Serie Existenzgründung: Vom Drahtesel zum Smartbike

Serie Existenzgründung 11|15

Andreas Gahlert lebt nach dem Motto „Nicht lange fackeln, sondern machen“. Will heißen: Wenn der Gründer von Cobi eine Idee hat, setzt er sie am liebsten selber um. So entstand die Vision zu einem intelligenten Drahtesel.

 

Angefangen hat alles mit einer Radtour durch den Taunus. An­dreas Gahlert wunderte sich dabei über seinen vollgepackten Lenker. Navigation, Klingel, Licht, alles muss einzeln am Rad befestigt werden, nimmt Platz weg und ist nicht miteinander verbunden. Manch einer hätte sich damit zufriedengegeben, diesen Zustand zu konstatieren. Nicht so Gahlert: Seine Überlegungen brachten ihn dazu, sich selber um eine Lösung des Problems zu bemühen.

Dabei hatte der 47-Jährige sich gerade eine Auszeit genommen, nachdem er nach dem Exit seiner Agentur Neue Digitale / Razorfish ausgestiegen war. Doch Füßehochlegen passt nicht zu Gahlert, wie er selber sagt: „Ich muss mir die Hände dreckig machen.“ Also nahm der Wirtschaftsingenieur kurzerhand eigenes Geld in die Hand, um erste Markt-, Design- und Machbarkeitsstudien für seine Vision vom vernetzten Fahrrad in Auftrag zu geben.

 

Fahrradfahren neu organisiert

 

Die Grundidee ist einfach: Eine Anwendung soll den Lenker aufräumen und das Fahrrad intelligenter machen. Kurz gesagt: Der Drahtesel soll zum Smartbike werden. Die Recherche ergab, dass es noch keinen Anbieter für eine solche Anwendung gab. Zwar gab es Bordcomputer für Fahrräder, die aber nur einige wenige Funktionen in sich vereinten. Außerdem fehlte diesen Anwendungen laut Gahlert die Intelligenz im Radsystem. Die Aussichten für diesen Markt waren also vielversprechend und deuteten darauf hin, dass schnelles Wachstum möglich ist. Rund 60 000 Euro gab Gahlert für die ersten Feldstudien aus.

 

Früh übt sich

 

Geholfen hat Gahlert bei alldem seine große Erfahrung als Unternehmer. Bereits mit 16 Jahren gründete er seine erste eigene Firma, mit 20 kam die zweite dazu. Bis zur Gründung von Cobi hatte Gahlert bereits neun Unternehmen gegründet. Allerdings hatten alle seine Gründungen bisher klein angefangen und nur Cobi sei von Anfang an groß gestartet, erklärt er.

Der Schwerpunkt bei den bisherigen Gründungen lag im Agenturbereich, eine seiner erfolgreichsten Gründungen war die Neue Digitale, die an die internationale Agentur Razorfish verkauft wurde. Einer der Hauptkunden dort war Audi, ein Themenschwerpunkt war Connected Drive, also das intelligent vernetzte Fahrzeug. Diese Erfahrung war also die ideale Voraussetzung für das Connected Biking, das Gahlert nun realisieren will. Die Technik gibt der Firma ihren Namen: Cobi ist die Abkürzung für Connected Biking.

 

Der Drahtesel mit Connection

 

Doch was steckt hinter dem Begriff Connected Biking? Vor allem der Wunsch nach einem intelligenteren Fahrerlebnis: „Cobi verheiratet die Smartphone-Welt mit der Fahrradwelt“, so Gahlert. Das System integriert dabei sechs Geräte in einem designorientierten Produkt. Im Grunde handelt es sich um eine Smartphonehalterung mit Ladefunktion. Darin versteckt sind ein Licht, ein Fahrradcomputer, eine Klingel, eine Alarmanlage und eine Navigationsfunktion. Die Software ist die größte Stärke und hat mehr als 100 Features, wie beispielsweise eine Freisprechanlage und eine Musiksteuerung. Damit leiste Cobi einen Beitrag zu Komfort und Sicherheit, weil beide Hände am Lenkrad bleiben. Die Steuerung ist ganz einfach mit einem Daumen möglich. „Cobi ist die Steuerzentrale, das Cockpit des Fahrrads“, erklärt Gahlert. Außerdem sind mehrere Schnittstellen möglich, beispielsweise zur Apple iWatch oder zu Pulsfrequenzmessern.

 

Der offizielle Start

 

Ab April 2014 ging dann alles ganz schnell, als die ersten Investoren, hauptsächlich Business Angels, an Bord kamen. „Die Grundlage dafür war eigentlich nur eine Power-Point-Präsentation“, so Gahlert. Hinzu kam die erste Visualisierung eines Industriedesigners. Bereits einen Monat später erfolgte die offizielle Gründung von Cobi. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits drei Ex-Kollegen mit an Bord, die als Kogründer den Start unterstützten. Durch die Investoren war bereits eine halbe Million Euro zusammengesammelt. Für diesen großen Anfangserfolg hat Gahlert auch eine Erklärung: „Mit Konsumgütern kommen Gründer oft leichter an Investoren, weil man von Anfang an etwas Greifbares hat.“

Allerdings war auch gleich zu Beginn klar, dass der Hardware-Anteil eine große finanzielle Belastung mitbringen wird. Um eine neue Hardware auf den Markt zu bringen, brauche es Millionenbeträge. So kamen zu den Investoren noch weitere Maßnahmen hinzu, um an Geld zu kommen. Auf Kickstarter, einer der größten Crowdfunding-Plattformen der Welt, startete Cobi eine Kampagne. Dadurch kamen rund 400 000 Euro zusammen. Dieser Erfolg löste eine Lawine aus: Cobi erhielt 400 Anfragen aus der Industrie und pro Tag 200 Kundenanfragen. Das lockte weitere Investoren an. Im März kamen vier Millionen Euro von Venture-Capital-Gesellschaften dazu. Und auch der Erfolg bei diversen Gründerpreisen spricht Bände.

​​Serie Existenzgründung Team 11|15

Inzwischen ist das Unter­nehmen vom vierköpfigen Grün­dungsteam auf 40 Mitarbeiter gewachsen und musste aus Kapazitätsgründen bereits viermal umziehen. Das stellt einen Frankfurter Gründer vor einige Probleme: „In Frankfurt sind Raumvermietungen unter drei Jahren kaum zu bekommen.“ Auch bei der Förderung durch Stadt und Land sieht er noch Verbesserungspotenzial, schließlich seien Förderprogramme mit 100 Prozent Sicherheit kaum zu schaffen für ein Start-up. Durch solche Hindernisse gehe einem neu gegründeten Unternehmen viel Zeit verloren. Dennoch kommt ein Umzug, zum Beispiel in die Gründerhauptstadt Berlin, nicht infrage, da Gahlert familiär im Taunus verwurzelt ist.

In den nächsten Monaten steht für Cobi noch einiges an. Im März soll das Produkt auf den Markt kommen. Die Vorbestellungen liegen bereits im unteren fünfstelligen Bereich. Zunächst startet das System in Europa, Amerika und in Kanada, Asien soll noch folgen. Und die Mitarbeiterzahl wird weiter wachsen, von derzeit 40 auf 100 Mitarbeiter im Jahr 2016. Neue Geschäftsfelder werden hinzukommen: Lieferdienste, Kurierdienste, Bike-Sharing. Doch die größte Herausforderung steht noch aus: „Erst einmal muss das Produkt am Markt bestehen.“   

 

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