Serie Existenzgründung: Ein gelungener Rollentausch

Serie Existenzgründung Eselsohr 03|15

Jede Existenzgründung birgt eine individuelle Geschichte in sich. Die Unternehmensgründung von Grischa Götz ist dabei gleichzeitig die Geschichte einer Unternehmensnachfolge. Sie übernahm im Juli 2012 die Kinder- und Jugendbuchhandlung Eselsohr in Frankfurt-Bockenheim.

 

Die Kinder- und Jugendbuchhandlung Eselsohr ist seit über 30 Jahren eine Institution im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Das traditionsreiche Buchgeschäft hat mit seinem nostalgischen Charme, den knarrenden Dielen und den gemütlichen Sitzecken eine ganz eigene Atmosphäre. 1982 gründete Ulrike Boessneck-Voigt den Laden mit viel Liebe und Engagement. Dieselbe Leidenschaft und Einsatzbereitschaft erwartete die Buchhändlerin von ihrer Nachfolgerin. Sie musste nicht lange überlegen, Grischa Götz zu fragen, die bereits seit 2002 zur Eselsohr-Familie gehört.

 

Leidenschaft für Kinder- und Jugendliteratur

 

Götz wollte nach dem Abitur ursprünglich Psychologie studieren. Da der Andrang auf einen Studienplatz in diesem Fach sehr groß war, hat sie zunächst eine Ausbildung als Buchhändlerin gemacht, um die Wartezeit auf den Studienplatz sinnvoll zu überbrücken. Den praktischen Teil der dualen Ausbildung absolvierte sie bei „Schwarz auf Weiß“ in Viernheim, den theoretischen Teil auf der Buchhändlerschule in Frankfurt. Während der Ausbildung entdeckte sie ihre Leidenschaft für Kinder- und Jugendliteratur. Daher entschied sie sich nach ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin gegen ein Psychologiestudium und für ein Germanistikstudium an der Goethe-Universität in Frankfurt mit den Schwerpunkten neuere deutsche Literatur sowie Kinder- und Jugendliteratur. Psychologie und Pädagogik belegte sie in den Nebenfächern.

 

Der Kontakt zur Buchhandlung Eselsohr entstand durch verschiedene Praktika bei namhaften Verlagen vor und während ihres Studiums. Seitdem arbeitet Götz in der Buchhandlung, zuerst als Aushilfe neben ihrem Studium, dann zwei Jahre als Festangestellte nach ihrem Magisterabschluss und nun als Inhaberin. Die Kombination aus einer praktischen und theoretischen Ausbildung – gepaart mit der Passion für Kinder- und Jugendliteratur – überzeugte ­Boessneck-Voigt auf ganzer Linie. Seit Juli 2012 ist Götz nun die neue Inhaberin der Buchhandlung Eselsohr, die sich von Anfang an auf Kinder- und Jugendbücher spezialisiert hat, jedoch auch ausgewählte Spiele und Spielwaren verkauft, Veranstaltungen organisiert und zudem Bestellbuchhandlung ist.

 

Unbekanntere Hersteller und Verlage im Programm

 

Die angebotenen Produkte werden von Götz und ihrem sechsköpfigen Team, in dem auch die Gründerin weiterhin mitarbeitet, ausgesucht. Das bedeutet, Individualität und Qualität der angebotenen Produkte haben für sie einen hohen Stellenwert. Um das Sortiment einzigartig und besonders zu gestalten, hat die Buchhandlung bewusst auch viele kleinere, unbekanntere Hersteller und Verlage im Programm. „Ziel ist es, Sachen zu führen, die man woanders nicht bekommt“, erzählt Götz.

 

Dieses Konzept geht auf. Eselsohr ist über die Stadtgrenzen Frankfurts hinaus bekannt und verfügt über einen großen Stammkundenkreis. Durch Veranstaltungen wie Lesenachmittage mit Kinderbuchautoren, Lesekreise, in denen sich Kinder über verschiedene Bücher austauschen können, oder Kooperationen mit Kindergärten, gelingt es Grischa Götz, den Kreis immer weiter auszubauen. Um auf die Angebote aufmerksam zu machen, nutzt sie viele Kommunikationswege, wie beispielsweise Flyer und Plakate, die eigene Homepage, soziale Netzwerke oder Newsletter. Neben der Verkaufstätigkeit im Laden ist auch die Kontaktpflege mit Verlagen, Autoren, Mitbewerbern und Einrichtungen ein fester Bestandteil ihrer täglicher Arbeit.

 

Auch wenn sie heute ihrem Beruf mit großer Begeisterung nachgeht, war ihr der Weg in die Selbstständigkeit nicht von Anfang an klar und später auch nicht immer einfach. Götz war es wichtig, das erlernte, praktische Wissen aus der Buchhändlerausbildung mit den theoretischen Ansätzen aus der akademischen Ausbildung zu vereinen.

 

Übernahme des Ladens

 

Ihr großer Wunsch war es zunächst, als Lektorin zu arbeiten. Bei der Arbeit im Verlag vermisste sie jedoch den täglichen Umgang mit Menschen. Götz beschreibt sich selber als „kontaktfreudiger Kundenmensch, der die Vielfalt und den Überblick mag“. Deshalb verwarf sie den Gedanken, als Lektorin für einen spezifischen Verlag zu arbeiten, schnell, genauso wie die Überlegung, nach dem Magisterabschluss zu promovieren. Als dann das Angebot für die Übernahme des Ladens von Boessneck-Voigt kam, musste sie nicht lange überlegen. „Es war klar, wenn ich im Buchhandel bleibe, mache ich mich selbstständig. Erst in der Findungsphase entstand der Traum zur eigenen Buchhaltung, der durch das Angebot dann real wurde“, so Götz.

 

Neben der finanziellen Komponente waren auch die zwischenmenschlichen Aspekte eine Herausforderung für Götz auf dem Weg in die Selbstständigkeit. An das Delegieren von Aufgaben, den Rollentausch mit der ehemaligen Chefin, das Führen von Mitarbeitern sowie daran, die komplette Verantwortung für einen eigenen Laden zu übernehmen, musste sie sich erst gewöhnen. Zusätzlich spielten natürlich auch wirtschaftliche Gesichtspunkte eine wichtige Rolle, da das Aufnehmen eines Kredits, die Gespräche bei Banken und das Informieren über weitere Zuschüsse ebenfalls neu für sie waren. Gerade die Finanzierung erwies sich als unerwartet schwierig. „Es ist schon so, dass einem als Gründer auch Steine in den Weg gelegt werden können. Und der Buchhandel ist leider nicht die Branche, die großzügig Kredite bekommt“, sagt Götz. Nach einer ersten Ablehnung kamen schließlich zwei Zusagen von Banken für den Kfw-Gründerkredit. „Letzten Endes hat mich aber auch ein privater Kredit von der Familie und Freunden gerettet, sodass ich nicht voll auf die Bankenfinanzierung angewiesen war“, erzählt die Buchhändlerin.

 

Eine bunte Mischung

 

Für Götz haben sich die Anstrengungen trotz aller Hindernisse gelohnt. Die nostalgischen Räumlichkeiten, die langjährige Zusammenarbeit mit den Kollegen, das liebevoll zusammengestellte Spielwarensortiment, die treuen Stammkunden, das breite Angebot an Veranstaltungen ergeben eine bunte Mischung, die für den Erfolg des Ladens steht. „Das Schönste an meinem Job sind positive Rückmeldungen der Kunden, denn dann wird der Erfolg spürbar“, so Götz.

 

Für die Zukunft von Eselsohr wünscht sich Grischa Götz weiterhin eine gute und erfolgreiche Entwicklung. Natürlich sind die Online-Buchhandlungen große Konkurrenten. Dennoch glaubt die Buchhändlerin fest an das Konzept des Ladens, was auch die steigenden Umsatzzahlen belegen: „Ich hoffe, dass die kleine Oase in einer Zeit der Schnelllebigkeit noch lange erhalten bleibt.“

 

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