Finanzplatz Frankfurt
Gut aufgestellt

Die Finanzkrise hat einmal mehr vor Augen geführt, dass die Branche einer verstärkten Regulierung bedarf. Ziel muss es sein, das gesamte Finanzsystem für die Zukunft stabiler und krisenresistenter zu machen.

 

Der Finanzplatz Frankfurt hat sich in der Finanzkrise gut geschlagen. Die Auswirkungen der Krise auf die Zahl der bei Banken sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat sich in Frankfurt in Grenzen gehalten. Als sich Mitte 2007 die Probleme in den USA auch in Deutschland bemerkbar machten, lag die Anzahl der in der Bankbranche direkt Beschäftigten bei 73 400. Nach Lehman Brothers im Herbst 2008 sank die Beschäftigtenzahl zunächst auf 72 500. Mitte 2012 lag die Mitarbeiterzahl aber mit 74 400 sogar wieder höher als 2007. Die Entwicklung der Anzahl der Banken mit Sitz in Frankfurt ist ähnlich verlaufen: Nach einem Tief in 2010 mit 215 Banken gab es einen Zuwachs auf 221 Banken Ende 2012, darunter 156 Auslandsbanken sowie zusätzlich 38 Repräsentanzen.

 

Ganz anders und deutlich schlechter sieht hingegen die Entwicklung am Finanzplatz London, dem großen europäischen Konkurrenten von Frankfurt, aus. Dort sank die Mitarbeiterzahl bei Wholesale-Banken seit 2007 bis Ende 2012 um fast ein Drittel auf noch etwa 250 000. Diese unterschiedliche Entwicklung liegt daran, dass vor allem Aktivitäten im Investmentbanking seit Beginn der Finanzkrise rückläufig sind. Geringere Umsätze im Handel mit Aktien, Anleihen, Devisen und Derivaten führten ebenso zum Personalabbau wie ein rückläufiges M&A-Geschäft. Dies stellt insofern auch eine Korrektur des zuvor übermäßigen Wachstums des Investmentbankings dar.

 

Am Finanzplatz Frankfurt waren Banken nie derart breit im Investmentbanking aufgestellt wie in London. Das vorherrschende Geschäftsmodell ist die Universalbank, die eine Vielzahl unterschiedlicher Dienstleistungen und Geschäfte aus einer Hand anbietet. Diese Diversifikation der Geschäftsfelder trägt zur Stabilität der Ertragslage bei. Geringe Erträge oder Verluste in manchen Geschäftsfeldern können durch Gewinne in anderen ausgeglichen werden. Das mildert den wirtschaftlichen Druck, unmittelbar Personal freizusetzen. Übrigens sieht die bei Banken künftig gesetzlich vorgesehene Abtrennung bestimmter Handelsaktivitäten und deren Risiken nicht die Abschaffung des Universalbankprinzips vor, da über eine Holdingstruktur weiterhin alle Bankaktivitäten in einer rechtlichen Einheit verbunden sein können.

 

Von Vorteil ist auch die starke realwirtschaftliche Verankerung der Banken in Frankfurt. Sie finanzieren durch Kredite an Unternehmen sowohl deren Investitionen als auch deren Handelsgeschäfte im In- und Ausland. Zudem bieten sie weitere Leistungen für exportorientierte Unternehmen an, wie zum Beispiel Wechselkursabsicherungen oder die Abwicklung des Zahlungsverkehrs.

Von der raschen wirtschaftlichen Erholung der deutschen Volkswirtschaft nach dem Einbruch in 2009 und der generell starken Stellung der deutschen Unternehmen im internationalen Wettbewerb haben die Banken in Frankfurt entsprechend profitiert. Diese, der Realwirtschaft dienende Funktion des Finanzdienstleistungsgewerbes lässt sich auch an ihrem Anteil an der gesamten Bruttowertschöpfung der Wirtschaft ablesen: So betrug der Anteil des Finanzsektors – also der Banken und Versicherungen – im Jahr 2011 in Deutschland 5,2 Prozent an der gesamten Wirtschaftsleistung. Im Vereinigten Königreich war dieser Anteil mit 9,4 Prozent wesentlich höher. Dies deutet darauf hin, dass dort deutlich mehr Geschäfte seitens des Finanzsektors getätigt wurden.

 

Ein Stabilitätsfaktor in Zeiten der Krise waren auch die am Finanzplatz Frankfurt betriebenen leistungsfähigen Finanzmarktinfrastrukturen, die jederzeit stabil funktionierten. Die Frankfurter Wertpapierbörse ist die umsatzstärkste deutsche Börse und genau wie die in Frankfurt ansässige Terminbörse Eurex von internationaler Bedeutung. Frankfurt ist auch Sitz des einzigen deutschen zentralen Verwahrers für Wertpapiere Clearstream sowie von Eurex Clearing, die als zentrale Gegenpartei bei der Verrechnung von Handelsgeschäften agiert.

 

Im Hinblick auf aktuell diskutierte Regulierungsvorhaben sind die Frankfurter Infrastrukturen bereits gut aufgestellt. So gibt es beispielsweise schon die im Zusammenhang mit dem sogenannten Hochfrequenzhandel geforderten Gebühren für eine übermäßige Nutzung der Systeme und auch eine automatische Volatilitätsunterbrechung des Handels, sobald sehr starke Schwankungen bei Wertpapierkursen auftreten. Frankfurt ist auch einer von drei europäischen Betriebsstandorten für das wichtigste europäische Zahlungssystem Target2, über das arbeitstäglich durchschnittlich Zahlungen im Wert von rund 2 500 Milliarden Euro abgewickelt werden. Frankfurter Banken sind die größten deutschen Teilnehmer am von den europäischen Zentralbanken betriebenen Target2. Auch in der Krise konnten sie sich auf den stabilen und leistungsfähigen Betrieb von Target2 verlassen.

 

Die Krise hat gezeigt, dass es einer verstärkten Regulierung der Finanzbranche bedarf, um das gesamte Finanzsystem künftig stabiler und krisenresistenter zu machen. Frankfurt war schon vor der Krise ein wichtiger Regulierungsstandort und profitiert nun auch von den stärkeren Regulierungsaktivitäten sowie der Neujustierung der Aufsicht. Mehrere nationale und europäische Behörden, die in die Regulierung oder Beaufsichtigung von Marktteilnehmern und Geschäften eingebunden sind, haben schon länger ihren Sitz in Frankfurt; so die Europäische Zentralbank (EZB), die Deutsche Bundesbank und Teile der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, also Teile der Bafin. Eine weitere europäische Behörde, die European Insurance and Occupational Pensions Authority (Eiopa) wurde mit Sitz in Frankfurt neu gegründet. Eiopa ist für die Regulierung von Versicherungen und Betriebsrenten zuständig. Sie ist Teil des neu etablierten europäischen Systems der Finanzaufsicht, zu dem auch der Europäische Ausschuss für Systemrisiken, kurz ESRB, gehört.

 

Dieser 2011 gegründete, ebenfalls in Frankfurt ansässige ESRB übernimmt hierbei die Aufgabe der makroprudenziellen (systembezogenen) Überwachung in der EU. Werden ernsthafte Risiken oder Ungleichgewichte im europäischen Finanzsystem identifiziert, kann der ESRB Warnungen und Empfehlungen gegenüber der EU, Mitgliedsstaaten oder Aufsichtsbehörden aussprechen. Wenn voraussichtlich ab 2014 die EZB als neue Aufgabe die Beaufsichtigung der größten und wichtigsten europäischen Banken übernimmt, wird Frankfurt endgültig zum wichtigsten Aufsichtsplatz in Europa aufsteigen.

 

Die Anwesenheit der Behörden bringt dem Finanzplatz Frankfurt Vorteile in mehrerer Hinsicht. Die öffentlichen Stellen bieten qualifizierte Arbeitsplätze in Frankfurt an. Zugleich etablieren sich Experten für das Umsetzen bankenaufsichtlicher oder anderer Regelungen. Daran sind neben Bankbeschäftigten häufig auch Unternehmensberater, externe Juristen oder Wirtschaftsprüfer beteiligt. Die räumliche Nähe zwischen Behörden und Marktteilnehmern erleichtert den persönlichen Meinungs- und Gedankenaustausch, der eine sachgerechte Regulierung und deren Implementierung fördert. Auch deshalb suchen Marktteilnehmer bewusst die räumliche Nähe zu den Regulatoren. Dies dürfte dazu beigetragen haben, dass in Krisenzeiten Banken eher an anderen Standorten als in Frankfurt Personal abbauten.

 

Seit einigen Jahren befassen sich auch verstärkt wissenschaftliche Einrichtungen in Frankfurt mit der Erforschung der Ursachen und der Vermeidung von Krisen sowie mit weiteren Finanzmarktfragen. Beispielhaft sei hier nur das im House of Finance an der Frankfurter Universität angesiedelte Center for Financial Studies genannt. Im Zusammenspiel aller Beteiligten, also der Behörden, der Wissenschaftler und Banken, konnte sich Frankfurt den Ruf als Stabilitätszentrum erwerben, als Ort, wo Stabilität produziert wird und wo stabile Rahmenbedingungen herrschen. Diese Reputation ist eine zusätzliche Stärke des Finanzplatzes Frankfurt neben der zentralen Lage in Europa, einer hervorragenden Verkehrsinfrastruktur, kurzen Wegen und vergleichsweise preiswertem Büroraum. Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass die Aussichten für einen weiterhin starken Finanzplatz Frankfurt hervorragend sind.

 

 

Autor:

Dr. Andreas Dombret

Vorstandsmitglied

Deutsche Bundesbank, Frankfurt

 

 

 

                                                                           IHK WirtschaftsForum,

                                                                                                  Juni 2013