Wirtschaftskrise
Auf die neue Art

Es ist, als seien die normalen Gesetze, nach denen Volkswirtschaften und die Weltwirtschaft funktionieren, seit dem 15. September außer Kraft. An diesem Tag meldete die Investmentbank Lehman Brothers Konkurs an. Seitdem wissen wir, dass Deutschland der Krise nicht entkommt.

Es gibt schon merkwürdige Reaktionen auf diese Erkenntnis. Die Engländer sind angeblich zurzeit wild entschlossen, ehrliche Berufe zu erlernen und lassen sich von Bankern und Brokern zu Lehrern und Handwerkern umschulen. Die Amerikaner ziehen in kleinere Wohnungen und Häuser um. Und die Deutschen investieren neuerdings mit Vorliebe in Wintergärten, um das Ersparte von der Bank wegzuholen und die eigene Immobilie nachhaltig aufzuwerten. Wenn das so stimmt, sind die Engländer zweifellos die besten Strategen. Die Amerikaner handeln am pragmatischsten. Und die Deutschen haben am geschicktesten begriffen, wie man ein Konjunkturprogramm mit klugen Investitionen verknüpft.

Mit dem Gartenschlauch löschen

Und doch wird den Deutschen vorgeworfen, sie unterschätzten die Krise immer noch. Sie bemühen sich zwar, möglichst viele Ziele mit ihrem Geld zu erreichen, doch die Anschaffung eines Wintergartens zur Sicherung des Vermögens in ernsten Zeiten gleicht dem Bemühen, ein Großfeuer mit dem Gartenschlauch zu bekämpfen. Auch zwischenzeitlich gute Nachrichten können nicht darüber hinwegtäuschen: Die Auswirkungen der Rezession für die Wirtschaft, für die öffentlichen Haushalte und für die Lage auf dem Arbeitsmarkt haben gerade erst begonnen. Wenn die Arbeitslosigkeit in einem März steigt, ist das zutiefst beunruhigend. Es zeigt nämlich, dass die Krise jetzt auch deutlich auf die Beschäftigungssituation durchschlägt.

Und doch hat man den Eindruck, dass bei den meisten Bürgern die Krise bisher nur in Form der Abwrackprämie und von ein bisschen Angst um den eigenen Job angekommen ist. Unternehmer in weniger stark betroffenen Branchen ärgern sich über das Krisengerede. Manche glauben sogar, dass die Krise herbeigeredet werde. Ein Bewusstsein für die Lage hat sich noch nicht gebildet, genauso wenig wie es eine Vorstellung gibt, wie das Land mit den aufziehenden Verteilungskonflikten zurande kommen will oder wie es die jetzt aufgehäuften Schulden begleichen will.

Was wissen wir von dieser Wirtschaftskrise? Um vier bis sechs Prozent wird die Gesamtleistung der deutschen Volkswirtschaft in diesem Jahr schrumpfen. Mehr als einen allgemeinen Rahmen aber kann kein Volkswirt seriös skizzieren. Bei Wachstumseinbrüchen in dieser Dimension versagen alle Parameter. Wir wissen also noch nicht einmal annäherungsweise, wie viele Arbeitslose wir zum Jahresende haben werden, wie viele es im kommenden Jahr sein können. Über vier Millionen in 2009? Über fünf Millionen Erwerbslose in 2010? Das erscheint realistisch. Zudem können wir kaum ahnen, wie hoch die Steuerausfälle bei Bund, Ländern und Gemeinden sein werden. Und wir wissen auch nicht, wie stark die Sozialversicherungsbeiträge steigen müssen, um die fehlenden Beiträge der Arbeitslosen zu kompensieren. Wie viele Unternehmen werden Insolvenz anmelden? Es gibt niemanden, der eine Prognose wagt, wann das Geschäft mit Unternehmenskrediten wieder normal läuft. „Auf Sicht entscheiden“ ist nur eine Metapher der Politik: für Hilflosigkeit.

Es wird auch Gesunde treffen

Krisen haben zuallererst etwas Zerstörerisches, sie machen Tabula rasa mit alten Strukturen und nicht nur mit kranken Strukturen. Auch gesunde und gut geführte Unternehmen werden Probleme bekommen. Manche, weil sie zur falschen Zeit neue Finanzierungen verhandeln müssen. Manche, weil sie in einer engen Lieferbeziehung mit einem Großunternehmen sind, das Probleme hat. Manche, weil ihr Markt zusammengebrochen ist. Diese Unternehmen werden sich der Zerstörungskraft der Krise nicht entziehen können, von den Chancen, die in einem solchen Zusammenbruch liegen können, werden sie kaum profitieren.

Was aber in guten Jahren nie gelingt, das geht in schlechten Zeiten: das Infragestellen der bisherigen Verhaltensweisen. Und hier sehen wir echte Hoffnungsschimmer: Die Gewerkschaften sind gesprächsbereit, was Arbeitszeiten und Konditionen angeht. Die Arbeitgeber sind beweglich geworden, wenn es um die Kernmannschaft geht. Sie haben gelernt, dass sie ihre Stammbelegschaft nach Möglichkeit halten sollten – sonst werden sie im nächsten Aufschwung Probleme haben, die nötigen Fachkräfte zu gewinnen. Ob bei DaimlerChrysler, bei Opel oder in den vielen großen und kleinen Unternehmen im Maschinenbau: Es ist viel in Bewegung gekommen in sehr kurzer Zeit. Zum ersten Mal seit den Achtzigerjahren erkennen Lieferanten, Zulieferer, Händler und Kernindustriebetriebe, dass sie besser überleben, wenn sie es gemeinsam angehen. Gerade in der besonders geschüttelten Autoindustrie hat man den Eindruck, dass das Bewusstsein der gegenseitigen Abhängigkeit nun auch in das Nachdenken über eine gemeinsame Überlebensstrategie münden kann.

In der Rezession wird der Preis für Unternehmertum sinken. Wo Kapazitäten abgebaut, Mitarbeiter entlassen und Büros geräumt werden, sinken die Preise für Mieten und Löhne. Das ist volkswirtschaftlich ein schwieriger Prozess, weil er die Gefahr deflationärer Tendenzen birgt. Aber es ist auch eine Chance, die vor allem die neuen Unternehmen nutzen können. Sie werden zu wettbewerbsfähigeren Konditionen antreten, wenn die konjunkturelle Wende in Sicht ist.

Greift der Staat in dieses Geschehen ein, verhindert er nicht nur an der ein oder anderen Stelle den Zusammenbruch eines Unternehmens. Er verzögert den Wandel und behindert dann auch die Kräfte im Aufschwung. Auch wenn die Versuchung groß ist: Der Staat und seine Banken können kaum urteilen, wer unschuldig und wer schuldig an seiner eigenen Lage ist. Der Staat muss als letzte Instanz dafür sorgen, dass der Wirtschaftskreislauf intakt bleibt. Die Rettung der Banken war eine solche letztinstanzliche Aktion, die Rettung von Opel dagegen wäre keine. Vor allem aber muss der Staat jetzt einen vernünftigen Rahmen schaffen, damit die Kräfte des Aufschwungs sich schnell und wirksam entfalten können, wenn die konjunkturelle Wende erkennbar wird.

     
Ursula Weidenfeld
Publizistin und Autorin
Potsdam

IHK WirtschaftsForum
Mai 2009