„Gerne auch über 50“ Wie ING-DiBa und Lilly Deutschland sich auf den demografischen Wandel einstellen

Der demografische Wandel und seine Folgen werden von vielen Firmen noch unterschätzt. Die Managementberatung Capgemini befragte dazu in einer 2007 erschienenen Studie 51 der 440 umsatzstärksten deutschen Unternehmen. Das Ergebnis: Es wird zu wenig getan, um erfahrene Mitarbeiter zu halten und einzusetzen. Und das wider besseres Wissen, denn zumindest in den Personalabteilungen ist längst bekannt, dass die Verknappung qualifizierter Arbeitskräfte in den kommenden Jahren zum Problem werden kann.

Kein Wunder, dass das Hamburger Abendblatt angesichts der Capgemini-Studie resümierte, die Arbeitgeber handelten nach der Devise: „Ignorieren und Aussitzen – so schlimm wird es schon nicht werden.“ Dazu zitierte das Blatt den Bremer Professor Sven Völpel, der den Unternehmen bescheinigte, die Auseinandersetzung mit dem demografischen Wandel aufzuschieben – und zwar nicht zuletzt deshalb, weil das Management angesichts aktueller Probleme zu überlastet sei, um langfristig zu agieren.

Dabei sind gerade jetzt nachhaltige Konzepte gefragt. Wie zum Beispiel das Ausbildungsprogramm „Azubis 50+“ der Direktbank ING-DiBa, das Menschen ab 50 den Wiedereinstieg ins Berufsleben erleichtern will. Ziel der Bank ist es, „auch ältere Beschäftigte im vollen Umfang an der Qualifizierung des Unternehmens teilhaben zu lassen“, sagt Birgit Mogler, Ressortleiterin Aus- und Weiterbildung. Als Pilotprojekt startete das Programm „Azubi 50+“ in Nürnberg. Ausgebildet wurden ältere Arbeitnehmer im Ausbildungsberuf „Servicefachkraft für Dialogmarketing“. Die Ausbildung endete mit einer Abschlussprüfung bei der IHK. Diejenigen, die ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hatten, wurden direkt bei der ING-DiBa eingestellt.

Der Auftakt in Nürnberg erwies sich als so erfolgreich, dass die Direktbank das Konzept bankweit implementierte und auch an den Standorten Frankfurt und Hannover Azubis über 50 einstellte. In Hannover werden sie in neun Monaten zu Servicekräften für Dialogmarketing, in Frankfurt in zwölf Monaten zu Bankassistenten ausgebildet. Die Erfahrungen mit den „Azubis 50+“ sind positiv. „Wir erleben sie als leistungsstark, hoch motiviert, flexibel, lernfähig und verantwortungsvoll“, so Mogler.

Ziel ist lebenslanges Lernen
Sich für den demografischen Wandel fit zu machen, heißt aber nicht nur, Ältere wieder ins Berufsleben einzugliedern, sondern alle Mitarbeiter für das lebenslange Lernen zu gewinnen und ihnen Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Dafür hat die Bank das Weiterbildungs- und Entwicklungsprogramm Horizonte geschaffen. Die Mitarbeiter selbst hatten in der jährlich durchgeführten Mitarbeiterbefragung den Wunsch geäußert, sich weiterzubilden und sich besser mit anderen Abteilungen in der Bank zu vernetzen.

Grundlage jeder persönlichen Weiterbildung bleibt das Jahresgespräch zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter. Hier wird jetzt auch besprochen, welche Elemente des Horizonte-Programms der Mitarbeiter in Anspruch nehmen möchte. Das kann eine Stippvisite in einer anderen Abteilung, ein dreimonatiger befristeter Jobwechsel oder auch ein Englischkurs sein, für den jeder Beschäftigte ein Jahresbudget von 500 Euro erhält.

Einen wichtigen Baustein des Horizonte-Programms bildet die nebenberufliche Weiterbildung. An allen Standorten wird zusammen mit verschiedenen Bildungsträgern die Ausbildung zum Bankkaufmann beziehungsweise zur Bankkauffrau angeboten. Wer sich für die Weiterbildung interessiert, kann über einen Beratungsgutschein einen Termin bei der Personalabteilung buchen, um sich über Karrieremodelle oder Praktika zu informieren. „Wenn die Mitarbeiter ihre berufliche Kompetenz und ihre Fähigkeiten erweitern wollen, so kommen diese gut qualifizierten Mitarbeiter letztlich auch wieder der Bank zugute“, sagt Mogler.

Ältere bei Stellenbesetzungen erwünscht
Für die Zukunft ist die Direktbank gut aufgestellt: Der Altersdurchschnitt der Belegschaft liegt bei 36 Jahren, 15 Prozent der Mitarbeiter sind über 50 Jahre alt. Bei Stellenbesetzungen spielt das Alter keine Rolle. In Stellenanzeigen gab es schon vor dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz (AGG) keine Altersbeschränkungen, sondern die Anmerkung „gern auch über 50“. Die ING-DiBa war 2006 auch Gründungsunternehmen des Demographie Netzwerks (ddn), da sie ihre guten Erfahrungen mit älteren Mitarbeitern auch anderen Unternehmen zur Verfügung stellen und umgekehrt von den Erfahrungen anderer lernen möchte.

Lilly Deutschland ist ebenfalls Mitbegründer des Demographie Netzwerks. Der demografische Wandel macht sich auch bei dem Bad Homburger Pharmaunternehmen bereits bemerkbar: Der Altersdurchschnitt im Unternehmen liegt derzeit bei 43 Jahren. In der gegenwärtigen Krise kann sich Lilly zwar nicht über einen Mangel an Bewerbern beklagen, speziell junge Nachwuchskräfte sind aber immer schwerer zu finden.

Lilly praktiziert eine offene Unternehmenskultur, die auf dem Respekt vor den Menschen, auf Integrität und auf dem Streben nach Spitzenleistungen beruht und die keinen Unterschied zwischen Älteren und Jüngeren macht. Aus diesen Prinzipien hat Lilly ein Programm zur Chancengleichheit entwickelt. Spezielle Förderprogramme für Ältere gibt es daher nicht. Was es gibt, sind firmeninterne Angebote zur Gesundheitsförderung oder flexible Arbeitszeiten für alle Mitarbeiter, unabhängig von deren Alter. Das Grundprinzip der Chancengleichheit hat Lilly auch in sein Leistungsbeurteilungssystem integriert. In die jährlichen Beurteilungen der Mitarbeiter gehen neben quantitativen auch qualitative Aspekte ein. Bei Führungskräften liegt der qualitative Anteil der Bewertung bei 50 Prozent. Die zu bewertenden qualitativen Führungskriterien können auch zum Bestandteil von Betriebsvereinbarungen werden. Dazu Katrin Gehring-Budig, Personaldirektorin bei Lilly: „Mit diesem Instrument stellen wir sicher, dass das Verhalten unserer Führungskräfte sich an unseren traditionellen Werten orientiert. Und quasi nebenher sichern wir damit auch eine alternsgerechte Unternehmenskultur.“

     
Christine Stürtz-Deligiannis
Abteilungsleiterin Grundsatzfragen
ING-DiBa
Frankfurt am Main
Vorstandsmitglied
Ddn

IHK WirtschaftsForum
Juni 2009