Open Source
Lohnt sich der Wechsel?

Open Source liegt im Trend. Immer mehr Unternehmen stellen ihre IT auf Open-Source-Software – auch OSS oder freie Software genannt – um. Laut den Marktforschern von TechConsult wird das Wachstum der Investitionen in die freie Software in diesem Jahr mit 24 Prozent die Wachstumsraten anderer ITK-Marktsegmente deutlich übertreffen.

Open-Source-Produkte haben inzwischen einen festen Platz in der Softwarelandschaft. Dabei brauchen sie sich laut Fraunhofer-Gesellschaft qualitativ nicht vor der kommerziellen Konkurrenz zu verstecken. Selbst die großen Anbieter herkömmli-cher Lösungen, wie IBM, Novell oder Oracle, ergänzen ihr bisheriges Produktportfolio mittlerweile mit Open Source. Und immer mehr Firmen stehen bereit, um den Anwendern quelloffener Software mittels Schulungen und Support den Wechsel so einfach wie möglich zu machen.

Unter dem Begriff Open-Source-Software werden Softwareprogramme zusammengefasst, deren Quellcode (Bauplan) frei zugänglich ist und die von einer großen Gruppe freier Programmierer weiterentwickelt werden. Dabei erfüllt die Software unter einer so genannten General Public License (GPL) folgende Kriterien:
  • Ein Programm kann für jeden Zweck genutzt werden und wird nicht durch Lizenzen eingeschränkt.
  • Kopien des Programms dürfen kostenlos verteilt werden, wobei der Quellcode mitverteilt oder dem Empfänger des Programms auf Anfrage zur Verfügung gestellt werden muss.
  • Unter der Voraussetzung der freien Verfügbarkeit des Quellcodes kann die Arbeitsweise eines Programms studiert und den eigenen Bedürfnissen angepasst werden
.
Dass Open Source mehr bedeutet als das bekannte Betriebssystem Linux, verdeutlicht ein Blick auf den Softwaremarkt: Mittlerweile existiert ein breites Spektrum an ausgereiften Anwendungen für den Unternehmenseinsatz. Dabei muss es sich nicht notwendigerweise um reine Open- Source-Lösungen handeln. In der Praxis gibt es auch Mischformen, in denen OSS mit proprietärer Software (Programme, deren Quellcode nicht frei zugänglich ist) gebündelt angeboten werden.

Insbesondere im Bereich der Web- und Application-Server hat sich Open Source fest etabliert. Dies verdeutlicht die marktbeherrschende Stellung des Webservers Apache (Programm, das Informationen über das Web bereitstellt) der Apache Software Foundation. Mit fast 70 Prozent Marktanteil dominiert er deutlich das Internet. Bei den Datenbanken wird der Markt zwar weiterhin von den kommerziellen Anbietern Oracle und Microsoft dominiert, mittlerweile lässt sich jedoch ein Trend zu Open Source erkennen. So hat sich laut Umfrage der SDTimes die freie Datenbank MySQL bereits auf Platz drei – noch vor IBMs DB2 – der meisteingesetzten Datenbanken vorgekämpft.

Mit Open Office steht den Anwendern quellcodefreier Software im Bereich der Bürosoftware eine leistungsfähige Office-Suite zur Verfügung, mit den gewohnten Komponenten wie Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentation. Auch für das Internet finden sich ausgereifte Open-Source-Anwendungen, wie beispielsweise der Webbrowser Firefox der Mozilla Foundation.

Zwar kann der Internet Explorer von Microsoft seine beherrschende Marktstellung behaupten. Mit mitt-lerweile 20 Prozent Marktanteil in Europa holt Firefox aber stetig auf. Kein Wunder, stehen diesem doch, im Gegensatz zur Konkurrenz, neben dem so genannten Tabbed Browsing (Öffnen neuer Links in separaten Registrierkarten, dies wird auch im nächsten Release des Internet Explorers implementiert sein) eine Fülle an Erweiterungen zur Verfügung. Ebenfalls von der Mozilla Foundation stammt der Open-Source-E-Mail-Client Thunderbird, dem von diversen Fachzeitschriften im Vergleich zur kostenpflichtigen Konkurrenz Vorteile im Bereich der Sicherheit zugesprochen werden.

Gerade für mittelständische Unternehmen kann sich der Wechsel zu Open Source lohnen. Denn durch den gezielten Einsatz lässt sich die Firmenkasse oft spürbar entlasten. Die Einsparungen beruhen in erster Linie auf dem Wegfall von Lizenzgebühren, die bei proprietärer Software anfallen. Ganz kostenfrei ist, entgegen der landläufigen Meinung, der Einsatz von Open-Source-Software allerdings nicht. Zum einen werden viele Programme von so genannten Distributoren vertrieben. Diese bereiten die Anwendungen einsatzfertig auf, erstellen Installationshilfen und Dokumentationen und verkaufen das Ergebnis als einfach zu installierendes Gesamtpaket (Distribution).

Zu den in Deutschland bekanntesten Distributoren zählen Suse Linux und Red Hat. Zum anderen belasten zusätzlich Schulungskosten des Personals und der Aufwand für die Anpassung von Schnittstellen zu weiteren Programmen das IT-Budget. Diese Kostenblöcke können je nach Situation ein nicht unerhebliches Ausmaß annehmen.Neben dem häufig genann-ten Kostenargument ist ein weiterer Pluspunkt von OSS ihre Anpassbarkeit. Dadurch lassen sich die Vorteile von Standardsoftware und Eigenentwicklungen kombinieren: ein bewährtes Grundprodukt, angepasst an individuelle Zwecke. Im Gegensatz zu kommerziellen Produkten muss der Anwender von Open-Source-Software nicht befürchten, in ein Abhängigkeitsverhältnis zu bestimmten Herstellern zu geraten. Denn freie Software gewährt umfassende Freiheitsrechte und damit Hersteller- und Anbieterneutralität.

Vor der Umstellung auf Open Source sollten aber auch die damit verbundenen möglichen Nachteile berücksichtigt und den Vorteilen gegenübergestellt werden. Fehlender Support durch die Entwickler ist einer davon. Im Bedarfsfall müssen kostenpflichtige Servicedienstleistungen eines Drittanbieters in Anspruch genommen werden. Mittlerweile hat sich dahingehend sogar ein eigenes Geschäftsmodell entwickelt, wie die steigende Anzahl an Serviceanbietern verdeutlicht. Eine Weiterentwicklung, ob Fehlerbeseitigung oder zusätzliche Funktionalitäten, wird von den Entwicklern freier Software nicht garantiert. Jederzeit kann das Projekt aufgegeben werden. Den im Sinne der längerfristigen Planbarkeit des Softwareeinsatzes gewünschten umfassenden Schutz gibt es allerdings auch bei kommerzieller Software nicht.

Ein weiterer Nachteil ist die mangelhafte Kompatibilität mit kommerzieller Software. In den wenigsten Fällen haben Anbieter kommerzieller Lösungen Interesse an einer Intero-perabilität mit Open-Source-Produkten und legen ihre Dateiformate und Schnittstellen nicht offen. Beispielsweise ist ein Datenaustausch zwischen Open-Source-Produkten und dem Office-Paket von Microsoft noch immer schwierig. Zur Aufrechterhaltung der Kommunikation mit Geschäftspartnern sollte diesem Punkt besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, damit niemand mit neuen Formaten verschreckt wird. Dass sich mit Open-Source-Software bereits heute komfortabel wirtschaften lässt, zeigen die Erfolge von Linux, MySQL, Apache, Firefox & Co.

Ob sich der Einsatz von OSS im Unternehmen tatsächlich lohnt oder nicht, kann nicht pauschal beantwortet werden, da sich die Rahmenbedingungen in den Unternehmen und Branchen oft erheblich voneinander unterscheiden. Vielmehr muss im Einzelfall anhand von Kosten-Nutzen-Überlegungen geprüft werden, ob sich ein Wechsel rechnet. Auf jeden Fall lohnt es sich aber, OSS als mögliche Alternative zu pro-prietärer Software in Erwägung zu ziehen.


Daniel Weichert
Fachlicher Leiter
BIEG Hessen
Frankfurtam Main


BIEG Hessen

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IHK WirtschaftsForum
Juli - August 2006