Arbeitsmarktpotenziale
Erfolgsfaktor Teilzeit: Frauen-Expertise nutzen

Gerade mittelständische Unternehmen können das Potenzial von sehr qualifizierten Frauen durch flexible Arbeitsmodelle für sich gewinnen

Im Rahmen von Diskussionen und Studien zum Thema ‚demografischer Wandel‘ fällt immer wieder als eine Lösung das Stichwort ‚unausgeschöpfte Potenziale‘ am Arbeitsmarkt nutzen. Damit ist unter anderem auch die Gruppe von qualifizierten Frauen gemeint, die aufgrund von familiären Aufgaben bisher gar nicht, nur in geringem Maße oder nicht effektiv in die Erwerbstätigkeit eingebunden ist. Doch warum könnte gerade diese Gruppe für den Mittelstand interessant sein bzw. wie könnte der Mittelstand diese Frauen für sich begeistern und so dem sich abzeichnenden Fachkräfteengpass begegnen?

Dazu sollte man sich zunächst ein paar Fakten ins Gedächtnis rufen: ein Drittel der Arbeitsplätze in Deutschland sind in Teilzeit gestaltet, Tendenz seit Jahren zunehmend. Vier von fünf dieser Teilzeitbeschäftigten sind Frauen, insbesondere um berufliche und familiäre Verpflichtungen zu vereinbaren. Oder aus der anderen Perspektive betrachtet: drei Viertel der berufstätigen Mütter in Westdeutschland arbeiten in Teilzeit. Möchte man sich also ernsthaft mit den Möglichkeiten auseinandersetzen, qualifizierte Frauen mit Familie mehr in die Erwerbstätigkeit einzubeziehen, kommt man um das Thema der zeitlich flexiblen Arbeitsmodelle nicht herum.

Doch es geht vordergründig nicht darum, aus sozialen Überlegungen heraus Müttern die Berufstätigkeit zu ermöglichen. Es geht darum, den hohen Ausbildungsstand von Frauen und die vor der Geburt der Kinder in oft jahrelanger Berufspraxis erworbenen fachlichen und persönlichen Kompetenzen sinnvoll zu nutzen: zum einen für die Mütter als Anerkennung und Wertschätzung ihrer Qualifikationen, zum anderen für die Wirtschaft als dringend benötigte Fach- und Führungskräfte. Insbesondere für mittelständische Unternehmen könnte die Überlegung zur Ausgestaltung von Teilzeit-Stellen für Frauen mit Familie handfeste Vorteile bringen:
 
  • Bindung der eigenen Mitarbeiterinnen und damit Sicherung von Wissen und bereits ‚investierter‘ Aus- und Weiterbildung
  • Ansprache einer neuen Gruppe von potentiellen Arbeitnehmern am Arbeitsmarkt, die man durch bisherige Standard-Stellen nicht erreichen konnte („erweiterter Talent Pool“)
  • Attraktion von Leistungsträgern mit hoher Qualifikation, die man bei Vollzeit-Stellen meistens an Großunternehmen verlieren würde („War for Talent“)
  • Damit einhergehend eine Steigerung der Attraktivität als Arbeitgeber, der sich durch moderne, flexible Beschäftigungsformen profiliert
  • Bedarfsgerechter Einsatz der Mitarbeiter – ein essentieller Punkt für kleinere und mittlere Unternehmen, wenn sich das Arbeitsmodell den tatsächlichen geschäftlichen Anforderungen entsprechend anpassen lässt
  • Mit der gewährten Flexibilität einhergehend hohe Motivation und hohe Loyalität der Mitarbeiter – mit entsprechenden Wirkungen auf höhere Effektivität und geringe Fluktuation(skosten)
Dazu ein Beispiel: eine Controllerin, die jahrelang in einem namhaften Großkonzern im Controlling ausgebildet wurde und erste Karrierestufen erklommen hat, würde sich bei der Suche nach einer neuen Herausforderung in Vollzeit vermutlich auch weiterhin nur die Großunternehmen anschauen. Ganz anders dieselbe Frau, wenn sie auf der Suche nach einer Controlling-Teilzeitstelle ist: für sie zählt die Kombination aus Position (fachliche Anerkennung und interessante Aufgabe) und zeitlicher Flexibilität. Die Kriterien ‚Bekanntheit und Größe der Firma‘ verlieren an Priorität, es entscheidet die beste Möglichkeit, wichtige Rahmenfaktoren unter einen Hut zu bekommen, und damit werden durchaus auch kleinere und mittlere Unternehmen interessant. Oft sind KMUs darüber sehr erfreut, denn sie brauchen die bereits erworbene Expertise dieser Kandidatinnen, aber nicht unbedingt rechtfertigt der Aufgabenumfang eine Fünf-Tage-Stelle, sondern es reichen z.B. drei Tage für die effektive Bearbeitung des Verantwortungsbereichs.

Während viele mittelständische Unternehmen schon von Erfahrungen mit flexiblen Arbeitsmodellen profitieren, zögern andere noch aufgrund arbeitsorganisatorischer Änderungen, die flexible Arbeitsmodelle mit sich bringen. Dabei können einige praktische Grundüberlegungen zur erfolgreichen Umsetzung von Teilzeit beitragen:
 
  • Immer eine individuelle Vereinbarung bezüglich Tagen und Stunden der Anwesenheit mit der Mitarbeiterin treffen, kein vorgefertigtes Programm für alle aufsetzen
  • Aufgabenumfang und zeitliches Modell müssen zusammenpassen, d.h. Umfang, Erwartungen und Ziele genau festlegen, gegebenenfalls definieren, ob Teilaufgaben delegiert oder auf andere (externe) Stellen übertragen werden können
  • Mögliche Spielräume an zeitlicher Flexibilität von vornherein einräumen bzw. über Handhabung sprechen, aber auch über Grenzen
  • Einsatz von modernen Kommunikationsmitteln und –technologien ermöglichen (Blackberry, Zugang zu Firmendatenbanken von extern, gemeinsame virtuelle Offices bzw. Ordner etc.)
  • Notfall-Optionen auf beiden Seiten vorher durchsprechen
Zukunftsforscher haben als einen Megatrend für die nächsten Jahre die zunehmende Flexibilisierung von Arbeitsform, -ort und –zeit ausgemacht. Mittelständische Unternehmen, die sich jetzt auf qualifizierte Frauen mit Familie zubewegen werden sich nicht nur deren Qualifikationen und Leistungsbereitschaft sichern, sondern mit diesen Erfahrungen auch die Weichen für die zukünftige unternehmerische Entwicklung stellen.


Autorin

Cornelia Sengpiel
Geschäftsführende Gesellschafterin
Profiplaza GmbH & Co.KG
 
 
 
August 2010
 

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