Berufliche Schulen
Stiefkinder der Bildungspolitik?

Wenige Tage vor der Sommerpause kommt im Juni 2008 alles, was in Hessen Rang und Namen in der hessischen Bildungspolitik hat, in den Landtag. Auf Einladung des kulturpolitischen Ausschusses findet eine allgemeine bildungspolitische Anhörung statt. Verbesserungen für Schüler, Eltern, Lehrer werden gefordert, aber berufliche Schulen kommen als Thema nur im Beitrag der Kammern vor. Ist Bildungspolitik in Hessen eine Schulpolitik ohne Berufsschulpolitik?

Natürlich spricht viel dafür, die beruflichen Schulen auch unter die Schulpolitik zu subsumieren. Denn schließlich ist diese Schulform der Vorreiter, wenn es um den Weg zu mehr Eigenständigkeit im Bildungssystem geht. Gerade diese Schulen lernen, was es heißt, mit Schulträgern zu verhandeln, Personal- und Budgethoheit zu gewinnen und dies in Führungs- und Qualitätsstrukturen zu implementieren. Nur ist dieses Modellprojekt „Selbstverantwortung Plus“ bald ein halbes Jahrzehnt alt. Die veränderten Rahmenbedingungen, die die Schulleiter mit großem Elan bei ihrer Umorientierung als notwendig definiert haben, sind allerdings noch nicht gegeben. Wer aber Eigenständigkeit von Schulen fordert, muss ihnen auch den nötigen Spielraum zum Handeln geben. Bei den Ausbildungsbetrieben ist eine Qualitätsverbesserung über den Modellversuch Selbstverantwortung Plus noch nicht angekommen. Hier sind Kultusministerium und Politik gefragt.

Die Berufsschulen stehen vor großen Nachwuchsproblemen. Aufgrund des hohen Durchschnittsalters von Berufsschullehrern benötigt das Land im nächsten Jahrzehnt überdurchschnittlich viele Lehrer. Besonders groß ist der Bedarf für die Metall-, Elektro- und IT-Berufe. Die Lehrerausbildung für Berufsschulen findet an hessischen Hochschulen zu wenig engagiert statt. Auch das auf ein Jahr beschränkte Quereinsteigerprogramm für die Metall- und Elektrotechnik der Landesregierung ist bislang nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Generationenwechsel in der Lehrerschaft in den beruflichen Schulen wurde noch nicht als eigene Herausforderung erkannt.
 
Separate Ansprache von Berufspraktikern
Mit der lobenswerten Kampagne des Kultusministeriums „Hauptrollen in Hessen zu vergeben“ sind zwar de facto auch Berufsschullehrer gemeint, aber ob der annoncierte Fächerkanon Handelslehrer anspricht, ist zweifelhaft. Denkbar wäre eine separate Ansprache von Berufspraktikern und von älteren Ingenieuren, wobei die Kostenfrage direkt während der pädagogischen Ausbildung angegangen werden könnte. In Baden-Württemberg erhalten Ingenieure, die in die beruflichen Schulen einsteigen, ein volles Gehalt, obwohl sie noch nicht ihr volles Pensum in der Schule leisten, sondern sich nebenbei noch weiterbilden. Warum öffnet man nicht darüber hinaus das Referendariat und lässt zu, dass sich neben dem Master of Education weitere Master bewerben können? Des Weiteren hätten auch Absolventen mit ausländischem Studienabschluss größere Chancen. Außerdem sollte es mehr Aufstiegsmöglichkeiten für Fachlehrer geben. Auch Hochschulpolitiker geht dieses Thema an. Die Ausbildungsstätten für angehende Berufsschullehrer fristen an Universitäten häufig noch ein Schattendasein, obwohl hier der Nachwuchs qualitätsvoll ausgebildet werden soll, der wiederum eines Tages die Nachwuchskräfte für den Wirtschaftsstandort ausbilden soll. Besondere Akzente für die Herausforderungen an beruflichen Schulen kommen auch bei der Schulinspektion zu kurz. So lobenswert das Instrument der externen Evaluation durch das Institut für Qualitätsentwicklung auch ist: Die Fragen und Kriterien, die den Inspektoren vorgegeben sind, beziehen sich ausschließlich auf allgemeinbildende Schulen. Natürlich sind die Inspektoren und ihre Teams, zu denen häufig auch IHK-Experten gehören, kreativ genug, um die Fragen des Referenzrahmens auf berufliche Schulen zu übertragen. Insofern wird de facto nicht die Zusammenarbeit mit den Eltern, sondern mit dem Ausbildungsbetrieb abgefragt. Anstatt Ergebnisse aus landesweiten Arbeiten werden die Ergebnisse aus bundesweiten IHK-Abschlussprüfungen als Kriterien für die Leistung einer Schule zugrunde gelegt. Würden die besonderen Anforderungen an die beruflichen Schulen im Fragebogen berücksichtigt, würde damit eine Vergleichbarkeit ermöglicht und der Spielraum für Interpretationen durch die Inspektoren eingeschränkt.

Vielleicht heißt ja das Zauberwort, unter dem derzeit bildungspolitisch Verantwortliche ihr Engagement für berufliche Schulen sehen, Hessen Campus? Schließlich findet sich darin ja der ursprüngliche Ansatz der Landesregierung, berufsbildende Schulen zu Kompetenzzentren für Weiterbildung auszubauen. Allerdings könnte das Ziel von Hessen Campus, nämlich „integrierte Bildungsdienstleister“ in der Region zu verankern, kontraproduktiv zum Modellversuch Selbstverantwortung Plus werden. Auf dem Weg zu mehr Selbstständigkeit sollen berufliche Schulen nun darüber nachdenken, wie sie gemeinsam mit Volkshochschulen, Abendschulen oder Weiterbildungsberatungsstellen unter einem Dach arbeiten und so öffentliche Mittel effizienter nutzen können.
 
Gebraucht werden starke berufliche Schulen
So charmant die bessere Verzahnung dieser öffentlichen Bildungsinstitutionen für den Steuerzahler auch sein mag, so wenig verständlich ist es den hessischen IHKs, wie ohne eine genaue Definition von Zielen und Zielgruppen öffentliche Fördermittel für eine Entwicklung dieser Idee ausgegeben werden. Viele Fragen, die sich mittelbar auch auf den Lernortpartner Ausbildungsbetrieb auswirken, sind nach anderthalb Jahren Diskussion immer noch ungeklärt. Wie können Schulen, die nicht eigenständig sind, ihre Position in den Verhandlungen mit eigenständigen Volkshochschulen und Weiterbildungsberatungsstellen eigenverantwortlich einbringen? Soll sich die Kernkompetenz von beruflichen Schulen, nämlich Teilzeitunterricht für Auszubildende anzubieten, langfristig verändern? Können Hessen Campi bei den Nachwuchsproblemen der Schulen für die Ausbildungsberufe in IT-, Metall- und Elektroberufen wirklich Lösungen aufzeigen? Welche Entscheidungsprozesse werden demnächst die Bewerbungen von beruflichen Schulen als Standorte für Fachklassen für bestimmte Berufe beeinflussen? Welche Rolle werden die dualen Partner, die Ausbildungsbetriebe, demnächst für einen integrierten Bildungsdienstleister spielen, der unterschiedliche Zielgruppen anspricht? Aus Sicht der hessischen IHKs sprechen diese offenen Fragen eher dafür, dass berufliche Schulen noch mehr in den Hintergrund gedrängt werden.

Die hessischen Industrie- und Handelskammern und die von ihnen vertretenen Ausbildungsunternehmen, die zwei Drittel aller Ausbildungsplätze in Hessen anbieten, haben ein großes Interesse an starken beruflichen Schulen. Schließlich sorgen sie gemeinsam dafür, dass jedes Jahr rund 40 000 junge Nachwuchskräfte der hessischen Wirtschaft zur Verfügung stehen. Berufliche Schulen, die mit guter Unterrichtsqualität für eine hochwertige und aktuelle Ausbildung sorgen, stärken den Wirtschaftsstandort Hessen und sind somit ein wichtiger Standortfaktor. Angesichts des sich weiter verschärfenden Fachkräftemangels wird ihre Arbeit noch wichtiger: Bereits jetzt stellen hessische Unternehmen nicht nur einen deutlichen Mangel an Ingenieuren, sondern auch an Fachkräften aus der beruflichen Aus- und Weiterbildung fest. Auch wenn sich die öffentliche Diskussion meist um technische Nachwuchskräfte dreht: Die kaufmännisch ausgebildeten Fachkräfte werden ebenfalls rarer. Viele Zeichen deuten darauf hin, dass dieser Mangel mehr strukturell als von der Konjunktur ausgelöst ist.

Geraten berufliche Schulen mit ihren speziellen Anforderungen ins bildungspolitische Abseits, so kann dies wirtschafts- und arbeitsmarktpolitische Folgen für die Attraktivität Hessens als Wirtschaftsstandort mit gut ausgebildeten Fachkräften haben. Insofern liegt der Gedanke auch nicht fern, sie direkt von den im Land Hessen für Wirtschaft zuständigen Ressorts steuern zu lassen. Es sei denn, der Fokus der Schulpolitik vergrößert sich.     
Geschäftsführerin
IHK Frankfurt am Main
Aus- und Weiterbildung

IHK WirtschaftsForum
Februar 2009
 

IHK-Info-Video: Wie werden Sie Ausbildungsbetrieb?

Wie werden Sie Ausbildungsbetrieb? Dieser Film zeigt, welche fachlichen und persönlichen Voraussetzungen Sie mitbringen müssen, um Ihre Fachkräfte selbst ausbilden zu dürfen.

Mitarbeiterförderung durch die IHK-Weiterbildungsberatung

Aktuelle Lehrgangsveranstaltungen des IHK Bildungszentrums

Das IHK Bildungszentrum hat viele virtuelle Lernangebote geschaffen, um den Seminar- und Lehrgangsbetrieb aufrechtzuerhalten und wird dies in den kommenden Wochen weiterhin verfolgen.

Parallel wird eine stufenweise Wiederaufnahme des Präsenzbetriebs geplant.