"Wir zeigen, wie man erfolgreich fischt" <br>Standortfaktor Human Resources: Berufe, Profile, Perspektiven in der Beratungswirtschaft

Wissensbasierte Wertschöpfung lebt von Köpfen. Beratungsaufgaben sind vielfältig, hochkomplex, multidisziplinär und insofern nur in Teams zu bewältigen, sie haben einen hohen Technikbezug und sind entsprechend fordernd, ja spannend. Denn Berater kommen viel herum, national wie international. Und ganz gleich auf welchem Beratungsfeld man arbeitet, Berater finden sich an der Spitze der Wirtschaftsentwicklung, dort, wo Entscheidungen getroffen werden, die häufig über den engen Kreis des einzelnen Kundenunternehmens hinausweisen in Gesamtwirtschaft und Gesellschaft.

Sicherheit gibt dabei nicht die Zugehörigkeit zum eigenen Unternehmen, sondern nur die Excellence im eigenen Fachgebiet. Berater sind Intrapreneure, ihr Kapital ist die Fähigkeit zu lernen und aus dem Gelernten immer neue Schlüsse zu ziehen. Es geht nicht um das „Was“, sondern um das „Wie“: Nämlich wie Probleme eingegrenzt und in lösbare Einzelprobleme zerlegt werden können. Es geht darum, die Lösung zu planen und zu begleiten, das getrennt Erreichte wieder zusammenzuführen, so dass im Alltag der Beraterpraxis zuletzt auch die Kraft der Synthese gefragt ist. Ein Gespräch mit jungen Accenture-Consultants.


Es wird gesagt, dass man in der Beratung viel lernt, weil man viele unterschiedliche Bereiche kennen lernt. Entspricht das Ihren Erfahrungen?

Andrea Goetz: Ja, aber das ist etwas Typisches, was einem in der Beratung passiert: Man fängt an mit einem Gebiet, und wenn’s einem gefällt, bleibt man dabei, auch wenn es nicht das Eigentliche war. Andere werden unversehens zum SAP-Modulexperten, ich bin nun im Marketing / Sales-Bereich.

Leah Blessin: Ich habe BWL mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik studiert, in Praktika die Projektarbeit kennen gelernt, das fand ich spannend: die Möglichkeit, sich schnell in verschiedene, in neue Themen einzuarbeiten. So kam ich in die Beratung.

Andre Wassmann: Ich habe auch BWL studiert, aber ohne technischen Schwerpunkt. Das Berufsbild des Beraters gefiel mir, ich habe den Weg gesucht über eine Recruiting-Messe, wurde eingeladen zum Assessment-Center. So bin ich hierher gekommen und beschäftige mich mit Abläufen im Einkauf. Im Team sind IT-Spezialisten, da habe ich viel gelernt und habe auch meine Meinung geändert: IT-Beratung heißt eben nicht, dass man den Code schreibt, sondern es ist im Grunde Strategieberatung.

Nicole Goebel: Bei mir war es wieder ganz anders. Ich bin von Haus aus Touristik-Betriebswirtin, habe dann in einem Medienunternehmen angefangen. Nach dem sechsten Callcenter, das wir aufgebaut haben, wollte ich etwas anderes, was nicht immer nach dem gleichen Schema lief. Ich habe während dieser Zeit auch Berater kennen gelernt, als Kunde. Nicht gefallen haben mir die „Folienschmeißer“, deren Beratung mit der Abschlusspräsentation endet. Das Sammeln und Aufbereiten vorhandener Informationen fand ich mäßig spannend, nicht weit führend genug. Mich interessierte vielmehr, was geschieht danach, wenn die Entscheidung gefallen ist? Und so bin ich hier gelandet. Wir bauen Brücken zwischen dem Gefühl im Kundenunternehmen, es muss etwas geschehen, und dem realisierbaren Konzept. Diese Brücke sind die Ideen, die wir entwickeln, aus denen das Konzept entsteht.

Worauf kommt es bei erfolgreicher Beratung an?Goetz: Umsetzungsorientierung ist auch mir ganz wichtig. Im letzten Projekt haben wir die Stellen umgeschrieben, die Mitarbeiter gecoacht, mit ihnen die neue Organisation eingeführt. Wir haben gefragt, wie bringen wir den Leuten bei, was nun von ihnen erwartet wird. Da half, dass alle wussten, es muss sich etwas ändern, ein gewisser Leidensdruck im Unternehmen. Die Veränderung entstand in Zusammenarbeit mit dem Kunden.

Wassmann: Das ist wichtig, damit der Kunde weitermachen kann. Wir präsentieren nicht den Fisch, sondern wir zeigen, wie man erfolgreich fischt.

Blessin: Das Schönste ist, wenn der Kunde erkennt, dass wir ihm geholfen haben und uns das nächste Mal, wenn er vor einer Herausforderung steht, erneut holt. Das zeigt, dass wir richtig gearbeitet haben.


Etwas anderes: Wenn Sie eine Nichte, einen Neffen hätten, und die wollten Berater werden, was würden Sie raten?

Goetz: Soll er werden. Das ist ein unheimlich interessanter Beruf, man kommt viel rum, lernt verschiedene Unternehmenskulturen kennen. Doch würde ich auch auf die Dinge hinweisen, die zum Beraterberuf gehören, also: Wir sind meistens Montag bis Freitag unterwegs, im Hotel, sehen Freundin oder Freund ab Freitagabend 20 Uhr, und Sonntag muss man schon wieder bügeln und den Koffer packen. Viel freie Zeit bleibt da nicht.

Wie lange übt man den Beruf des Beraters in der Regel aus?

Goetz (lacht): Da gibt es verschiedene Antworten, die hängen wohl von der Person ab.

Goebel: Das Interessanteste ist wirklich die Vielfältigkeit. Nach dem Studium weiß man nicht genau, was man machen möchte. Man hat Ideen; ob sich das dann in diesem oder jenem Unternehmen bewahrheitet, weiß man nicht. In der Beratung dagegen kann man sich in unterschiedlichen Bereichen ausprobieren, kann Themenfelder auswählen. Das sind Vorteile, die ein großes Unternehmen bietet.

Blessin: Ein Vorteil ist auch, dass die Mitarbeiter gezielt gefördert werden. Es wird alles dafür getan, dass man eine Rolle kriegt, die einen weiter bringt.

Kein automatisches „up or out“?

Blessin: Natürlich muss man die Rolle übernehmen, sie ausfüllen. Wer vorankommen will, muss bereit sein zu lernen. Und flexibel sein, manchmal wird man nämlich auch bewegt. Dann muss man das tun, was erwartet wird.

Wie wichtig ist eine starke Unternehmenskultur?

Goebel: Es gibt die vielfältigen Kulturen der Kunden und unsere eigene Unternehmenskultur. Gerade wegen der vorrangigen Projektarbeit ist die Firma bestrebt, einen Zusammenhalt zwischen den Mitarbeitern zu kreieren. Gerade wegen der Projektorientierung muss das Unternehmen eine starke Kultur haben, und daneben braucht es unsere Flexibilität im Projekt. Umso wichtiger werden Loya-lität, Code, das Wertekonzept.


Inwieweit fördert diese Unternehmenskultur das Voneinander-Lernen?

Wassmann: Das Unternehmen wird geprägt durch Flexibilität, durch viele unterschiedliche Projekte. Andererseits gibt es eine Stetigkeit auf globaler Ebene, da sprechen alle dieselbe Sprache, man trifft sich und beginnt zu arbeiten. Eben das ist spannend, wenn man mit Menschen aus anderen Nationen zusammenarbeitet und es gelingt, ob im Training oder on the job, in kürzester Zeit gemeinsam Produkte zu entwickeln. Da spürt man Kernwerte, und dass sie gelebt werden.

Goetz: Irgendwo sind wir tatsächlich Speerspitze: Wir werden lebenslang lernen, werden die Basis, auf der wir arbeiten, immer wieder austauschen, werden Unternehmen, Kontexte wechseln.

Goebel: Ich bin als Quereinsteiger zur Firma gekommen und war beeindruckt von der Kultur des Sich-gegenseitig-Helfens. Ellenbogengesellschaft gilt hier nicht. Alle wissen, man hat nur dann Erfolg, wenn man im Team arbeitet. Und es ist einfach faszinierend, was an Wissen vorhanden ist und wie bereitwillig das mitgeteilt wird.

Blessin: Es gibt viele Ansprechpartner, aber zugeflogen kommt einem nichts. Wenn das Unternehmen eine Bringschuld hat, dann haben wir Jungen eine Holschuld. Jeder hat die gleichen Möglichkeiten.


Wie waren Ihre Erfahrungen als Einsteiger?

Goebel: Zuerst bekommt man kleine Aufgabenpakete, die man bearbeiten muss, diese werden anspruchsvoller, je selbstständiger man wird. Irgendwann kommt der Punkt, dass man nicht nur ein Paket übernimmt, sondern das Projekt organisiert. Dann muss man delegieren und lernen, dass man nicht alles selber macht. Sehr beeindruckt hat mich, was ich im Vorstellungsgespräch zum Thema Arbeitszeiten gehört habe: Sie steigen als Consultant bei uns ein, die Überstunden werden bezahlt. Und tatsächlich stand der Projektleiter dann hinter mir und sagte, die acht Stunden sind um, du kannst jetzt nach Hause gehen. Goetz: Wenn man Projektverantwortung übernommen hat, wird das anders. Natürlich lebt man mit dem Projekt. Aber das umso besser, je besser man das Delegieren gelernt hat.

     
Das Gespräch führten
Dr. Svenja Falk
Accenture Dienstleistungen
Kronberg im Taunus


Dr. Klaus Binder
Textkontor
Frankfurt am Main

IHK WirtschaftsForum
März 2006