Wenn Kunden in die Jahre kommen

Großhandelsausschuss

Wenn Kunden in die Jahre kommen

Dem IHK-Großhandelsausschuss gehören 25 Mitglieder an. Anlässlich ihrer jüngsten Sitzung diskutierten sie branchenbezogen über die Chancen und Risiken des demografischen Wandels.

 

Kurz zusammengefasst hat der demografische Wandel in Deutschland drei Komponenten: Wir werden älter, wir werden weniger und wir werden bunter. Bis 2030 wird die Bevölkerung in Deutschland voraussichtlich um fünf Millionen Einwohner sinken und bis 2050 sogar um zwölf Millionen, obwohl die durchschnittliche Lebenserwartung von 45 Jahre (anno 1910) auf 79 Jahre (anno 2010) angestiegen ist. Einerseits steht der Großhandel vor einer alternden Kundenstruktur und andererseits zugleich vor einer alternden Mitarbeiterstruktur. Während derzeit im deutschen Groß- und Einzelhandel 4,7 Millionen Menschen beschäftigt sind, wird nach einer Prognose des Instituts für Handelsforschung in Köln die Zahl der Beschäftigten in diesen Branchen bis 2050 im Worst Case um eine Million zurückgehen. Gleichzeitig wird die kulturelle Vielfalt in Deutschland zunehmen. Aktuell haben bereits 18,6 Prozent der in Deutschland lebenden Personen einen Migrationshintergrund.

 

Der demografische Wandel hat im Großhandel nicht nur Auswirkungen auf das Produktsortiment, sondern auch auf die Distribution und die Kommunikation mit den Konsumenten sowie auf die Arbeitnehmerstruktur in der Branche. Beispiel für die Herausforderung Produktsortiment sind im Lebensmittelhandel die höheren Anforderungen älterer Menschen. Eine Mehrheit der 60- bis 79-Jährigen wünscht Produkte aus der Region, Lebensmittel ohne künstliche Zusatzstoffe und saisonale Produkte. Die richtige Zielgruppenansprache ist die zweite Herausforderung. Ein knappes Drittel der 50- bis 59-Jährigen verfügt über ein monatliches Nettoeinkommen von über 3 000 Euro. Diese sogenannten Best Ager, die sich in der Regel als treue und loyale Kunden erweisen, haben die Kaufkraft, ihre Wünsche größtenteils umzusetzen. Sie haben aber den Wunsch nach Information, Erlebnis und Genuss.

 

Die dritte Herausforderung für den Großhandel ist es, das qualitative und quantitative Beschäftigungsniveau der Mitarbeiter zu erhalten. Der Anteil der über 50-Jährigen an der Belegschaft nimmt zu. Verstärkt wird diese Tendenz durch die mangelnde Bekanntheit des Großhandels als Arbeitgeber. Mit flexiblen Arbeitszeiten für ältere Arbeitnehmer und Teilzeitmodellen stellen sich viele Großhandelsunternehmen dieser Herausforderung. Zudem streben sie gemischte Teams aus alten und jüngeren Mitarbeitern an.

Einzelne Unternehmen beziehen bei ausgewählten Projekten auch Pensionäre als Berater ein, um erworbenes Wissen und über viele Jahre erarbeitete Erfahrung zu erhalten. „Wenn nämlich alle Älteren in einem Unternehmen fehlen, dann fehlt dem Unternehmen auch Erfahrung“, erklärte Bundeskanzlerin Merkel auf dem Demografiekongress im Bundeskanzleramt am 24. April. Oder anders ausgedrückt: Die Jüngeren sind zwar schneller, aber die Alten kennen die Abkürzung.

 

Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels diskutierte der Großhandelsausschuss ausführlich die gezielte Ansprache von jungen Personen und Studienabbrechern über Anzeigen, Besuche in Schulen oder Berufsbildungsmessen sowie über alternative Karrieremöglichkeiten wie beispielsweise den Abschluss Handelsfachwirt. Als zielführend sehen die Mitglieder des Gremiums einen Mix aus jungen und älteren Mitarbeitern an, um dem Rückgang des qualitativen und quantitativen Beschäftigungsniveaus entgegenzuwirken. 

 

      

 

Autor:

Johannes Erhart

Vorsitzender, Großhandelsausschuss,

IHK Frankfurt, und persönlich haftender Gesellschafter,

Erhart, Frankfurt

hans.erhart@gc-gruppe.de

 

 

 

IHK WirtschaftsForum,

Oktober 2012