Ausbildungspakt
Von der Quantität zur Qualität

Zum dritten Mal ist in Hessen ein Ausbildungspakt geschlossen worden. Angesichts einer Überkapazität von offenen Lehrstellen geht es nun verstärkt darum, die Ausbildungsreife der Bewerber zu fördern.

Während die bisherigen Ausbildungspakte immer ein Leistungsversprechen der Wirtschaft enthielten, eine bestimmte Anzahl von neuen Ausbildungsplätzen zu garantieren, macht ein solches Versprechen bei einer Überkapazität von offenen Ausbildungsplätzen keinen Sinn mehr. Schließlich blieben im vergangenen Jahr nach einer Umfrage der hessischen Industrie- und Handelskammern bei jedem vierten Unternehmen Ausbildungsangebote unbesetzt. Die Anzahl der Bewerber, die sich bei den hessischen Arbeitsagenturen gemeldet hatten, war von 2008 auf 2009 um 14 Prozent zurückgegangen. Kein Wunder, dass damit in Frankfurt rein rechnerisch während des gesamten Jahres jedem Bewerber 1,6 offene Stellen gegenüberstanden, gegen Ende des Bewerbungsjahres im September sogar 2,1 Stellen.

Angesichts dieser Zahlen wird deutlich, dass sich der bisherige Ausbildungspakt überlebt hat und an die neuen Gegebenheiten angepasst werden muss. Der „neue“ Pakt soll nun der hessischen Wirtschaft helfen, mit dem bevorstehenden Fachkräftemangel zurande zu kommen. Von der Quantität zur Qualität – so haben sich die Botschaften der Ausbildungspakte in Hessen verändert. Die hessischen Industrie- und Handelskammern haben in den Verhandlungen intensiv darauf gedrängt, dass mit dem neuen Pakt die Berufsorientierung in den Schulen vorankommt und an der Ausbildungsreife von Schulabgängern gearbeitet wird.

Denn die jüngste Ausbildungsumfrage der hessischen Industrie- und Handelskammern hat es erneut gezeigt: Fast drei Viertel der knapp 1 200 befragten Unternehmen bezeichneten die mangelnde Ausbildungsreife von Schulabgängern als ihr größtes Ausbildungshemmnis. Bei 63 Prozent aller Unternehmen, deren Plätze 2009 unbesetzt blieben, lag es am Mangel an geeigneten Bewerbern. IHK-Ausbildungsbetriebe sorgen sich vor allem um die mündliche und schriftliche Ausdrucksfähigkeit von Bewerbern, um deren elementaren Rechenfertigkeiten sowie deren Leistungsbereitschaft.
 
Lokale Vermittlungsarbeit optimieren
Zur besseren Berufsorientierung und Stärkung der Ausbildungsreife soll vor allem die Optimierung der lokalen Vermittlungsarbeit – kurz Olov-Strategie – sorgen. Sie ist bundesweit einmalig und hat landesweit gültige Qualitätsstandards für Berufsorientierung, Elternarbeit, Vermittlung in Ausbildung und Akquise von Ausbildungsplätzen eingeführt. Schulen, die Berufsorientierung nach den Olov-Standards umsetzen, werden mit einem Gütesiegel ausgezeichnet. Ausbildungsbetriebe können daher sofort erkennen, mit welchen Schulen sie zur Bewerberansprache zusammenarbeiten können.

Praxisorientierter Unterricht soll in der neuen Mittelstufenschule eingeführt werden, die Real- und Hauptschule vereinen soll. Hier können Unternehmen mitwirken und erste Kontakte zu Bewerbern knüpfen. Laut der jüngsten Umfrage unter hessischen IHK-Unternehmen wollen ein Drittel der befragten Unternehmen ihre Direktkontakte zu Schulen verstärken, um ein besseres Bewerbermarketing zu betreiben. Die Olov-Strategie bietet hierfür beste Voraussetzungen, da jede Schule und jedes Schulamt einen Ansprechpartner hat, der solche Kontakte zwischen Schule und Unternehmen gerne herstellt.

Angesichts der wesentlich höheren Abbruchquote bei Studenten als bei Auszubildenden verordnet der Pakt nun auch für Gymnasiasten eine Berufsorientierung. Ebenfalls sollen angehenden Lehrern Kenntnisse in Berufsorientierung mit auf den Weg gegeben werden. Bislang lediglich ein Wahlfach, soll dies ein Pflichtteil ihrer Ausbildung werden. Die hessischen Industrie- und Handelskammern wirken hierbei als Experten aus der Praxis mit.
 
Waren bisher die Vollzeitangebote an beruflichen Schulen ein willkommenes Auffangbecken für all diejenigen Schulabgänger, die keinen Ausbildungsplatz gefunden hatten, so haben sie sich inzwischen zu einer ernsthaften Konkurrenz für duale Ausbildungsbetriebe entwickelt. Manch einer verweilt noch gern ein, zwei Jahre in der Berufsfachschule, um sich nicht zu früh den Anforderungen des Arbeitslebens auszusetzen. Hier will der neue Pakt ansetzen und die Arbeitsmarktfähigkeit solcher Angebote überprüfen lassen.
 
Abbruchquoten senken
Auch soll insbesondere gegenüber Schülern mit Migrationshintergrund dargestellt werden, dass über eine duale Berufsausbildung eine bessere Einmündung in den Arbeitsmarkt erfolgt als über die staatlichen Angebote. Zudem sollen diese Umwege reduziert werden: Derzeit geht wegen mangelnder Ausbildungsreife jeder fünfte Schüler in Hessen nach der Sekundarstufe I in das Übergangssystem, wo sie mit Angeboten der Arbeitsagentur oder der Berufsschulen auf die eigentliche Ausbildung vorbereitet werden. Dies soll künftig abgebaut werden. Mit der integrierten Ausbildungsstatistik hat Hessen ein Monitoring-Instrument eingeführt, das die Wirksamkeit dieses Vorhabens hessenweit, aber auch landkreisbezogen messen wird. Auch hiermit ist der hessische Ausbildungspakt wieder Vorreiter: Dieses Messinstrument soll in den nächsten Jahren von anderen Bundesländern übernommen werden.

Der Ausbildungspakt hat sich zum Ziel gesetzt, so viel Potenziale wie möglich zu heben, um das Reservoir zu vergrößern, aus dem Unternehmen zukünftig ihren Fachkräftenachwuchs entwickeln können. Die Quote von Schulabgängern ohne Schulabschluss soll verringert, Maßnahmen für Schulschwänzer entwickelt werden. Die Abbruchquoten von Ausbildungsverhältnissen sollen mithilfe der Kammern gesenkt werden. Zudem soll überlegt werden, wie Alleinerziehende ohne Ausbildung über eine Teilzeitausbildung zu einem Berufsabschluss geführt werden können. Auch die Nachqualifizierung von An- und Ungelernten ist im Ausbildungspakt enthalten, der somit zum Pakt für Fachkräfteentwicklung mutiert ist.

Natürlich berücksichtigt er auch die differenzierte Personalentwicklung von Unternehmen, die neben Auszubildenden auch leistungsstärkere Abiturienten mit einem dualen Studium an den Betrieb binden wollen. Das Land Hessen bekräftigt im Pakt erneut den Ausbau dualer Studiengänge und kündigt an, die Berufsschulpflicht für dual Studierende abzuschaffen. Damit wird die curriculare Abstimmung zwischen Hochschule und Betrieben vereinfacht.

Unterzeichner des neuen Pakts sind abermals neben der Landesregierung und der IHK-Arbeitsgemeinschaft Hessen auch die Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit, die Arbeitsgemeinschaft der Hessischen Handwerkskammern, die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, der Verband Freier Berufe in Hessen, der Hessische Landkreistag, der Hessische Städtetag und der Hessische Städte- und Gemeindebund. Die Gewerkschaften haben eine Teilnahme abgelehnt. Der neue hessische Pakt für Ausbildung ist bis zum Jahr 2012 gültig. 


Autorin
Geschäftsführerin
IHK Frankfurt am Main

     
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IHK WirtschaftsForum
Mai 2010