Mittelstand: Hart umkämpfter Markt

Der deutsche Mittelstand ist bei Banken so beliebt wie wohl nie zuvor: Es vergeht beinahe kein Monat, in dem sich nicht ein Finanzinstitut öffentlich auf dieses Kundensegment besinnt und es als strategisch apostrophiert. 

 

Der Mittelstand wurde über Jahrzehnte als klassisches Betätigungsfeld von Genossenschaftsbanken und Sparkassen gesehen. Nun steht der Mittelstand verstärkt im Fokus des Wettbewerbs. Regulierung, abhanden gekommene Geschäftsmodelle, die Rückbesinnung auf Heimatmärkte – ausgelöst durch die Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise – und die Stärke der deutschen Volkswirtschaft machen dies möglich. Kurzum, die Rückbesinnung auf die Realwirtschaft lässt dem Mittelstand seitens der Banken die Aufmerksamkeit zuteilwerden, die ihm aufgrund seiner herausragenden Stellung für die Volkswirtschaft auch zusteht.

 

Die neu entdeckte Liebe zum Mittelstand überrascht zumindest mit Blick auf manche Groß- und Auslandsbank, haben sie sich doch nach dem Ausbruch der Finanzmarktkrise gezielt und sichtbar aus dem Markt zurückgezogen, wie Bundesbankstatistiken belegen. Die Suche nach tragfähigen Geschäftsmodellen reanimiert die Bereitschaft, das Geschäft mit deutschen Unternehmen wieder auszuweiten. Ob die entsprechenden Marktinitiativen bei einer Kundengruppe, für die unter anderem Nachhaltigkeit, Vertrauen und Begegnung vor Ort sehr wichtig sind, erfolgreich sein werden, muss sich zeigen. Der Gewinner auf dem hart umkämpften Markt steht bereits heute fest – der Mittelstand. Er hatte selbst in der Hochphase der Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise keine Kreditklemme zu beklagen. Hierzu trugen gemäß Bankenstatistik der Deutschen Bundesbank insbesondere Volksbanken, Raiffeisenbanken und Sparkassen bei, da diese bei einem insgesamt zurückgehenden Volumen an Firmenkundenkrediten seit Ende 2008 ihr Kreditengagement zum Teil deutlich ausgebaut haben. Und der zunehmende Wettbewerb wird auch künftig für einen guten Zugang zu Finanzierungsmitteln sorgen, auch wenn die verschiedenen Regulierungen im Bankensektor zu einer Verteuerung dieser Mittel führen könnten.

 

Die aktuelle Finanzierungssituation des deutschen Mittelstands ist gut: So schätzen gemäß einer Umfrage des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft gut 80 Prozent der Klein- und Mittelbetriebe ihre Lage als befriedigend, gut oder sehr gut ein. Zu analogen Ergebnissen kommt eine gemeinsame Studie der Intes Akademie für Familienunternehmen und der DZ Bank. Dies trifft auch auf die Liquiditätsausstattung zu und wird durch eine stabilere Eigenkapitalquote, die sich von rund 20 Prozent in Richtung 30 Prozent bewegt, unterstützt. Mit Blick in die Zukunft bleibt eines wohl unverändert: Die Innenfinanzierung und der klassische Bankkredit werden weiterhin im Mittelpunkt der Unternehmensfinanzierung stehen.

 

Gleichwohl müssen sich Unternehmen und Banken mit einer Vielzahl an Trends und Entwicklungslinien befassen. So stellen beispielsweise die zunehmende Internationalisierung, die Energiewende, die Unternehmensnachfolge, die zunehmende Digitalisierung von Gesellschaft und Wirtschaft und nicht zuletzt die stärkere Inanspruchnahme der Kapitalmärkte Herausforderungen dar, die es zu meistern gilt. Im Folgenden werden zwei Trends – nämlich Internationalisierung und Kapitalmarktorientierung – näher betrachtet.

 

Bei einer Exportquote der deutschen Wirtschaft von 41,5 Prozent ist es naheliegend, dass sich die Mehrzahl der mittelständischen Unternehmen nicht mehr ausschließlich auf das inländische Geschäft konzentriert. Und dies ist nicht nur eine Angelegenheit, die große Mittelständler oder bestimmte Branchen betrifft. So kommt die Studie „Mittelstand im Mittelpunkt“ der DZ Bank zu dem Ergebnis, dass auch immer mehr kleinere Unternehmen den Einstieg in das internationale Geschäft gewagt haben. Für Banken bedeutet dies, dass das Auslandsgeschäft integraler Bestandteil einer ganzheitlichen und bedarfsorientierten Betreuung mittelständischer Unternehmen sein muss. Dies umfasst nicht nur das reine Produkt- beziehungsweise Dienstleistungsangebot, wie Handels- und Exportfinanzierung, Auslandszahlungsverkehr oder die Absicherung von Währungsrisiken. Vielmehr erwarten die Kunden, mittels eigener Auslandsstützpunkte oder Korrespondenzpartnern in den relevanten Auslandsmärkten, vollumfänglich begleitet zu werden.

 

Insbesondere für große mittelständische Unternehmen wird die Erschließung der Kapitalmärkte als alternative Finanzierungsquelle und für das Risikomanagement an Bedeutung gewinnen. Das Interesse der Unternehmen an einer Diversifizierung ihrer Kapitalgeber beziehungsweise an alternativen Finanzierungsquellen wurde nicht zuletzt durch die Entwicklungen der vergangenen Krisenjahre geweckt. Gesucht werden alternative Finanzierungsinstrumente, Kapitalgeber für die Aufnahme von Eigenkapital über die Börse oder neue Investoren in Anleiheemissionen. In diesem Kontext muss der Schuldschein als kapitalmarktnahes Finanzierungsinstrument angesprochen werden, der gerade für den Mittelstand und Investoren eine interessante Alternative darstellt.

 

Der Schuldschein ist ein geeignetes Instrument, um die Investorenbasis zu verbreitern, sich unabhängiger von der Bankenfinanzierung zu machen und sich Kapitalmarktusancen anzunähern. In der Regel bewegen sich die Emissionsvolumina zwischen 50 und 300 Millionen Euro. Neben den verschiedenen Finanzierungsarten entfalten die Kapitalmärkte eine zusätzliche Relevanz im Risikomanagement der Unternehmen, wenn es darum geht, eingegangene Risiken mittels Zins- und Währungsmanagement auszusteuern.

 

Diese zunehmende Kapitalmarktorientierung macht exemplarisch deutlich, wie wichtig ein international bedeutender Finanzplatz mit einem gut vernetzten Finanzsektor für die deutsche Volkswirtschaft ist. Und Frankfurt ist dieser bedeutende Finanzplatz: Unangefochtener, nationaler Champion mit weltweit führender Rolle. 260 Kreditinstitute mit knapp 75 000 Mitarbeitern, hierunter die vier größten deutschen Banken und rund 200 Auslandsbanken aus 40 Ländern, unterstreichen dies. Frankfurt beheimatet daneben mit der Deutschen Börse einen der weltweit führenden Marktplatzbetreiber sowie bedeutende Institutionen, wie die Europäische Zentralbank, die Deutsche Bundesbank oder die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersvorsorge.

 

Die wesentliche Stärke des Finanzplatzes Frankfurt ist seine breite Aufstellung, die von Universalbanken kontinentaleuropäischer Tradition geprägt ist. Diese in der Vergangenheit oftmals als konservativ und langweilig bezeichnete Ausprägung zeigte in der Finanzkrise ihre ganze Stärke: Sie verlieh Stabilität und hat sich als äußerst stressresistent erwiesen. Dies kommt der mittelständisch geprägten deutschen Wirtschaft zugute, weil eine Vielzahl von Finanzdienstleistern für Expertise, Innovation und Wettbewerb stehen. Das dreigliedrige deutsche Bankensystem mit Genossenschaftsbanken, öffentlich-rechtlichen Banken und Privatbanken hat sich in der Krise bewährt und ist ein Garant für Stabilität und Wettbewerb.

 

Die Leistungsstärke des deutschen Bankensystems ist im Ausland allerdings nicht überall bekannt. Dies gilt es immer wieder zu betonen: Nicht als Selbstzweck, sondern um darauf hinzuweisen, dass nationale Besonderheiten bei den aktuellen Regulierungsüberlegungen zwingend berücksichtigt werden müssen, um funktionierende Strukturen nicht zu beschädigen. Die Notwendigkeit von regulatorischen Maßnahmen soll hier nicht in Abrede gestellt werden. Aber eine Regulierung, die eine Schwächung stabiler Strukturen bedeutet, geht fehl – auch aus Sicht der Unternehmen. Es gilt, sich gemeinsam für eine gute und differenzierte Regulierung im Interesse der Industrie- und Exportnation Deutschland einzusetzen, damit Banken auch zukünftig in der Lage sind, ihre Finanzierungsfunktion erfüllen zu können.

 

 

Autor:

Wolfgang Köhler

Mitglied des Vorstands

DZ BANK, Frankfurt

 

 

 

                                                                           IHK WirtschaftsForum,

                                                                                                  Juni 2013