Deutschlandtourismus
Gut aufgestellt in der Krise

Der Deutschlandreisende findet heute von der Ostsee bis nach Bayern und von der Sächsischen Schweiz bis in die Eifel ein wesentlich vielfältigeres Angebot an Urlaubsmöglichkeiten vor als vor der Wende. Hinzu kommt ein günstiges Preis-Leistungsverhältnis, eine gute Infrastruktur sowie guter Service. Deutschland ist unangefochten das Reisezielgebiet Nummer eins der Einheimischen. Es wird sich zeigen, ob und inwieweit die Wirtschaftskrise die Reisepräferenzen der Deutschen mittelfristig ändert.

Ein schneereicher Winter verschaffte den Wintersportgebieten in Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt einen Traumstart in die Saison. In den Übernachtungsstatistiken des Statistischen Bundesamts gab es trotzdem Minuszahlen: Die Ursache dürfte im Geschäftsreisebereich zu suchen sein, der deutliche Einbrüche hinnehmen musste. Dennoch überwog im Frühjahr die Hoffnung, die nahezu 370 Millionen Übernachtungen des Jahres 2008 erneut erreichen zu können. Ein erstaunlich stabiles Konsumklima, steigende Renten und Lohn- und Gehaltseinkommen sowie eine niedrige Inflationsrate ließen diese Hoffnung auch gerechtfertigt erscheinen.

Einbrechende Unternehmensergebnisse, gefolgt von steigenden Kurzarbeiterzahlen, dämpften den Optimismus allerdings schnell. Wie erwartet, sinkt die Zahl der Auslandsreisenden, offensichtlich aber geringer als zu Saisonbeginn befürchtet. Die Tats-Reisebüro-Statistik erfasst die Umsätze von 2 600 Reisebüros. Sie wies Anfang Juli – die Sommerbuchungen sind zu diesem Zeitpunkt weitgehend erfasst – ein Umsatzminus von 6,5 Prozent aus. Es gibt allerdings wenig Anzeichen dafür, dass dies dem Deutschlandtourismus zugutekommt und hilft, die guten Besucherzahlen des Vorjahres zu erreichen.

Kurzfristige Buchungen und kürzere Reisedauer
Mitte des Jahres rechnete die Mehrzahl der Fremdenverkehrsverbände in Deutschland denn auch mit leicht rückläufigen Übernachtungszahlen. Das geht auch auf die sinkende Zahl der anreisenden Auslandsgäste in den meisten Bundesländern zurück. Schließlich spielt auch das Wetter eine nicht zu unterschätzende Rolle. Bis in den Sommer hinein wurden viele Fremdenverkehrsgebiete in diesem Jahr alles andere als von der Sonne verwöhnt. Mecklenburg-Vorpommern hat trotzdem gute Chancen, die Übernachtungszahlen des Vorjahres zu übertreffen, und Niedersachsen könnte das Ergebnis des Vorjahres erneut erreichen.

Auffällig ist, dass 2009 die Buchungen deutlich kurzfristiger erfolgen. Hinzu kommt, dass auch die durchschnittliche Reisedauer 2009 eher unter der des Vorjahres von 10,8 Tagen liegen dürfte. Das macht eine Aussage über das touristische Gesamtjahr schwierig. Vor allem befürchtet der Deutsche Tourismusverband, dass an den Zweit-
und Drittreisen im Herbst gespart und sich die Reisezurückhaltung auch bis ins Jahr 2010 hinziehen wird.

Wie nicht anders zu erwarten, entwickeln sich die einzelnen Tourismussparten und Regionen sehr unterschiedlich. Soweit derzeit bereits zu erkennen ist, werden in diesem Jahr die Städte- und Fahrradreisen weiter gefragt sein. Familienorientierte Angebote und Ferienwohnungen verkaufen sich gut. Auch die Ferienregionen insbesondere an der Ostsee liegen weiter im Trend.

20 Jahre nach der Wiedervereinigung zeigt sich, dass die Wende den westdeutschen Tourismusregionen zwar starke Wettbewerber in Ostdeutschland bescherte, aber auch Innovationsschübe in Gesamtdeutschland ausgelöst hat. In allen Bundesländern ist in den vergangenen Jahren eine massive Professionalisierung zu verzeichnen. Das zeigt sich nicht nur an neuen Organisationsstrukturen und kreativen Marketingaktionen, sondern auch an neuen und länderübergreifenden Vorhaben.

Bessere Dienstleistungsqualität im ganzen Land
Beispielhaft ist die Verbesserung der Servicequalität im Deutschlandtourismus zu nennen. Unter der Bezeichnung ServiceQualität Deutschland arbeiten 16 Bundesländer an der flächendeckenden Verbesserung der touristischen Dienstleistungsqualität im Reiseland Deutschland. Die Aktion gibt Anstöße für branchenübergreifende und kontinuierliche Verbesserungen und Weiterentwicklungen der Dienstleistungen in allen touristischen und den Tourismus berührenden Unternehmen.

Was im Reisejahr 2008/2009 besonders auffällt, ist die Entwicklung neuer Angebote für das laufende und für kommende Jahre. Aus der Fülle der Innovationen im Produkt- und Marketingbereich nachfolgend einige Beispiele: Es entstanden neue Fernwanderwege, beispielsweise in Nordrhein-Westfalen (Eifelsteig und Jakobsweg), in Hessen (Nibelungensteig) oder in Sachsen (Malerweg). Ein dichtes Radwandernetz überzieht inzwischen Deutschland und wird ständig weiter ausgebaut. Baden-Württemberg setzt auf das Thema Genießerland und Naturerlebnisland und Bayern unter anderem auf Kunst, Kultur und Feste. In Niedersachsen sind gleich mehrere Ferienhausanlagen beziehungsweise Freizeitparks holländischer und dänischer Unternehmer in Planung oder bereits im Bau.

Zweifellos hat die Tourismuswirtschaft in Deutschland erfolgreich an einer höheren Attraktivität gearbeitet. Alle Anzeichen stimmen zuversichtlich, dass damit ein größerer Einbruch der Übernachtungszahlen in der Ferienhotellerie 2009 abgewendet wurde. Entscheidend für das Jahresergebnis 2009 wird der Herbst sein. Eine sonnige Nachsaison ohne weitere wirtschaftliche oder politische Hiobsbotschaften kann den befürchteten Rückgang bei den Zweit- und Drittreisen auffangen und die Vorjahreszahlen noch in greifbare Nähe rücken. Der Optimismus zu Jahresbeginn allerdings ist verflogen, und die Erwartungen für 2010 sind gedämpft. Damit steht der Deutschlandtourismus – den Geschäftsreisebereich ausgenommen – dennoch um Vieles besser da als die meisten anderen Wirtschaftszweige in Deutschland.


Dr. Klaus Frank
Geschäftsführer
TMS Messen-Kongresse-Ausstellungen
Dresden

IHK WirtschaftsForum
Oktober 2009