Eine Frage des Alters<br>Auswirkungen demografischer Entwicklungen auf die touristische Nachfrage

Die demografische Entwicklung in Deutschland hat massive Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Strukturwandel und die inländische Konsumnachfrage. Diese Phänomene werden oftmals ignoriert, obgleich Wissenschaftler schon seit rund 20 Jahren auf die bevorstehenden Probleme hinweisen. Der demografische Wandel wird auch für die Tourismuswirtschaft nicht ohne Folgen bleiben.

Die Bevölkerung (West- und Ostdeutschland) ist seit 1949 von 68 auf rund 83 Millionen Einwohner in 2002 angewachsen. Gründe hierfür sind im Wesentlichen die Zuwanderung durch Flüchtlinge, Aussiedler und Gastarbeiter sowie der Babyboom in den Sechzigerjahren. Während die Zuwanderung weitgehend demografieneutral über fast alle Altersgruppen erfolgte, brachte der Babyboom die Demografie durch die Ballung auf wenige Jahrgänge aus dem Gleichgewicht.

Was sich zunächst in überfüllten Bildungseinrichtungen äußerte und erhebliche Investitionen erforderte, konnte durch das starke Wirtschaftswachstum mit zunehmendem Wohlstand in den Siebziger- und Achtzigerjahren weitgehend kompensiert werden. Seit Beginn der Neunzigerjahre sorgen die rund fünf Millionen Babyboomer jedoch für einen Angebotsüberhang am Arbeitsmarkt und verschärfen die durch Wiedervereinigung und Globalisierung ohnehin hohe Arbeitslosigkeit.

Die Babyboomer haben das demografische Problem noch verschärft, denn sie haben die Geburtenrate in Deutschland auf nur noch 1,38 Kinder pro Frau absinken lassen, während 2,1 Kinder zur Regeneration beziehungsweise Bestandserhaltung der Bevölkerung erforderlich gewesen wären. Folge ist, dass die Bevölkerung unter 50 Jahren bis 2050 um fast 30 Prozent abnehmen wird. Die Zahl der Deutschen wird zwischen 2010 und 2050 um mindestens elf Prozent von heute 82,5 auf 73,6 Millionen schrumpfen. Dieser Prozess würde sich sogar noch verstärken, wenn die durchschnittliche Lebenserwartung (Männer 78,1 Jahre, Frauen 84,4 Jahre) nicht mehr steigt, der durchschnittliche Zuwanderungssaldo von 200 000 Personen pro Jahr abnimmt und die Geburtenrate noch weiter sinkt.

Wenn aber die Zahl der inländischen Nachfrager dauerhaft rückläufig ist und die verfügbaren Einkommen nicht steigen, sind die Rahmenbedingungen für die Konsumnachfrage mittel- bis langfristig düster. Die Konsequenzen – nicht nur für den Tourismus – sind vielschichtig. Viele Bereiche der Konsumnachfrage haben im Verlauf des Lebens eines Menschen oder einer Lebensgemeinschaft eine unterschiedlich hohe Bedeutung innerhalb des Konsumportfolios, sodass sich Verschiebungen zwischen den Alterssegmenten entsprechend auswirken: Heute sind 36 Prozent der Bevölkerung über 50 Jahre alt, 2050 werden es 49 Prozent sein. Behält diese Altersgruppe ihre Konsumportfolios wie in der Vergangenheit bei, dann können viele Branchen heute schon recht präzise erkennen, ob die unvermeidliche Überalterung für sie eher Chancen eröffnet oder Risiken birgt.

Eine Analyse zeigt für die Tourismusbranche dennoch ein eher optimistisches Bild. Schon heute sind fast die Hälfte aller Veranstalterreisenden zwischen 50 und 75 Jahre alt. Diese Altersgruppen werden durch die Babyboomer bis 2030 um über vier Millionen Personen wachsen. Damit bestehen gute bis sehr gute Wachstumschancen für Angebotssortimente, die für diese Zielgruppen affin sind, wie beispielsweise Städte- und Kulturreisen, Fernreisen, Kreuzfahrten, Busreisen, Wellness-Urlaub, generell also anspruchsvolle, qualitativ hochwertige Urlaubsreisen.Mit zunehmendem Alter – ab etwa dem 60. und bei entsprechender Gesundheit bis zum 80. Lebensjahr – wächst dabei auch die Nachfrage nach Busreisen, wobei Menschen über 70 jede vierte Urlaubsreise mit diesem Verkehrsmittel unternehmen. Ursachen hierfür sind vor allem das Kommunikations- und Sicherheitsbedürfnis der hohen Zahl älterer Singles in einer homogenen, geschlossenen Grup-pe mit Betreuung durch Reiseleiter beziehungsweise Busfahrer sowie die Bequemlichkeit beim Gepäcktransport. Dabei steigt ab 65 Jahren der Anteil allein stehender Frauen aufgrund ihrer um sechs Jahre höheren Lebenserwartung rapide an.

Mit zunehmendem Alter wird die Mobilität immer engräumiger, sodass fast 70 Prozent aller Senioren aus Sicherheits- und Gesundheitsgründen den deutschsprachigen Raum nicht mehr verlassen. Schon jetzt ist aber vorhersehbar, dass diese durch die Babyboomer erzeugte Zusatznachfrage spätestens 2030 wieder verebbt, da die Jahrgänge der Folgegeneration um fast fünf Millionen Personen schwächer besetzt sind.

Werden die Wachstumssegmente in den Zielgruppen betrachtet, dann sind vor allem Ehepaare und Lebensgemeinschaften ohne Kinder sowie Singles unter 65 Jahren für die Tourismusbranche bedeutend. Dies gilt vor allem dann, wenn es sich um Doppelverdiener handelt. Sie verfügen über eine hohe Kaufkraft, haben beim Reisen zunehmende Komfort- und Qualitätsansprüche, verfügen über eine starke Aktivitäts- und Erlebnisorientierung mit breitem Zielgebietsspektrum, sind aber auch sehr flexibel und hybrid in ihrem Kauf- und Buchungsverhalten.

So gut wie keine Bedeutung für den Tourismus haben die ebenfalls wachsenden Segmente der Alleinerziehenden sowie der über 75-Jährigen, die auch in der Vergangenheit aus finanziellen, gesundheitlichen oder organisatorischen Gründen nicht in der Lage waren, häufig auf Reisen zu gehen.

Der Tourismus wird besonders hart getroffen durch die Schrumpfung der bisher wichtigsten Zielgruppe: der Familien mit Kindern. Von 24,5 Millionen deutschen Mehrpersonenhaushalten entfielen 2003 nur noch 38,5 Prozent auf Ehepaare mit Kindern, 13 Prozent auf Alleinerziehende /Halbfamilien, wobei inzwischen jedes fünfte von 21,1 Millionen Kindern bei nur einem Elternteil lebt, 39,5 Prozent auf kinderlose Ehepaare und neun Prozent auf nicht eheliche Lebensgemeinschaften ohne Kinder.

Der Entwicklungstrend seit 1991: Ehepaare mit Kindern minus 20 Prozent, Alleinerziehende plus 24 Prozent, kinderlose Ehepaare plus 16 Prozent, nicht eheliche Lebensgemeinschaften ohne Kinder plus 64 Prozent. Neben dem anhaltenden Geburtenrückgang trägt hierzu vor allem bei, dass inzwischen jede dritte Ehe geschieden wird und aus jedem zweiten Scheidungsfall mindestens ein Part-ner mit Kind zum Sozialfall wird. Eine Trendumkehr zu höheren Geburtenraten erscheint in diesem gesellschaftlichen Umfeld schwer vorstellbar. Aufgrund der immer differenzierteren Lebensmodelle wird es immer schwieriger, die Bedürfnisse von Familien oder Mehrpersonenhaushalten in der Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen mit dem klassischen homogenen Urlaubsangebot im Rhythmus der Schulferien zu erreichen.

Hinzu kommt, dass Familien mit Kindern inzwischen ein um zehn bis 20 Prozent niedrigeres Pro-Kopf-Einkommen haben als Durchschnittsverdiener ohne Kinder und Ruheständlerehepaare. Auch ist in dieser Ziel- und Altersgruppe die Arbeitslosenquote hoch, sodass das Reisebudget sehr beschränkt ist. Viele touristische Zielgebiete im Mittelmeerraum – vor allem Spanien, Italien, Tunesien, aber auch Österreich – und ihre Infrastruktur sind mit den Babyboomern groß geworden, als diese selbst in den Siebziger- und Achtzigerjahren Kinder waren und mit ihren Eltern dorthin reisten. Diese Urlaubsregionen müssen sich zukünftig vermehrt neuen, überwiegend alten Zielgruppen und deren Bedürfnissen zuwenden, wenn sie ihre Marktposition behalten wollen.

Per Saldo sind also die demografischen Rahmenbedingungen für den Tourismus – zumindest bis 2030 – durchaus positiv. Dies gilt aber nur dann, wenn es der Branche gelingt, die vielfältigen Bedürfnisse und Ansprüche von immer differenzierter werdenden Teilzielgruppen zu erfüllen. Vor allem das Marketing muss sich grundlegend verändern, da es kaum noch große, homogene Zielgruppen gibt, die den Einsatz von breit angelegten Kampagnen und aufwändiger Massenwerbung rechtfertigen. Die demografischen Strukturen haben eine sehr hohe Prognosegenauigkeit und liegen biologisch für die nächste Generation (25 bis 30 Jahre) unveränderbar fest.

Trendveränderungen sind erst ab 2030 / 2040 möglich – falls die Geburtenrate signifikant zunähme. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein. Somit haben sich alle Branchen, die wie der Tourismus primär von der inländischen Konsumnachfrage abhängig sind, auf die Folgen des demografischen Wandels einzustellen.


Werner Sülberg
Bereichsleiter
Konzernentwicklung  / Marktforschung
Rewe Touristik, Deutsches Reisebüro, Frankfurt am Main
IHK WirtschaftsForum
Juni 2005