Unternehmensnachfolge, eine Gratwanderung zwischen Fakten und Emotionen

 
Unternehmensnachfolge
» 1. Prozessstruktur
 1. Sensibilisierung
» 3. Rechtliche Vorbereitung
» 4. Wirtschaftliche Vorbereitung
» 5. Auswahlphase
» 6. Übergabephase
» 7. Sicherungsphase
» 8. Publikationen, Kontaktdaten und Links

Von seinem Lebenswerk trennt man sich in der Regel nur einmal im Leben. Wer mit hohem Engagement, mit Freude und Leidenschaft, aber auch mit „Blut, Schweiß und Tränen“ sein Unternehmen aufgebaut oder weitergeführt hat, der möchte dieses Werk in guten Händen wissen. Die Nachfolgefrage gehört zu den schwierigsten Themen des Unternehmertums und wird häufig hinausgeschoben, oft bis es zu spät ist und mangels adäquater Gestaltung scheitert. Dabei sind die Chancen der Zukunftssicherung des Betriebs sehr gut, wenn frühzeitig und aktiv das Thema der Nachfolge angegangen wird. Zwar ist jeder Fall unterschiedlich, keine Unternehmerpersönlichkeit und Firmenkonstellation gleicht der anderen, jedoch die Fragestellungen sind ähnlich.




Persönliche Ziele und Entscheidungskriterien klären


Welche individuellen Ziele hat der Unternehmer: möchte er den Betrieb möglichst in der jetzigen Form bewahren, die Zukunft der Firma und Mitarbeiter sichern und an den geeignetesten Nachfolger übergeben? Geht es um Bewahren oder um Loslassen? Möchte er sich ganz zurückziehen, mit seinem persönlichen und beruflichen Engagement, oder noch aktiv aus dem Hintergrund heraus mitwirken? Es ist abzuwägen, ob persönliche oder finanzielle Aspekte im Vordergrund stehen, denn mit seinem Lebenswerk hat der Unternehmer materielle Werte geschaffen. Die Überlegungen zur Nachfolge können jedoch auch schwierige Aspekte aufdecken. Dazu gehört die Frage nach den Familienverhältnissen: soll die Firma im Familienbesitz bleiben, sind qualifizierte Nachfolger vorhanden, und wollen diese die Unternehmensführung und das finanzielle Engagement übernehmen? Hat das Unternehmen wirklich den Wert, den der Unternehmer ihm persönlich zumisst; oft bringen externe Bewertungen hier eine Ernüchterung. Das führt zu den Fragen nach den persönlichen Vermögensverhältnissen und der Altersversorgung des Unternehmers bzw. seiner Familie. Dazu gehören die Themen wie Bewertung des Betriebes, die Rentabilität, die Rechtsform, die finanziellen Möglichkeiten des Nachfolgers und voraussichtliche steuerliche Belastungen bei Übergabe. Was gehört zum Unternehmen und soll mit übergeben werden, beispielsweise Immobilien. Nicht zuletzt kommen dann Fragen zu Testament und Erbfolge auf.




Das Unternehmen fit für die Übergabe machen


Es ist wichtig, das Unternehmen für die Anforderungen der kommenden Jahre zu rüsten, die Marktposition zu festigen und finanziell solide aufzustellen. Zu einer fairen Vorbereitung gehört es, Altlasten zu beseitigen, verschleppte Themen zu klären, ein nachvollziehbares Zahlenwerk in Kostenrechnung und Bilanz zu erstellen. Wenn die notwendigen und kritischen Informationen nur im Kopf des Unternehmers sind, hat ein Nachfolger wenig Chancen, und Konflikte sind vorprogrammiert.


Entscheidend ist es einen geeigneten Nachfolger für die künftigen Aufgaben zu identifizieren und zu qualifizieren. In erster Linie wird man die eigenen Kinder oder Familienmitglieder in Betracht ziehen. Zur Überbrückung des Zeitraumes, bis diese das Alter und die entsprechende Qualifikation erworben haben können externe Führungskräfte oder Interim Manager engagiert werden. Ist hier keine Lösung in Sicht, bietet sich eine fremde Nachfolge an. Extern kann der Verkauf an das Management erfolgen, der Betrieb wird an eine Führungskraft übertragen, die entweder bereits im Unternehmen beschäftigt ist (MBO Management buy out) oder die von außen kommt (MBI Management buy in), oder ein anderes Unternehmen oder ein institutioneller Investor tritt die Nachfolge an.




Gestaltung des Übertragungsprozesses


Hat man einen geeigneten Übernehmer gefunden, ist hier eine emotionale wie sachliche Entscheidung gefragt. Ist die Person qualifiziert, kann sie die Finanzierung aufbringen, und welche Ansprüche von anderen Familienmitgliedern sind zu berücksichtigen? Die richtigen Verträge und Gestaltungsmöglichkeiten lassen sich mit Hilfe eines externen Fachmannes ausarbeiten. Wie ist der Ausstieg aus dem Unternehmen geplant? Weder sollten Lücken entstehen noch ein Festhalten an alten Strukturen vorliegen, was im Unternehmen und für alle Beteiligten nur kontraproduktiv wirkt.


Ein Patentrezept und eine Garantie für eine glatte Unternehmensnachfolge gibt es nicht. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass strategisches Planen, offen kommunizierte Ziele, klare Entscheidungen und konsequente Umsetzung die Erfolgschancen signifikant erhöhen. Es ist ein vielschichtiger Prozess, der klares Projektmanagement erfordert. Da es in der Regel eine einmalige Entscheidung ist, die nicht rückgängig gemacht wird, sollte mit Umsicht gehandelt werden. Die zeitliche Komponente darf nicht unterschätzt werden, bis man sich selbst über die eigenen Werte und Ziele klar geworden ist, die Emotionen und familiären Verflechtungen geklärt hat und mit der eigentlichen Übergabe beginnen kann. Die Qualität leidet in der Regel unter Zeitdruck. Mit den Vorbereitungen zeitig starten und sorgfältig den Nachfolger suchen und auswählen, Beratungsgespräche mit dem Steuerberater, der IHK, dem Unternehmensberater, dem Rechtsanwalt, dem Finanzberater, der Bank, dem Personalberater oder einem Coach führen. Bei Bedarf Informationen, Unterstützung und Hilfe suchen von professionellen Beratern, die als Sparring Partner Überlegungen, Befürchtungen, Sorgen kennen, aber auch neue Aspekte einbringen können. Zeit ist wichtig für die Entscheidungsfindung und die Verhandlungen, aber auch notwendig, um Alternativen in Ruhe zu prüfen und eine Wahl zu treffen. Nur wer selbst mit Herz und Verstand hinter seiner Entscheidung steht, wird sich und andere im Umkreis überzeugen können von der neuen Perspektive für das Unternehmen.




Sich persönlich auf die Zeit danach einstellen


Wer voll im Unternehmen engagiert ist, tut sich in der Regel schwer, Themen wie Unternehmensnachfolge anzugehen. Die Begeisterung für den Beruf geht meist weit über das offizielle Renteneintrittsalter hinaus. Doch unabhängig von körperlicher Fitness und Leistungsfähigkeit sollte ein verantwortungsvoller Unternehmer Vorsorge treffen, nicht nur im Falle einer Notlage. Ebenso wichtig ist es, auch die eigene Zukunft zu planen: was passiert mit dem eigenen Unternehmen, aber auch mit der eigenen Person, wenn Alters- oder Motivationsgründe zum Ausscheiden führen. Wer rund um die Uhr nur für den Betrieb gelebt hat, kann Schwierigkeiten haben mit der Rolle des Pensionärs. Bei der Nachfolgeplanung sollte mit einfließen, ob es opportun ist, noch beratend oder als Beirat der neuen Unternehmergeneration zur Seite zu stehen, oder alternativ sich anderweitig zu engagieren als Business Angel oder ehrenamtlich seine Erfahrungen einzubringen. Wer Hobbys und Sport aktiviert oder neu für sich entdeckt und auf einen Freundeskreis zurückgreifen kann, wird es leichter haben, die neue Situation zu genießen. Denn von einem auf den anderen Tag in den Ruhestand versetzt zu sein, hat schon manchen Vollblutunternehmer in ein schwarzes Loch gestürzt oder in gesundheitliche Schwierigkeiten gebracht. Neben den ganzen Nachfolgethemen sollte man deshalb auch nicht die eigene Zukunft aus den Augen verlieren, den wohlverdienten (Un-)Ruhestand frühzeitig planen und seine Familie ggf. miteinbeziehen, wenn man Lebensträume wie Weltumsegelungen verwirklichen will.




Die Erarbeitung und Umsetzung einer konsequenten Übergabestrategie ist der Schlüssel zum Gelingen, damit alle Beteiligten eines Tages sagen können, die Nachfolge ist erfolgreich geregelt worden und ein Erfolg für den abgebenden Unternehmer ebenso wie für die neue Führungsgeneration, die zum Wohle der Firma und der Beschäftigten geführt hat und die langfristige erfolgreiche Zukunft des Unternehmens sichert. Dabei sollten sowohl der Nachfolger, ebenso aber auch der Unternehmer nicht vergessen, dass es hauptsächlich um Menschen geht und damit Emotionen und Psychologie eine wichtige, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle spielen.






Dr. Vera Bloemer


Dr. Bloemer Consulting


Consulting, Coaching, Interim Management - Begleitung bei Übergabeprozessen


Frankfurt am Main








Stand: März 2010