Banken stärken den Finanzplatz Frankfurt

Die Finanzkrise hinterlässt ihre Spuren: Die neuen, schärferen Regulierungsvorschriften und das anhaltend schwierige Marktumfeld haben Banken dazu gezwungen, ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand zu stellen und neu auszurichten. Dieser Entwicklung können sich auch die Akteure am Finanzplatz Frankfurt nicht entziehen. Allerdings spricht einiges dafür, dass der Beschäftigungsabbau an Deutschlands führendem Finanzzentrum moderater ausfällt als andernorts. Ein Grund hierfür ist, dass am Finanzplatz Frankfurt realwirtschaftlich orientierte beziehungsweise im Rahmen von Verbünden arbeitende Banken einen großen Stellenwert haben.

 

Die Finanzkrise hat eine Regulierungswelle in bisher ungekanntem Umfang angestoßen. Die Liste der Veränderungen ist lang. Die neuen regulatorischen Anforderungen umfassen viele Aspekte, die sich für Finanzinstitute in höheren Kosten niederschlagen: Die quantitativen und qualitativen Anforderungen an das Eigenkapital steigen. Parallel wird eine höhere Qualität der Wertpapiere zur Liquiditätssteuerung eingefordert. Dies alles kostet Geld und die Überwälzbarkeit dieser Kosten dürfte kaum möglich sein. Die Rentabilität der Institute wird entsprechend geschwächt.

 

Neben den genannten Regulierungsmaßnahmen belasten bereits heute Bankenabgabe und die ständig steigenden Bankstrukturkosten die Branche. Sie erhöhen den Kostendruck und verkleinern den Spielraum zur Thesaurierung des dringend benötigten Eigenkapitals. Sie stehen damit dem Ziel entgegen, dass Banken sich aus eigener Kraft heraus stärken. Zusätzlich belastend wirkt die Diskussion um die Einführung eines Trennbankensystems oder auch die geplante Finanztransaktionssteuer. Im Zuge dieser vielschichtigen Veränderungen sind alle Finanzinstitute gehalten, ihre Geschäftsmodelle zu prüfen und anzupassen.

 

Es ist mittlerweile unbestritten, dass insbesondere an der Realwirtschaft ausgerichtete Geschäftsmodelle nachhaltig erfolgreich und krisenresistent sind. Indikatoren eines solchen Geschäftsmodells sind hohe Anteile des Kunden- und auch des Verbundgeschäfts am Bilanz- und Ertragsprofil einer Bank. Im Zuge ihrer Umstrukturierungsmaßnahmen und Geschäftsmodellanpassungen setzen zahlreiche Institute deshalb verstärkt auf das Geschäft mit großen und mittelständischen Firmenkunden sowie auf das Privatkundengeschäft, insbesondere im Inland und in ausgewählten Kernregionen. Diese Ausrichtung ist naheliegend und nachvollziehbar, birgt aber auch Risiken. Denn selbst in Deutschland – dem Land des Mittelstands – dürfte das Geschäftspotenzial in diesem Segment kaum ausreichen, um alle Kreditinstitute geschäftlich zu alimentieren, die sich jetzt neu auf das regionale Mittelstandsgeschäft konzentrieren.

 

Abgesehen von der Ausrichtung der Geschäftsmodelle bedeutet realwirtschaftliche Orientierung auch, dass sich die Wachstumsraten des Finanzsektors an denen der Realwirtschaft zu orientieren haben. Bestehen hier dauerhafte Divergenzen, liegt eine Entkoppelung und Verselbstständigung des Finanzsektors vor. Es besteht gesellschaftlicher Konsens, dass ein solcher Rückfall in Zeiten vor Ausbruch der Finanzmarktkrise nicht wünschenswert ist.

 

Diesem Ansinnen läuft die aktuelle Diskussion um die Einführung eines Trennbankensystems zuwider: Das Universalbankensystem ist mit der deutschen Wirtschaft historisch gewachsen. Hausbankprinzip und Universalbank gehen Hand in Hand. Sie sind die Voraussetzung für ein breites, differenziertes und kundenorientiertes Angebot von Finanzprodukten und Finanzdienstleistungen. Eingriffe in diese Geschäftsmodelle würden die Funktionsfähigkeit der deutschen Kreditwirtschaft und damit auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen beeinträchtigen. Der aktuelle Gesetzesentwurf berücksichtigt darüber hinaus nicht ausreichend die besonderen Strukturen von Verbundsystemen. Bewährte stabile und arbeitsteilige Verbundstrukturen werden infrage gestellt. Diese Ausgestaltung des Gesetzesentwurfs ist mit der Forderung nach einem stärker realwirtschaftlich orientierten Finanzsektor wohl kaum in Einklang zu bringen. Betroffen hiervon sind die genossenschaftlichen Verbünde genauso wie die Verbundzusammenarbeit im Sparkassen- und Landesbankensektor.

 

Realwirtschaftlich ausgerichtete und in Verbünden organisierte Institute mit Bezug auf das Corporate- und das Private Banking sind für den Finanzplatz Frankfurt von besonderer Bedeutung. Schließlich gilt Frankfurt traditionell als das deutsche Zentrum für das Kreditgeschäft. In dieser Fokussierung ist unter anderem auch begründet, dass der Beschäftigungsabbau im Bankensektor in Frankfurt moderater verläuft als beispielsweise im Investmentbanking-Zentrum London. Für die Mainmetropole erwartet die Helaba, dass die Zahl der Bankbeschäftigten bis 2014 nur rund drei Prozent unter dem Höchststand von 2008 liegen dürfte. In London dagegen ist vor allem aufgrund der Rückführung des Investmentbankings die Zahl der im Finanzgewerbe Beschäftigten zwischen 2007 und 2012 bereits um rund ein Drittel zurückgegangen. Frankfurt profitiert aktuell auch davon, dass die anhaltende Konsolidierung im Bankensektor mit der verstärkten Konzentration von Geschäftsaktivitäten auf den Standort Frankfurt einhergeht. Parallel steigt aufgrund der sich verschärfenden aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen der Bedarf an hoch qualifizierten Fachkräften, zum Beispiel im Risikomanagement.

 

Eine große Chance für den Finanzplatz Frankfurt ist die Schaffung einer einheitlichen Bankenaufsicht unter dem Dach der Europäischen Zentralbank (EZB). Frankfurt avanciert damit zum Zentrum der europäischen Geld- und Bankenpolitik und könnte so im internationalen Standortwettbewerb weiter Boden gutmachen. Nach ersten Schätzungen dürften mittelfristig bis zu 2 000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen.

 

Die stark international getriebene Regulierungswelle setzt nicht nur die Leitplanken für die Neuausrichtung von Geschäftsmodellen. Sie ist auch maßgeblich für die künftige Positionierung und den Erfolg von Finanzplätzen. Nicht zu unterschätzen ist deshalb die nachteilige Wirkung der Ausgestaltung einzelner Regulierungsmaßnahmen. So dürfte etwa die geplante Einführung einer Finanztransaktionssteuer in ausgewählten EU-Staaten – ohne Großbritannien – Wettbewerbsnachteile für den Börsenplatz Frankfurt bringen. Betroffene Geschäfte würden in London und nicht wie bisher in Frankfurt ausgeführt. Eine derartige Entwicklung scheint sich seit der Einführung der Börsenumsatzsteuer in Frankreich im August des letzten Jahres am Börsenplatz Paris abzuzeichnen. Im Falle der Finanztransaktionssteuer würde die Regulierung der Finanzmärkte auf dem Rücken des hiesigen Finanzplatzes ausgetragen und damit in letzter Konsequenz auch auf dem Rücken der hier ansässigen Institute und deren Beschäftigten. Das Beispiel Finanztransaktionssteuer zeigt: Es muss Sorge dafür getragen werden, dass im Zuge neuer Regulierungsmaßnahmen keine einzelstaatlichen Aktionen vorangetrieben werden, die letztendlich wettbewerbsverzerrend wirken.

 

Wie entscheidend die umsichtige und maßvolle Einführung von neuen regulatorischen Anforderungen für das Gesamtziel Finanzmarktstabilität ist, zeigt auch der Blick auf die einzelnen Kreditinstitute. Denn so wichtig die Stabilisierung des Gesamtsystems ist, so problematisch ist aber auch, dass häufig nur regulatorische Einzelmaßnahmen im Vordergrund der Betrachtung stehen, nicht aber die Gesamtwirkung aller Maßnahmen. Eine ganzheitliche Sicht aller regulatorischen Maßnahmen und ihrer Auswirkungen ist dringend geboten; denn nur so ist gewährleistet, dass Kreditinstitute, die über zukunftsfähige Geschäftsmodelle verfügen, auch künftig erfolgreich im Sinne ihrer Kunden am Markt aktiv sein können.

 

 

Autor:

Hans-Dieter Brenner

Vorsitzender des Vorstands

Helaba, Frankfurt

 

 

 

                                                                           IHK WirtschaftsForum,

                                                                                                 Juni 2013