Stadt will Kreativbranche stärken
Kreativwirtschaftsbericht vorgelegt / Binnen fünf Jahren soll Frankfurt zur „Top-Adresse für Kreative“ werden

In den USA hat Richard Florida die Creative Industries, die Kreativindustrie, entdeckt und ihr flugs fast die Hälfte der Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten zugeschrieben. In Europa haben der EU-Kultusministerrat und die Bundesregierung die Kreativwirtschaft 2007 als Zukunftsmarkt ausgemacht. Wie es um diesen Sektor in Frankfurt bestellt ist, wollte die Wirtschaftsförderung mithilfe einer Studie herausfinden.

Noch ist der neue Wirtschaftszweig Kreativwirtschaft in weiten Teilen ein weißer Fleck in der deutschen Wirtschaft. Denn die Daten für diesen Wirtschaftszweig werden nur vereinzelt und zudem mit schwer vergleichbaren Parametern erhoben. Auch in Frankfurt wurde das neue Zeitalter der Kreativwirtschaft mithilfe einer Studie des Instituts für Humangeographie der Goethe-Universität aus der Taufe gehoben. Im Auftrag der städtischen Wirtschaftsförderung haben die Wissenschaftler untersucht, wie es denn um die Kreativwirtschaft in Frankfurt – ohne den Main-Taunus-Kreis und Hochtaunuskreis – bestellt ist.

Die Wissenschaftler sind, wie sie offen einräumen, schnell an Grenzen gestoßen, die noch aus dem Industriezeitalter stammen. Während es früher leicht war, die räumlichen Abgrenzungen eines Wirtschaftsbereiches in den historisch vorgegebenen Grenzen statistisch zu erfassen, ist das bei der Kreativwirtschaft sehr viel schwieriger. Zwar arbeitet sie ebenso arbeitsteilig wie die Industriewirtschaft. Doch da sie das Internet als Arbeitsplattform nutzt, kann sie ihre Arbeitsschritte über große Entfernungen hinweg organisieren. Daher haben es auch die Statistiker mit diesem neuen Wirtschaftszweig so schwer. Zum Beispiel ist über die steuerlich nicht erfassten Kleinstunternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als 17 500 Euro so gut wie nichts bekannt – obwohl sie Schätzungen zufolge etwa die Hälfte der Selbstständigen ausmachen sollen.

Noch sind nicht nur die Zahlen über die Kreativwirtschaft schwierig zu ermitteln. Selbst über die Begriffe und die einzelnen Branchen, die darunter subsumiert werden, gibt es noch keine Einigkeit. Begriffe wie Kreativwirtschaft, Kulturwirtschaft und Creative Industries werden in den Veröffentlichungen und Medien immer unterschiedlich gebraucht und beinhalten oftmals verschiedene Branchen. Meistens werden unter die Kreativwirtschaft die Branchen Architektur, bildende und darstellende Kunst, Musikwirtschaft, Buch und Pressemarkt, Design, Werbung, Filmwirtschaft sowie die Games- und Softwareentwicklung gezählt. Warum aber die Computerwirtschaft nicht dazu gezählt wird, obwohl sie doch einer der Treiber der Kreativwirtschaft ist, bleibt schleierhaft. Bestes und bekanntestes Beispiel in FrankfurtRheinMain hierfür ist das Institut für neue Medien (INM), das seit 1994 ein Treiber der Kreativwirtschaft ist.

In der Frankfurter Kreativwirtschaft arbeiteten der Untersuchung zufolge im Jahr 2006 über 38 000 Menschen. 30 000 von ihnen waren sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Wenn diese Zahl auch nahe bei den 55 000 Beschäftigten der Finanzwirtschaft liegt, weisen die Autoren der Studie, Christian Berndt, Peter Lindner und Pascal Goeke, darauf hin, dass der neue Wirtschaftszweig durch die unterschiedlichsten Beschäftigungsverhältnisse gekennzeichnet sei. Von Minijobs über Praktika bis zu Honorarkräften sind hier alle Beschäftigungsformen vertreten. Das sei auch einer der Gründe, warum die tatsächlichen Zahlen nicht genau zu ermitteln seien.

Auch bei der Zahl der Betriebe gibt es diese Lücke zwischen der Statistik und der Wirklichkeit. Mit 8 581 Betrieben läge die Kreativwirtschaft in der Mainmetropole an erster Stelle, noch vor dem Einzelhandel. Hier weist die Statistik ebenfalls Lücken auf, die nur mit Mutmaßungen gefüllt werden können. Für die Frankfurter Studie wurden die Zahlen des Literatur-, Buch- und Pressemarkts, der Musik- und Audiowirtschaft, der Film-, TV- und Videowirtschaft, der darstellenden und bildenden Künste, der Museen und Kunstausstellungen, der Unternehmen, die sich um Architektur und Design kümmern, der Werbung und PR, der Software- und Computerspielebranche sowie die Mitarbeiterzahlen der Einrichtungen, die sich mit dem „kulturellen Erbe“ befassen, also etwa dem Denkmalschutz, zusammengezählt.

Frankfurts Wirtschaftsdezernent Boris Rhein will trotz aller statistischen Probleme die Förderung der Kreativwirtschaft zu einem Schwerpunkt der städtischen Wirtschaftspolitik machen. Ziel sei es, sagte er bei der Vorstellung der Untersuchung, Frankfurt in den nächsten fünf Jahren zu „einer Top-Adresse für Kreative“ zu machen. Der Christdemokrat nannte es als eine der wichtigsten Aufgaben, das Image der Stadt Frankfurt zu verbessern oder anzupassen. Frankfurt gelte immer noch als Banken- und Finanzmetropole, obwohl die Wirtschaft in der Stadt wesentlich vielfältiger sei. Auch Standortfaktoren wie die ethnische Vielfalt und die große Liberalität der Stadt müssten beim Standortmarketing künftig stärker herausgestellt werden.

Rhein nannte als erstes Projekt den Wiedereinstieg der Stadt in die stärkere finanzielle Förderung des Festivals „Edit“ für die Post-Filmproduktion und des „VDW-Awards“, in dessen Rahmen Werbefilmproduktionen ausgezeichnet werden. Auch das Musikfestival „Sound of Frankfurt“ solle wiederbelebt werden, kündigte er an. Gemeinsam mit dem Planungsdezernenten will er darüber hinaus untersuchen, wo in der Mainmetropole ein „kreatives Viertel“ entstehen könnte. Auch die Möglichkeiten, zeitweise leer stehende Gebäude zur Zwischennutzung für Kreative zur Verfügung zu stellen, sollten abgeklärt werden. Rhein unterstrich, dass die Bereitstellung kostengünstiger Räume für junge Unternehmen eine der wichtigsten Rahmenbedingungen für ihren Erfolg sei.

Die Schaffung von sogenannten „Möglichkeitsräumen“ haben die Autoren der Studie der Stadt als eines ihrer wichtigsten Ergebnisse vorgeschlagen. Ebenso sollte Existenzgründern durch vereinfachte Verwaltungsverfahren unter die Arme gegriffen werden. Wichtig sind ihnen zudem die relativ hohen Umsätze der Kreativwirtschaft in Frankfurt, aber auch die große Zahl der geringfügig Beschäftigten, der freien Mitarbeiter und der Selbstständigen. Als Hemmschuhe für eine weitere Entwicklung der Kreativbranche nannten sie die hohen Mietkosten für Wohnungen und Büroräume in Frankfurt, die hohen Lebenshaltungskosten und den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften vor Ort. Vertreter der Werbe- und PR-Branche beschwerten sich in den Interviews zur Studie übrigens darüber, die Kommunalpolitiker ließen ihnen nicht die ihrer Meinung nach gebührende Wertschätzung zukommen.

Unabhängig von allen Begriffsbestimmungen und allen Diskussionen um die Kreativwirtschaft sieht der Geschäftsführer der Frankfurter Wirtschaftsförderung, Peter Kania, die Kreativwirtschaft pragmatisch: Für ihn ist sie „der Urschlamm, in dem Neues aus den Experimenten und Kunstwerken entsteht, sie sind somit gleichsam die Zukunfts-Scouts für eine Wirtschaftsförderung“. Kania sucht derzeit nach geeigneten Objekten, um einen „Inkubator“ für diesen speziellen Bereich der Wirtschaft zu finden, in dem den Start-ups der Kreativwirtschaft günstige Arbeits- und Büroräume für ihre ersten Gehversuche zur Verfügung gestellt werden können. Und die Wirtschaftsförderung will ein „Kompetenzzentrum“ speziell für diesen Wirtschaftsbereich aufbauen.
Bereits 2009 soll in Frankfurt ein Kongress für und über die neue Kreativwirtschaft abgehalten werden. Da die Nachbarstadt Offenbach ebenfalls einen solchen Kongress plant, könnte dies der zarte Beginn einer ersten regionalen Zusammenarbeit in einem von der Politik bisher wenig beachteten Wirtschaftsbereich werden.   


Hermann Wygoda
Reporter
Frankfurt am Main
 

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