Reisebüromarkt im Umbruch
Existenzkampf in der Branche setzt sich fort / Wirtschaftskrise beschleunigt Marktbereinigung

Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise geht nicht spurlos an den Reisebüros vorbei. Umsatzeinbußen von aktuell bis zu zehn Prozent im klassischen Urlaubsreisegeschäft und von bis zu 25 Prozent bei Geschäftsreisen beeinträchtigen die Existenz vieler Reisevermittler. Und dies, nachdem die Branche nach dem Terroranschlag vom 11. September bereits Umsatzeinbußen von bis zu 20 Prozent hinnehmen musste, von denen sie sich bis dato immer noch nicht ganz wieder erholt hat.

Der deutsche Reisebüromarkt hat sich in den vergangenen fünf Jahren so schnell und so stark verändert wie niemals zuvor. Allein im Jahr 2008 gaben über 800 Agenturen ihre Geschäfte auf, während rund 300 neue Reisebüros hinzukamen. Seit 2003 hat ein Drittel aller Agenturen (4 300) dichtgemacht, während 1 500 neu eröffnet wurden. Damit sank die Zahl der stationären gewerblichen Reisebüros von rund 12 700 auf aktuell knapp 10 100 Agenturen. Dies ist das Ergebnis einer Analyse des Deutschen Reisebüros (DER) auf Grundlage der seit nunmehr zehn Jahren erstellten Vertriebsdatenbank des Branchenverbands DRV.

Am geringsten war der Rückgang an Reisebüros im Osten Deutschlands. Das Durchhaltevermögen scheint dort wesentlich länger zu sein als im Westen. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Viele Inhaber kleiner Büros haben einfach keine Alternative, als ihre Agentur mit viel Bereitschaft zur Selbstausbeutung weiterzuführen, oder sie verfügen noch über andere, zumeist branchenfremde Einkunftsquellen. Das gilt vor allem für die Provinz, wo die Zahl der Reisebüros vergleichsweise stabil blieb. Die größten Rückgänge gab es in Städten wie Dresden, Leipzig, Düsseldorf, Frankfurt, Wiesbaden, Mainz, Aachen und Mannheim. Eine Entwicklung, die sich weiter fortsetzen wird.

Deutlich wird der Bereinigungsprozess auch beim Blick auf Vertriebsstellen, die nicht zu den klassischen stationären Büros in den üblichen Lauflagen der Städte zählen. So ging die Zahl der Reisebüros in Banken zwischen 1996 und 2008 von 242 auf 82 Büros zurück. Die Zahl der Flughafen-Buchungs-Counter an den 16 deutschen Airports ging im gleichen Zeitraum von 616 auf 339 zurück, die Zahl der Reisebüros in Kaufhäusern von 415 auf 280 – und dies bereits vor den aktuellen Insolvenzen von Karstadt und Hertie.

Rückgang hat auch positive Seiten
Die Abwärtsentwicklung hat für jene Reisebüros, die noch auf dem Markt sind, aber durchaus positive Aspekte. So stieg die Zahl der potenziellen Kunden seit 2003 von 6 500 auf 8 100 pro Reisebüro, das durchschnittliche Umsatzpotenzial kletterte in der gleichen Zeit auf rund zwei Millionen Euro. Der Haken: Von 8 000 potenziellen Kunden nutzen nur 2 600 ein Reisebüro, um ihren Urlaub zu buchen. Hier sind die Direktbuchungen bei Fluggesellschaften, Bahn, Mietwagenunternehmen, Hotels und anderen Unterkunftsanbietern im Internet zu einer sehr ernst zu nehmenden Konkurrenz geworden. Viele Reisebüros versuchen daher selbst neben dem stationären Vertrieb mit eigenen Websites ihr Angebot multichannel zu präsentieren.

Es ist deshalb wichtig, dass sich die Agenturen noch stärker als bisher auf jene Dinge besinnen, die sie für Kunden so unentbehrlich machen. So zeigen Marktforschungsuntersuchungen, dass Reisebüro-Kunden in vielen Fällen nicht wegen dem günstigsten Preis ihren Urlaub im stationären Vertrieb buchen. Wesentlich wichtiger sind für Reisebüro-Kunden eine möglichst objektive Beratung und die Hilfe bei der Angebotsauswahl. Jeder zweite Kunde sucht die Hilfe des Counters, weil er sich damit eine Zeit- und Arbeitsersparnis bei der Suche nach dem passenden Urlaub erhofft sowie Sicherheit und Kompetenz bei einem persönlichen und kompetenten Ansprechpartner wünscht. Nicht nur mittelständische, inhabergeführte Reisebüros haben sich aus dem Markt zurückgezogen, auch die großen Reisebüroketten und Reisekonzerne haben ihr Filialnetz in den vergangenen Jahren kräftig bereinigt und viele inzwischen unrentabel gewordene Reisebüros geschlossen. Hier wirkt sich die hohe Fixkostenremanenz eines Reisebüros aus, dessen Aufwand zu rund 80 Prozent allein aus Personal-, Miet- und Technikkosten besteht, die bei starken Nachfrageeinbrüchen wie nach dem 11. September 2001 oder in der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise nicht variabel und kurzfristig genug verringert werden können.

Unter zwei Millionen Euro Umsatz unrentabel
Aufgrund der notwendigen Öffnungszeiten von acht bis zehn Stunden an sechs Wochentagen sind – inklusive Urlaubs- und Schulungsabwesenheiten – mindestens dreieinhalb Mitarbeiter erforderlich, um ein Touristik-Reisebüro zu betreiben. Bei den gegenwärtigen Provisionen, Vergütungsstrukturen und Produktivitäten liegt damit die Rentabilitätsschwelle eines derartigen Betriebs bei rund zwei Millionen Euro Umsatz. Unterhalb dieser Mindestbetriebsgröße besteht akute Existenzgefährdung. Mittelständische Einzelreisebüros sind hier etwas flexibler, wenn beispielsweise der Inhaber und gegebenenfalls andere Familienmitglieder im Betrieb mitarbeiten und keine Rücksicht auf tarifvertragliche Gehälter und Arbeitszeiten nehmen müssen oder das Büro in einer eigenen kostengünstigen Immobilie betrieben wird.

Innerhalb der Branche gibt es derzeit ein munteres Wechselspiel bei der Wahl der Zugehörigkeit zu Reisebüro-Organisationen, die Vorteile bei den Einkaufskonditionen, Provisionsvergütungen, Marketingmaßnahmen, IT- und Kommunikationskosten versprechen. So hat in den vergangenen vier Jahren fast die Hälfte aller Kooperationsmitglieder die Organisation gewechselt, in der Hoffnung, bessere Konditionen und Unterstützung im Existenzkampf zu erhalten. Doch nicht nur bei den Kooperationen herrscht hohe Fluktuation. Immer mehr Franchise-Reisebüros versuchen, den straffer werdenden Kettenverträgen zu entkommen. Der Marktanteil der Franchise-Anbieter hat seinen Zenit überschritten. Wohl auch deshalb, weil viele Kooperationen auch ohne hohe monatliche Mitgliedsgebühr und strenge Auflagen umfangreiche Service-Leistungen bieten.

Der Existenzkampf der Reisebürobranche wird weitergehen. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise wird die Marktbereinigung vermutlich beschleunigen. Experten gehen davon aus, dass der Markt immer noch mit circa 3 000 Agenturen überbesetzt ist. Auch der internationale Vergleich deutet darauf hin: In den USA gibt es in etwa genauso viele Reisebüros wie in Deutschland – bei der dreifachen Bevölkerungszahl –, und auch die 60 Millionen Briten kommen mit 4 500 Reisevermittlern auf der Insel aus.

     
Werner Sülberg
Bereichsleiter
Unternehmensentwicklung / Marktforschung Touristik der Rewe Group
Deutsches Reisebüro
Frankfurt am Main

IHK WirtschaftsForum
Oktober 2009