Barrierefreiheit
Tourismus für alle

Der Reisemarkt muss sich zunehmend auf ältere und behinderte Gäste einstellen. In den kommenden Jahren wird sich die Zahl der über 60-Jährigen verdoppeln, damit steigt auch die Zahl der mobilitätseingeschränkten, aber dennoch reisefreudigen Kunden. Der barrierefreie Tourismus, der Tourismus für alle, ist daher ein wachsender Markt.

Studien des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie aus den Jahren 2002 und 2008 belegen, dass die Gruppe der mobilitäts- oder aktivitätseingeschränkten Reisenden von großer wirtschaftlicher Attraktivität für die deutsche Reisebranche ist. In Deutschland werden bereits heute jährlich etwa 2,5 Milliarden Euro allein durch die Urlaube und Kurzurlaube behinderter Menschen erwirtschaftet. Dennoch bleiben große Teile dieses wirtschaftlichen Potenzials bislang ungenutzt. So zeigte die Studie auf, dass durch mehr Barrierefreiheit im Deutschlandtourismus bis zu 4,8 Milliarden Euro Nettoumsatz und damit verbunden die Schaffung von bis zu 90 000 neuen Vollzeitarbeitsplätzen möglich wären.

Hieraus ergeben sich für die regionalen Tourismusunternehmen enorme wirtschaftliche Chancen, die ihre Angebote einer breiteren Gästeklientel zugänglich machen. Wenn der Urlaub ein voller Erfolg wird, ist die Wahrscheinlichkeit zurückzukehren groß. Die Neigung alter oder behinderter Reisender an diesen Urlaubsort wiederzukommen, ist stärker ausgeprägt. Denn die Sorge, ungeeignete Angebote vorzufinden, hält viele vom Reisen ab. Dazu kommt, dass sie weniger an die Sommersaison gebunden sind und häufiger auch in der Nebensaison buchen. Bei der Ausgestaltung der Angebote sollten sich Wirtschaft und Politik nach dem Konzept des „Design für alle“ orientieren, welches auf generellen Komfort und leichte Verwendbarkeit für einen großen Kundenkreis abzielt und ein Qualitätsmerkmal darstellt.

Eigenständiges Reisen für alle Menschen
Der Ausschuss für Tourismus des Deutschen Bundestags bekennt sich mittlerweile fraktionsübergreifend für ein Engagement im barrierefreien Tourismus. Barrierefreiheit soll ein Markenzeichen des Tourismus in Deutschland werden, fordern die Fraktionen von CDU/CSU und SPD in einem Antrag. Dabei sollen öffentliche Verkehrsmittel wie Busse, Bahnen, Flugzeuge, öffentliche Gebäude und Hotels nach Möglichkeit auch für Menschen mit Behinderungen selbstständig zugänglich sein, ebenso wie Freizeitangebote und Reisebuchungen. Ziel muss es sein, ein möglichst selbstständiges Reisen für alle Menschen zu ermöglichen. Dabei ist es wichtig, dass behinderte Menschen keine Spezialangebote vorfinden, sondern Angebote, die allen Menschen zugutekommen, also auch Familien mit Kleinkindern, Kinderwagen oder Menschen mit vorübergehenden Unfallfolgen.

Die Politik hat erkannt, dass es an der Zeit ist, sich für die entsprechende Umsetzung der notwendigen Voraussetzungen einzusetzen. Sämtliche Akteure in Wirtschaft und Verwaltung sind aufgefordert, gemeinsam an diesem Ziel zu arbeiten, damit sich alle Menschen so lange wie möglich aktiv und selbstständig in die Gesellschaft einbringen können. Das gilt auch für das Segment Urlaub, Freizeit und Reisen.

Sechs Reiseregionen in Deutschland haben dieses Potenzial bereits für sich erkannt und sich zu der Arbeitsgemeinschaft „Barrierefreie Reiseziele Deutschland“ zusammengeschlossen: Die Eifel, die Stadt Erfurt, das Fränkische Seenland, die Insel Langeoog, das Ruppiner Land und die Sächsische Schweiz. Diese sechs Reiseregionen engagieren sich stark für die Entwicklung von Reiseangeboten für Menschen mit Behinderungen. Dabei stehen nicht nur Gäste mit Mobilitätseinschränkungen im Mittelpunkt, auch Gehörlose und Gäste mit Sehbehinderungen oder blinde Gäste finden hier Angebote.

Ziel der Arbeitsgemeinschaft ist es, die Zusammenarbeit mit Politik, Verwaltung und Verbänden auf deutschlandweiter Ebene zu intensivieren, gemeinsame Marketingaktivitäten durchzuführen und über das Internetportal ein Forum zu bieten. Das Interesse und die Vorbildwirkung des deutschlandweiten Netzwerks sind groß. Die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) greift auf die Erfahrung des Netzwerks in der Vermarktung barrierefreier Angebote zurück, um eine professionelle Präsentation für Menschen mit Behinderungen vorzuhalten. Die Ausrichtung auf barrierefreie Freizeitangebote lohnt sich und wird insbesondere vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung in Deutschland notwendig, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können.     

Barbara Nitsche
IHK Potsdam
Starthilfe und Unternehmensförderung


IHK WirtschaftsForum
Oktober 2009