple-mentierung und Controlling – gefordert. Letztendlich geht es um den Erhalt des Lebenswerks und des Vermögens des Unternehmers, aber auch um den Erhalt der mit dem Unternehmen verbundenen Arbeitsplätze.

Eine erfolgreiche Unternehmensführung setzt voraus, dass der Unternehmer das Thema Krise nicht verdrängt, sondern sich frühzeitig mit der Problematik befasst, die sich in den Phasen der Vorbereitung und Durchführung einer Krisenprävention und -bewältigung ergeben. Die erfolgreiche Krisenbewältigung stellt hohe Anforderungen an den Unternehmer und an die Qualifikation seiner Berater. Wirtschaftliche und organisatorische Fragen stehen oft im Mittelpunkt, aber auch juristische und insbesondere psychologische Aspekte sind nicht zu vernachlässigen.

Aufgrund der großen Bedeutung für mittelständische Unternehmer gründete der IHK-Ausschuss Wirtschafts- und Unternehmensberatung die Arbeitsgruppe „Prävention und Bewältigung von Unternehmenskrisen“. Dieser Expertenkreis praxisorientierter Krisenmanager hat eine Prozessstruktur erarbeitet, die den gesamten Ablauf der Bewältigung der Unternehmenskrise beschreibt. Die Informationsangebote der IHK Frankfurt sind auf die einzelnen Phasen zugeschnitten. Dazu zählen nicht nur die persönliche Information, sondern auch Beiträge im IHK-Magazin und auf der Homepage sowie Veranstaltungen und Workshops. Im Folgenden ein Überblick über die IHK-Prozessstruktur – die Phasen der Bewältigung einer Unternehmenskrise:

Phase 1: Sensibilisierung, Krisenerkenntnis

Die Unternehmenskrise ist für viele Unternehmer ein Thema, das sie gerne verdrängen und auf die lange Bank schieben. Oftmals ist daher ein Anstoß von außen erforderlich, damit ein Unternehmer die Problematik überhaupt erkennt und sich ihr stellt. Das Einschalten eines externen Ratgebers mit dem Ziel, die eigene Einschätzung der Situation zu objektivieren, kann hilfreich sein. Der Externe muss aber ein besonderes Einfühlungsvermögen für die wirtschaftliche und familiäre Situation des Unternehmers mitbringen.

Phase 2: Krisenursachen identifizieren

Einzelne Krisenfaktoren für sich mögen im Rahmen eines normalen Geschäftsbetriebes noch beherrschbar sein, die Kombination mehrerer Faktoren in einer Krise erschwert jedoch den nachhaltigen Erfolg des Unternehmens erheblich. Krisenursachen können vielfältiger Natur sein. Häufig bedingen sie sich gegenseitig und verstärken somit die Krise. Die Identifikation und die klare Benennung der Krisenursachen ist unabdingbare Voraussetzung für die Krisenbewältigung.

Folgende Krisensymptome können als Alarmmelder dienen: Technologischer Fortschritt, neue Wettbewerber beziehungsweise gestiegene Wettbewerbsintensität, veränderte Strukturen innerhalb der Wertschöpfungskette und geänderte Kundenstrukturen, Insolvenz großer Kunden, Defokussierung der Unternehmen bezüglich Kunden und Kundengruppen, Produkten, Kompetenzen, Tätigkeitsgebieten, fehlende marktwirtschaftliche Ausrichtung, Verlust von Kompetenzträgern beziehungsweise Generationswechsel, veraltete und somit ineffiziente Strukturen und Prozesse (zum Beispiel Potenzia-le durch den Einsatz von IT werden nicht genügend genutzt). Liquiditätskrisen sind in der Regel das Resultat strategischer Krisen und Ertragskrisen.

Phase 3: Sanierungskonzept

Das Sanierungskonzept enthält die notwendigen Sanierungsmaßnahmen, abgeleitet aus der Analyse der Krisenursachen. Diese werden quantifiziert und in eine Unternehmensplanung umgesetzt. Das Konzept dient als Grundlage für die Umsetzung der Maßnahmen. Die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen der einzelnen Korrekturmaßnahmen und der weitere Geschäftsverlauf werden in Zeitreihen sorgfältig vorausgeplant, die begleitenden Finanzierungserfordernisse ermittelt und das Konzept von den am Unternehmen Beteiligten – dies sind unter anderem Gesellschafter, Kreditgeber, Mitarbeiter, Führungskräfte – als Fahrplan aus der Krise zur Umsetzung verabschiedet.

Phase 4: Chancen definieren

Die Aufgabe der Geschäftsleitung und einbezogener Berater besteht darin, den Mitarbeitern das Vertrauen zu vermitteln, dass die Sanierungsmaßnahmen – auch wenn sie in der Tat sehr oft einen erheblichen Einschnitt bedeuten – gleichzeitig die Chance beinhalten, die Zukunft des Unternehmens wieder positiv zu gestalten. Dies auch vor dem Hintergrund, dass eben die alten Gewohnheiten und Verhaltensweisen das Unternehmen in die aktuelle Krise geführt haben. Das Beharren auf oder der Rückfall in die bisherigen Gewohnheiten kann unweigerlich zum endgültigen Aus für das Unternehmen führen.

Der gleiche offene Umgang ist auch mit Banken, Investoren, Lieferanten und anderen beteiligten Parteien notwendig. Auch ihnen gegenüber müssen die Chancen, aber auch die Risiken des Sanierungskonzeptes offen dargelegt werden. Es muss zudem nachvollziehbar erklärt werden, warum und in welchem Zeithorizont die definierten Maßnahmen das Unternehmen aus der Krise führen werden. Gerade von der Zustimmung der Kapitalgeber hängt sehr oft das Gelingen eines Sanierungskonzeptes ab, da auch ihnen teilweise erhebliche Zugeständnisse abverlangt werden.

Gegenüber allen Beteiligten und Betroffenen müssen Geschäftsleitung und Berater offen die Auswirkungen, Chancen und Risiken des Sanierungskonzeptes kommunizieren, um somit eine möglichst breite Unterstützung zur Umsetzung der getroffenen Maßnahmen zu erhalten.

Phase 5: Sanierungscontrolling

Im abschließenden Schritt erfolgt ein regelmäßiges Sanierungscontrolling, das die jeweilige Situation evaluiert. Dabei wird der aktuelle Ist-Zustand permanent mit den Vorgaben aus dem Sanierungskonzept abgeglichen.

Basierend auf den beschlossenen Maßnahmen wird regelmäßig (im Abstand von zwei bis vier Wochen) der Stand der Umsetzung bei den jeweils Verantwortlichen abgefragt und ein Umsetzungsgrad bestimmt, der sich an den Einzelschritten orientiert. Der Vergleich der Ist-Zahlen mit der Planung aus dem Sanierungskonzept gibt Aufschluss darüber, ob sich die Sanierungsmaßnahmen wie geplant im Unternehmensergebnis niederschlagen. Hier wird die Bedeutung eines funktionierenden und aussagefähigen internen Controllings offensichtlich. Ein erster Sanierungsschritt kann sein, die internen Controllingsysteme zu modifizieren, um den Fortschritt der Sanierungsmaßnahmen überhaupt in dem notwendigen Umfang messbar zu machen.

Informationstool der IHK Frankfurt

Die IHK Frankfurt fördert die Prävention von Unternehmenskrisen und informiert Unternehmer über die Spielregeln der Krisenbewältigung. Prävention und Bewältigung von Unternehmenskrisen wird in der IHK Frankfurt als strategisches Geschäftsfeld angesehen und von drei Netzwerken – dem Ausschuss Wirtschafts- und Unternehmensberatung, dem Arbeitskreis Prävention und Bewältigung von Unternehmenskrisen sowie dem Arbeitskreis Niederlassungsleiter der Bankwirtschaft – begleitet. Durch begleitende Maßnahmen der Krisenprävention werden damit einhergehend der Qualitätsstandard der Führungskräfte und damit die wirtschaftliche Zukunft der Unternehmen gesichert. Im Folgenden ein Überblick über die Angebote der IHK Frankfurt:

Einstiegsberatung

Für Erstinformationen zum Themenkomplex Unternehmenskrise bietet die IHK Frankfurt persönliche Beratungsgespräche an. Das vertrauliche Gespräch grenzt die wesentlichen Faktoren einer möglichen Prävention ab und hilft, die weiteren Aufgaben zu strukturieren. Im Rahmen des Subsidiaritätsprinzips verweisen die IHK-Mitarbeiter auf die professionellen Beratungsangebote der Unternehmensberater und auf die „Runder-Tisch-Beratung“.

Erstinformationen

Allgemeine und spezielle Erstinformationen bietet die IHK Frankfurt unter anderem auf ihrer Homepage unter www.frankfurt-main.ihk.de. Die Krisenproblematik wird beispielhaft anhand einer Prozessstruktur erörtert. Dort finden Unternehmer auch Hinweise auf Broschüren, Merkblätter, Artikel oder Fachliteratur; auch die IHK-Bibliothek hat zahlreiche Bücher zum Thema Unternehmenskrise.

Runder-Tisch-Beratung

Seit vielen Jahren bietet die IHK Frankfurt in Zusammenarbeit mit der KfW-Mittelstandsbank die Runde-Tisch-Beratung an, eine Art Pannenhilfe für Unternehmen. Zunächst wird dort eine gründliche Unternehmensdiagnose erstellt, um eventuelle Schwachstellen im Unternehmen zu identifizieren. Dazu muss der Unternehmer folgende Unterlagen mitbringen: Bilanz mit Gewinn-und-Verlust-Rechnung (wenn möglich für die vergangenen drei Jahre), betriebswirtschaftliche Auswertung sowie eine Situationsanalyse mit Angaben zur Problemlage aus Sicht des Unternehmens.

Wenn bei einer ersten Prüfung durch die IHK Frankfurt ein Insolvenzfall ausgeschlossen werden kann, überprüft ein Projektbetreuer beziehungsweise Unternehmensberater im Unternehmen vor Ort die Situation und erstellt eine ausführliche Stärken-und-Schwächen-Analyse. Projektbetreuer sind die so genannten Paten. Es handelt sich hierbei um erfahrene Unternehmensberater, die von der IHK Frankfurt ausgewählt werden. Die zentralen Betriebsfunktionen werden von ihnen gründlich unter die Lupe genommen. Der Unternehmer muss somit Einblick in alle Unterlagen gewähren, die Aufschluss über die betriebliche Situation geben. So können schon im Vorfeld vorbereitende Maßnahmen eingeleitet werden.

In Kenntnis der Unternehmenssituation kann die IHK Frankfurt dann zu einem Gespräch mit den jeweiligen Partnern des Unternehmens, wie beispielsweise Bank, Krankenkasse oder Finanzamt, zu einem Termin am „Runden Tisch“ einladen. Zu einem erfolgreichen Hilfsangebot zählt auch ein Stillhalteabkommen mit der Hausbank des Unternehmers, so dass die Kredite weiterlaufen können. Schließlich entwickeln alle Beteiligten gemeinsam eine praktikable Lösung zur Sicherung des Unternehmens. Die Beratung am „Runden Tisch“ ist kostenfrei.

Prävention und Bewältigung von Unternehmenskrisen ist ein hoch sensibles Thema, mit einer tief menschlichen Komponente: Es geht um den Erhalt des Lebenswerks des Unternehmers. Eine Vielzahl an Parametern, die zu beachten sind, und die jeweils individuelle Krisensituation schließen Standardlösungen aus. Aus diesem Grund arbeitet die IHK Frankfurt im Tagesgeschäft auf persönlicher Ebene, mit individueller Beratung und im Veranstaltungsbereich mit individuell konzipierten Workshops.
Geschäftsführer
IHK Frankfurt am Main

IHK WirtschaftsForum
September 2006