„Wir brauchen Mut zum Netzwerk“<br>Ein Gespräch mit Reiner Dickmann, IHK-Vizepräsident <br>und Vorsitzender des PwC-Aufsichtsrates

Herr Dickmann, gibt es das überhaupt, einen „Beraterplatz“?

Dickmann: Ja, sicher. Ein solcher Platz hat andere Funktionen, andere Ausstrahlungen als ein Finanzplatz. Doch gibt es für Berater, nach Besetzungsdichte, Internationalität und Vielfalt des Beratungsangebots, einen Spitzenplatz in Deutschland - und der ist eindeutig Frankfurt. Stark machen diesen Platz erst in zweiter Linie die Berater, wichtiger sind die anderen Branchen wie Banken, Versicherungen, Logistikunternehmen, Telekommunikation, Medien, Pharma und Automotive. Diese produktive, zukunftsorientierte Wirtschaftsregion ist die Basis des Beraterplatzes Frankfurt.

Es gibt ihn also, den Beraterplatz Frankfurt. Hat er ein besonderes Profil?

Das ist der Mix. Wir haben hier die großen Firmen, aber wir haben auch die Spezialisten für einzelne Themen, Branchen, für internationale Märkte. Das ist wichtig für die Großprojekte, die von der Wirtschaft immer mehr gefordert werden. Sie können in Frankfurt vor Ort bearbeitet werden, weil man auf engem Raum sehr schnell die für ein Projekt notwendigen Experten zusammenziehen kann. Und die Teams können rasch ausschwärmen in die Betriebsstätten der Kunden, ins In- und Ausland.

Was für die dichte Besetzung des Standorts, die Vielfalt des hier abrufbaren Expertenwissens spricht.

Ohne Zweifel. Die freiberuflich Tätigen nicht mitgerechnet, haben wir hier ungefähr 19000 Beratungsfirmen, eine breite Vielfalt der Expertise: Sicherheit, Personal, Finanzierung, Marketing, Wirtschaftsprüfung, Zukunftsforscher, eine sehr heterogene Szene also. Wir müssen die Chancen nutzen, die in der immer weiteren Spezialisierung liegen.

Das ist eine Aufgabe, die Sie sich auch im Beraterausschuss der IHK Frankfurt vorgenommen haben.

Wir wollen multidisziplinär arbeiten. Und zwar nicht nur in der Branche, wir wollen auch die Kontakte zu den anderen Fachausschüssen ausbauen, zum Bankenausschuss, zum KMU-Ausschuss und Industrieausschuss. Es gibt Themen, die über Branchengrenzen hinweg alle berühren. Und keiner ist in der Lage, eines dieser Themen von A bis Z alleine anzugehen.

Welche Themen sind das?

Wir haben uns zunächst auf fünf verständigt: Existenzgründung und -sicherung, Nachfolgeregelung, Unternehmenskrisen, Finanzierung für den Mittelstand und Zukunft der Beratung. Wie wird sich der Beratungsbedarf ändern, was werden zukünftige Themen unserer Kunden sein, wie müssen wir uns aufstellen, wie kooperieren? Keine unwichtige Frage: Womit werden wir in Zukunft Geld verdienen? Schließlich wird das Wirtschaftsgeschehen immer komplexer, auch die Rahmenbedingungen ändern sich ständig.

Auch international, die Regularien der EU, Basel II?

Viele beklagen sich darüber. Ich sehe das vor allem als Chance. Natürlich müssen wir uns mit der Risikosteuerung befassen, viel mehr aber mit den Chancen, mit Chancensteuerung. Allein mit Konzeptentwickeln wird es in Zukunft nicht mehr getan sein. Man wird den Konzeptentwickler fragen: Bist du auch bereit, für die Umsetzung Verantwortung zu übernehmen, für die Betreuung nach Konzepteinführung?

Das läuft auf Projektsteuerung hinaus: Man muss die verschiedenen Kompetenzen an einen Tisch holen, ihre Zusammenarbeit moderieren. Doch Berater, die in einem Projekt Partner sind, werden an anderer Stelle Konkurrenten sein. Verträgt sich das?

Ich möchte darauf hinarbeiten, dass wir die Angst vor dem Kollegen verlieren. In unseren Arbeitskreisen machen wir die Erfahrung, dass die anderen Partner sehr spezielle Erfahrungen mitbringen, Erfahrungen, die ein einzelner Berater in der Kürze der Projektzeiten gar nicht aufbauen kann. Kooperative Projekte sind Zweckgemeinschaften, die nach getaner Arbeit wieder auseinander gehen. Dann haben nicht nur alle von allen gelernt, sondern man weiß auch, auf wen man sich beim nächsten Projekt verlassen kann.

Wie geht das zu, die Akquise von Beratungsaufträgen?

Der größte Teil unserer Aufträge entsteht durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Erfolgreich durchgeführte Projekte sprechen sich herum. Kunden reden miteinander. Das macht Netzwerke so wichtig. Und die Wirtschaftsregion Frankfurt-RheinMain ist ein Netzwerk, das funktioniert, ein Netzwerk mit Ausstrahlung bis ins Ausland. Nehmen wir nur die Kontakte zwischen Banken und Unternehmen, Beiräten, Aufsichtsräten; nehmen wir die Messen und Kongresse in Frankfurt, die zahlreichen gesellschaftlichen und kulturellen Ereignisse – alles Orte des Austauschs, des Kontakte-Knüpfens. Bei solchen Zusammenkünften der Wirtschaft kann der Berater, wenn er seine Antennen richtig ausfährt, Kontakte knüpfen, sich über wichtige Entwicklungen informieren. So entstehen Geschäftsideen und Geschäftsbeziehungen.

Es hat sich im Beratungsgeschäft viel verändert - auch das Bild des „idealen Beraters“?

Wir brauchen den Blick für mittel- bis langfristige Entwicklungen in den Branchen. Unsere Unternehmen haben die Cost-Cutting-Potenziale ausgereizt. Sie müssen sich jetzt mit der Steuerung von Innovationsprozessen befassen. Wie sind neue Produkte, neue Leistungen auf die Märkte zu bringen? Wer kann mir dabei helfen, Innovationsprozesse zu strukturieren?

Der Blick ändert sich: vom ex post des Prüfens und Analysierens zum ex ante des Gestaltens?

Dabei geht es um Chancensteuerung. Auch unser Haus lässt sich von einem Zukunftsexperten beraten. Prüfer wie Berater sollten der Wirtschaftsentwicklung stets einen Schritt voraus sein. Der Berater hat den Vorteil, dass er Entwicklungen schnell aufnimmt und sie seinen Kunden weitervermitteln kann. Diese Zukunftsberatung hat noch einen weiteren wichtigen Aspekt. Man muss aus dem Alltagsgeschäft, der Routine herauskommen, wenn man den Kopf frei haben will für andere, vielleicht wesentlichere Dinge. Und dafür braucht man einen Sparringspartner.

Das wäre wohl auch das beste Argument, den notorisch beratungsresistenten Mittelstand davon zu überzeugen, dass sich Beratung lohnt.

Das stärkste Argument. Wir arbeiten daran, das noch besser zu vermitteln. Was wir brauchen, ist Mut zum Netzwerk. Wenn ich ko-operationsfähig werden will, muss ich mir zunächst einmal selbst klar machen, welche Kompetenzen ich habe, welche ich zusätzlich brauche. Dann: Wo finde ich Geschäftspartner, die mitziehen? Wie kommt man ins Gespräch? Gewöhnlich schimpft der Banker über den Mittelständler, dass er sich nicht auf neue Entwicklungen einstellt. Dann setzt es Seitenhiebe gegen die Berater, die angeblich zu unkritisch Mittelstandsinteressen vertreten. Umgekehrt moniert der Mittelständler den mangelnden Vermittlungserfolg des Beraters, wenn er keinen Kredit bekommen hat. Und so weiter. Jeder sieht den Balken im Auge des anderen. Da müssen wir ansetzen.

Um tatsächlich zu Kooperationen zu gelangen, die Disziplinen und Branchen übergreifen?

Wir wollen Transparenz herstellen, und auf diesem Weg Vertrauen. Alle Projekte laufen über längere Zeit, und zwischen Anfang und Ende stehen viele Teilprozesse mit ebenso vielen Beteiligten. Diese Schritte samt zugehöriger Expertise müssen zusammengeführt werden, im Blick auf das Ganze, auf Interessen und Erfolgserwartungen der Kunden. So können vernünftige Projektabläufe und -strukturen formuliert werden. Wir wollen alle ins Boot holen, von Anfang an. Ich denke, mit diesem multidisziplinären Ansatz können wir Beratungsresistenz auflösen, Teamwork sichern und ganz neue Methoden generieren. Und transparente Strukturen sind ein erster Schritt zur Qualitätskontrolle für Beratungstätigkeiten.

In den Zeitungen war vor kurzem zu lesen, dass „die Großen“ wieder einstellen: Geht es der Branche besser als vor zwei Jahren?

Ja. Erstens ist die Phase vorbei, in der wir nach den üppigen Neunzigerjahren mit den Großprojekten um Euro, Millennium und New Economy Überkapazitäten abspecken mussten. Zweitens stellen große und mittlere Unternehmen stets mehr Nachwuchskräfte ein, als sie langfristig beschäftigen können. Wir sind typische Ausbildungsbetriebe und wissen, dass Hochschulabsolventen den Beratungsjob als Einstieg nehmen, um Erfahrungen zu sammeln, mit denen sie sich später selbstständig machen können oder in die Wirtschaft gehen. Solche Trennungen erfolgen nicht aus Ärger, sondern weil sich junge Mitarbeiter häufig neu orientieren wollen. Drittens hatten wir bis vor zwei Jahren vor allem im Bereich Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung große Schwierigkeiten, gute Leute zu finden. Das hat sich geändert. Zur Zeit des Hype wurden Leute zu Finanzvorständen in Start-Ups, die gerade mal zwei, drei Jahre Berufserfahrung hatten. Dass das nicht ausreicht, hat sich gezeigt. Insofern sind unsere Angebote auch wieder attraktiv, als reale Startchance.

Alles zusammengenommen bietet der Beraterplatz gerade Berufsanfängern besondere Chancen?

Ja. Junge Menschen aus allen Teilen Deutschlands und dem Ausland kommen hierher und fühlen sich hier sehr, sehr wohl. Nicht nur der beruflichen Chancen wegen, auch weil Frankfurt samt Umgebung ein sehr angenehmer Platz zum Leben ist. Die Vorurteile gegen Frankfurt – bevor man es kennen gelernt hat – sind wohl vor allem ein innerdeutsches Problem. Ausländer haben sie weniger – sie kommen gern, viele bleiben auch. Und die Berater sind eine Gruppe, die sich trifft. Es gibt genügend Gelegenheiten, zwanglos zusammenzukommen, sich auszutauschen. Denken Sie an den Marathon, an den Chase Manhattan-Lauf. Dieser Austausch ist wichtig, auch über Branchengrenzen hinweg. Doch auch aus anderen, nicht beruflichen Gründen lernt man sich in Frankfurt leicht kennen: Und das Schöne ist, in Frankfurt funktioniert das nicht nur unter den Ausländern, sondern auch zwischen Deutschen und Ausländern.
Frankfurt ist einfach eine offene Stadt.

Diese Offenheit zeigt sich inzwischen sogar in der Architektur von Beratungshäusern. Denn das sind eher komfortable Konferenz-Zentren, transparente Orte der Begegnung, als abgeschottete Ansammlungen von Büros.

Frankfurt ist ein allseits beliebter Ort für geschäftliche Treffen. Auch Mandanten kommen gerne zu uns nach Frankfurt. Man sieht einfach gerne andere Tapeten. Es gibt genügend Anlässe, Mandanten nach Frankfurt einzuladen und ihnen ein unvergessliches Erlebnis zu bereiten. Man kann niemanden für drei, vier Tage hier von morgens bis abends durch einen Beratungsmarathon treiben, ohne zugleich für Entspannung, für Gelegenheiten zu sorgen, in denen man sich jenseits des Geschäfts in persönlichen Gesprächen besser kennen lernt. Besser als in Frankfurt kann das kaum gehen.

      
Das Gespräch führten
IHK Frankfurt am Main
Starthilfe und Unternehmensförderung

Dr. Klaus Binder
Textkontor
Frankfurt am Main


Reiner Dickmann, IHK-Vizepräsident und Vorsitzender des PwC-Aufsichtsrates: „Prüfer wie Berater sollten der Wirtschaftsentwicklung stets einen Schritt voraus sein.“

Reiner Dickmann, IHK-Vizepräsident und Vorsitzender des PwC-Aufsichtsrates: „Wir müssen uns mit der Risikosteuerung befassen, viel mehr aber mit Chancensteuerung. Allein mit Konzeptentwickeln wird es in Zukunft nicht mehr getan sein.“

Fotos: Gabriele Guha
IHK WirtschaftsForum
März 2006