Bildungspolitik
Ohne Europa keine Reformen

Auf die Dauer kann Deutschland im europäischen und internationalen Wettbewerb und als Gesellschaft in einer sozialen Marktwirtschaft nur überleben, wenn in Bildung investiert wird.

Bildung ist die Voraussetzung für Innovationen in der Wirtschaft und für Teilhabe in der Gesellschaft. Bildungsarmut führt dagegen zu hohen Sozialtransfers. Daher ist es nur folgerichtig, dass die neue Bundesregierung ihre Regierungserklärung mit den drei Begriffen „Wachstum, Bildung, Zusammenhalt“ unterschrieben hat. Schaut man jedoch in das 120 Seiten starke Papier, dann stehen auf genau fünf Seiten Vorhaben, die nicht den großen Wurf bedeuten. Denn den Ausbildungspakt in Zeiten zu verlängern, in denen selbst in Hessen die Bewerber um Ausbildungsplätze um 13 Prozent zurückgehen, ist nicht originell. Immerhin: Mit der Idee, für jedes Kind ein Startkonto in Höhe von 150 Euro einzurichten und das Sparen für Bildung mit einer Prämie zu unterstützen, betont die Bundesregierung die Eigenverantwortung der Bürger für ihre Bildung.

Doch bis sich erste Ergebnisse zeigen, werden noch viele Jahrgänge unter den bekannten unzureichenden Rahmenbedingungen lernen müssen. Und der Vorschlag, überall lokale Bündnisse einzusetzen, die den Übergang von der Schule in den Beruf besser koordinieren sollen, ist in Hessen schon längst umgesetzt. Es steht gar zu befürchten, dass die Vorschläge aus Berlin die seit zwei Jahren in Hessen eingesetzten Strukturen durcheinanderbringen könnten. Vielleicht hatte ja der Bildungsgipfel im vergangenen Jahr aus Sicht der alten und neuen Bildungsministerin Anette Schavan schon alles Wesentliche auf den Weg gebracht? Fehlanzeige! Hier beobachtet die IHK-Organisation die Vorschläge detailliert und stellt bei ihrem regelmäßigen Monitoring fest, dass sie sich im Klein-Klein der Kultushoheit von 16 Bundesländern und dem Gerangel um die Zuständigkeit zwischen Bund und Ländern verlieren.

Von der neuen hessischen Landesregierung kommen ebenfalls keine neuen Impulse. Denn die Weichenstellungen der bisherigen CDU-Kultusminister waren lange noch nicht umsetzungsreif. So kann die jetzige Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) nur einen Fahrplan für die Realisierungsschritte zur Eigenständigkeit von Schule ankündigen. Wann die von der Wirtschaft von der eigenständigen Schule erwartete Qualitätsverbesserung im Unterricht eintritt, ist damit noch ungewiss. Erst müssen sich das Land mit den Kommunen als Schulträger über die Budgethoheit für die eigenständige Schule einigen, die Schulen auf Personal- und Organisationshoheit umgestaltet werden. Da die Berufsschulen im Bezirk der IHK Frankfurt sich nicht am Modellversuch Selbstverantwortung Plus beteiligt haben, stehen sie noch ganz am Anfang des Wegs. Mancher unzufriedene Ausbildungsbetrieb muss sich also noch gedulden.
 
Kommunen bleiben auf Investitionsruinen sitzen
Auch das neue Konjunkturprogramm der Bundesregierung bringt die Bildung nicht wirklich voran. Schön ist, dass nun viele Schulgebäude und ihre Ausstattung auf einen modernen Stand gebracht werden. Neue PCs sollen neue Unterrichtsformen wie das Selbstlernen ermöglichen. Doch für die Administration und Wartung dieser vergrößerten IT-Netzwerke sind die Konjunkturmittel nicht einsetzbar. Die Auswirkungen sind fatal: So berichten die Brühlwiesenschule aus Hofheim und die Kleyerschule aus Frankfurt, dass sie wochenlang auf den Anschluss ihrer neuen PCs warten. Und so steht zu befürchten, dass Schulen wegen knapper Ressourcen bei den Kommunen auf manchen Investitionsruinen sitzen bleiben.

Wenn es manchen Verfechter des dualen Berufsausbildungssystems schmerzt: Der wahre Reformdruck für die in zerfledderte Zuständigkeiten verhakte Bildungspolitik in Deutschland kommt aus Europa. Mit dem Lissabon-Prozess hat Brüssel Ziele vorgegeben, die Europa zu einem wissensbasierten und wettbewerbsfähigen Wirtschaftsraum machen sollen. Zwar wird Deutschland nur eines der fünf Ziele erreichen, nämlich die Steigerung der Studentenanzahl in Mathematik, Technik und Naturwissenschaften um 15 Prozent. Aber der Druck dieser Ziele ist stark: So finden sich in den Regierungsprogrammen die Ziele wieder, Schulabbrecherquoten zu verringern und die Zahl von jungen Menschen mit Abitur oder Berufsausbildung zu erhöhen.

Um die Mobilität von Arbeitnehmern innerhalb der Europäischen Union zu verbessern, hat die EU-Kommission außerdem einen Rahmen vorgegeben, in dem jedes Land seine Bildungsabschlüsse einzusortieren hat. Damit sollen zukünftige Arbeitgeber das Niveau der Qualifikation eines Bewerbers aus einem anderen EU-Land zuordnen. Da dieser Europäische Qualifikationsrahmen keinen Unterschied zwischen akademischen und beruflichen Abschlüssen trifft, hat nun in Deutschland die Diskussion um die Gleichwertigkeit von akademischen und beruflichen Abschlüssen begonnen. Sind der Technische Betriebswirt IHK, der Industriemeister und der Personalfachwirt nun in den Qualifikationsrahmen auf derselben Ebene wie der Master oder wie der Bachelor einzusortieren? Ist der schulische Abschluss nach zwei Jahren Berufsfachschule so viel wert wie eine duale Berufsausbildung?
 
Duale Ausbildung wird aufgewertet
Somit hat die EU ein Thema vorangebracht, das jahrzehntelang verschoben wurde. Erste Fortschritte sind zu erkennen. Die Kultusministerkonferenz einigte sich darauf, auch Absolventen der Aufstiegsfortbildung wie Industriemeistern, Fachwirten oder Bilanzbuchhaltern den allgemeinen Hochschulzugang zuzugestehen. Dies ist in Hessen schon seit vier Jahren möglich, war aber in vielen Bundesländern noch gar nicht geregelt. Zudem wertet die Kultusministerkonferenz die duale Ausbildung auf: Wer ohne Hochschulreife nun eine Berufsausbildung abschließt, darf nach drei Jahren Berufserfahrung fachgebunden studieren. Die hessische Landesregierung hatte dies bereits in ihrer Hochschulnovelle berücksichtigt und darüber hinaus festgelegt, dass Absolventen der beruflichen Aufstiegsfortbildung unter gewissen Voraussetzungen auch ein Masterstudium angehen dürfen.

Natürlich bringt der Druck aus Brüssel auch Nachteile für die duale Berufsausbildung mit sich. Inspiriert von den angloamerikanischen Bildungssystemen, die tayloristisch einzelne Zertifikate für ihr Training on the job sammeln, dienen einige europäische Bildungsvorgaben wie der Europäische Qualifikationsrahmen oder das analog zu dem Hochschulsystem angedachte Kreditpunktesystem European Credit Points for Educational and Vocational Training als Alibi für selbst ernannte Bildungspäpste, die Ausbildung zu zerstückeln.

Mit der sogenannten Modularisierung meinen einige, das Patentrezept entdeckt zu haben, mit dem sich die sogenannten benachteiligten Jugendlichen in den Berufsalltag integrieren lassen. Anstelle einer dualen Berufsausbildung, in der sie in Prozessen langsam an den Aufgaben wachsen, sollen ihnen in Bausteinen nur einzelne Teilschritte eines Berufs beigebracht werden. Ob dies ihre langfristige Beschäftigungsfähigkeit sichert, ist fraglich. Möglicherweise binden sie sich an nur einen Arbeitgeber, der nämlich genau diese antrainierten betrieblichen Funktionen benötigt.

Bedauerlich ist, dass bei einem Versagen der allgemeinbildenden Schule hierzulande immer gleich das ganze System der dualen Berufsausbildung reformiert werden muss. Ein Blick auf die Jugendarbeitslosigkeit in den OECD-Ländern würde helfen, mehr Gelassenheit in die Diskussion zu bringen und manche Vorhaben des Bundesinstituts für Berufsbildung und des Bundesbildungsministeriums zu streichen. Finnland, der Pisa-Sieger, steht bei der Integration von Schulabgängern in den Arbeitsmarkt ganz schlecht da, während sich Deutschland im oberen Drittel bewegt. Bleibt das etwas resignative Fazit: Angesichts der vielen Zuständigkeiten in der föderalen Struktur gibt es nur gegenüber der EU eine gemeinsame Verantwortung. Es bleibt zu hoffen, dass Deutschland und seine Bundesländer hieraus das Beste machen. 
Geschäftsführerin
IHK Frankfurt am Main
Aus- und Weiterbildung

IHK WirtschaftsForum
Februar 2010
 

IHK-Info-Video: Wie werden Sie Ausbildungsbetrieb?

Wie werden Sie Ausbildungsbetrieb? Dieser Film zeigt, welche fachlichen und persönlichen Voraussetzungen Sie mitbringen müssen, um Ihre Fachkräfte selbst ausbilden zu dürfen.

Mitarbeiterförderung durch die IHK-Weiterbildungsberatung

Aktuelle Lehrgangsveranstaltungen des IHK Bildungszentrums

Das IHK Bildungszentrum hat viele virtuelle Lernangebote geschaffen, um den Seminar- und Lehrgangsbetrieb aufrechtzuerhalten und wird dies in den kommenden Wochen weiterhin verfolgen.

Parallel wird eine stufenweise Wiederaufnahme des Präsenzbetriebs geplant.