Von Pisa zu Strategiezielen
Wie Benchmarks Schule verändern

Der Aufschrei war kurz, aber heftig: Denn Anfang Dezember wurden die Pisa-Ergebnisse zu früh und überdies nur bruchstückhaft veröffentlicht. Hessens Kultusministerin Karin Wolff forderte daraufhin, dass der verantwortliche Leiter der Pisa-Studie, Andreas Schleicher, von seinen Aufgaben bei der OECD suspendiert wird. Er leitet dort die Abteilung für Indikatoren und Analysen im Direktorat für Bildung. Weniger die Episode an sich als vielmehr der Anlass ist bemerkenswert: Deutsche Kultusminister und mit ihnen die deutsche Bildungsöffentlichkeit nehmen Vergleichsstudien endlich ernst.

Offenbar hat das Benchmarking Anfang 2000 die Bundesrepublik mit den Veröffentlichungen der ersten Pisa-Ergebnisse zuerst in helle Aufregung versetzt und dann ein Umdenken in Gang gesetzt. Nicht allein wissenschaftliche Erkenntnisse über pädagogische Zielrichtungen und ideologische Erwartungen an Schulstrukturen bestimmen mehr die deutsche Bildungspolitik. Der Vergleich mit anderen Nationen, Bundesländern, Schulen und anderen Bildungssystemen hat Einzug ins Denken der deutschen Schulkultur gehalten.

Auch wenn es manchem Schulleiter und Lehrer nicht passt, finden sich mittlerweile Aussagen zu jeder Haupt- und Realschule in Hessen auf den Seiten des Kultusministeriums. Ausbildungsbetriebe finden dort wertvolle Hinweise auf das Abschneiden jeder Schule bei den landesweiten Vergleichsarbeiten in Haupt- und Realschulen und können so die Noten auf den Zeugnissen ihrer Bewerber mit einem Blick ins Internet richtig einstufen: Wie sehr weicht die Note vom Durchschnitt aller hessischen Schüler in den Fächern Englisch, Mathematik oder Deutsch ab, und wie ist er in Bezug auf das Abschneiden seiner Schule einzustufen? Sowohl die besten Schulen in diesem Vergleich wie auch diejenigen, die sich am meisten verbessert haben, haben die hessischen Industrie- und Handelskammern in den vergangenen Jahren gemeinsam mit dem Kultusministerium ermittelt und mit einem Preis ausgezeichnet. Auf diese Weise möchten sie die Schulen zu guten Leistungen ermutigen und darstellen, dass sich der Wettbewerb untereinander lohnt. Nachdem im vergangenen Jahr das landesweite Abitur eingeführt worden ist, finden sich auch hierzu Angaben über die Durchschnittsnoten im Internet. Es ist zu erwarten, dass nach mehreren Durchläufen auch das Abschneiden der einzelnen Gymnasien erfasst wird.

Strategische Ziele für jeden Schulabschnitt
Von Benchmarks zu Kennziffern und Zielvorgaben ist es nicht mehr weit. So hat in Hessen das Denken und Steuern mit Kennziffern und Zielvorgaben im Kultusbereich inzwischen Einzug gehalten. Für jeden Schulabschnitt wurden strategische Ziele definiert. So sollen beim sogenannten „Strategischen Ziel IV“ die Durchfallquoten im theoretischen Teil der Berufsabschlussprüfung in Berufen wie Florist, Verkäufer und zwölf weiteren dualen Ausbildungsberufen um ein Drittel gesenkt werden. Damit werden sogar externe Kennziffern, nämlich die Noten von IHK- und Handwerkskammerprüfungen, anerkannt. Inzwischen haben diese Vorgaben einiges in Gang gesetzt: Schulen geben zusätzliche Stützkurse für schwächere Schüler in diesen Berufen und stellen beispielsweise deren Sprachkenntnisse in Deutsch fest, um daraus abzuleiten, inwieweit Fachsprache und Leseverständnis im Vorfeld der Prüfungen noch besonders gefördert werden müssen.

Die Industrie- und Handelskammern unterstützen diese Prozesse in Beiräten und mit der Zulieferung von Daten. Mittlerweile stellt die IHK Frankfurt die Ergebnisse der Abschlussprüfungen in jedem Beruf ins Internet und stellt sie den Schulen innerhalb des IHK-Bezirks zur Verfügung. Bei den Schul-inspektionen durch das externe Institut für Qualitätsentwicklung spielt der Umgang mit Kennziffern wie IHK-Prüfungsergebnissen eine große Rolle. Schulleiter müssen den Inspektoren darüber Auskunft geben, wie sie die Ergebnisse evaluieren und welche Konsequenzen sie daraus ableiten.

Leistung am Übergang in Beruf oder Studium messen 
Bis vor Kurzem stießen Forderungen der IHKs auf Entsetzen, wenn sie die Leistung der Schulen nicht an ihren Noten, sondern am Übergang in Studium, Ausbildung oder andere Formen des Anschlusses nach der Schulzeit messen wollten. Dagegen stand die Auffassung, dass Bildung ein Wert an sich sei, der nicht in Bezug zum erfolgreichen Einstieg in die Arbeitswelt gesetzt werden kann. Ausgerechnet die Hauptschulen machten diesem veralteten Bildungsbürgerdenken den Garaus: Mit den Aussagen des Kultusministeriums, dass ein Drittel der Schüler in den praxisorientierten Schub-Klassen einen Ausbildungsplatz gefunden hätte, setzt sich langsam auch bei Pädagogen die Erkenntnis durch, dass Schulzeit nicht isoliert vom anschließenden Broterwerb gesehen werden kann.

Derzeit sind weitere Evaluierungen mit Abgängerumfragen bei Assistenten-Lehrgängen und Berufsgrundbildungsklassen in Arbeit. Es bleibt zu hoffen, dass die Schulen auch bald die Eltern damit umwerben, wie viel Prozent ihrer Schüler in ungeförderte Ausbildung oder an Elite-Universitäten gegangen sind. Ein Wegfall der Schulbezirke, wie sie die hessischen Industrie- und Handelskammern im Landtagswahlkampf gefordert haben, könnte diesen Wettbewerb anfachen.
Geschäftsführerin
IHK Frankfurt am Main
Aus- und Weiterbildung


Link
Eine Übersicht der prämierten hessischen Schulen ist auf der Website der IHK Arbeitsgemeinschaft Hessen unter www.ihk-hessen.de/schulpreis-verleih veröffentlicht.


IHK WirtschaftsForum
März 2008
 

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Wie werden Sie Ausbildungsbetrieb? Dieser Film zeigt, welche fachlichen und persönlichen Voraussetzungen Sie mitbringen müssen, um Ihre Fachkräfte selbst ausbilden zu dürfen.

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Das IHK Bildungszentrum hat viele virtuelle Lernangebote geschaffen, um den Seminar- und Lehrgangsbetrieb aufrechtzuerhalten und wird dies in den kommenden Wochen weiterhin verfolgen.

Parallel wird eine stufenweise Wiederaufnahme des Präsenzbetriebs geplant.

 
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