Auf gutem Weg zur Spitze

Die vergangenen 15 Jahre waren von massiven Veränderungen im Wissenschaftsbetrieb geprägt. Sie haben zugleich die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, öffentlichen Institutionen und Politik nachhaltig verändert.

 

Die Europäische Zentralbank wurde 1998 gegründet und hat in den Folgejahren weitere europäische Finanzinstitutionen nach Frankfurt gezogen, wie beispielsweise die europäische Versicherungsaufsicht. Ein Jahr später stieß das Land Hessen die Neubauplanung für die Goethe-Universität an. Parallel zu der baulichen Neuausrichtung hat der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften in den vergangenen 15 Jahren – auch mit nachdrücklicher Begleitung aus Wirtschaft und Politik – drei wesentliche Innovationen vollzogen:

Nur qualitativ hochwertige Forschung ist mit Blick auf Einzelinteressen neutral und verspricht nachhaltige Ergebnisse. Daher erfolgt seither eine verschärfte und konsequent an der internationalen Spitze orientierte Betonung der Forschungsqualität – mit nachweisbarem Erfolg. Gemessen an weltweit weitgehend anerkannten internationalen Rankings liegen die Frankfurter Wirtschaftswissenschaften in Deutschland (über alle Teildisziplinen hinweg) inzwischen etwa auf Platz drei, in Europa etwa auf Platz 25.

 

Der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften hat die Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge zu einer tief greifenden Reorganisation seiner Ausbildungsprogramme verwendet. Auch hier eine jüngere Kennziffer als Beleg für den Erfolg: Die New York Times und die International Herald Tribune haben im November 2012 die Ergebnisse einer weltweiten Umfrage unter 2 500 Vorstandsvorsitzenden und 2 200 Spitzenverantwortlichen für Personal veröffentlicht, wonach im Ranking der Qualität der Bachelorprogramme für Wirtschaftswissenschaften die Universität Frankfurt als beste Universität in Kontinentaleuropa weltweit auf Platz zehn steht – unmittelbar hinter klanghaften Namen wie Harvard, Yale, Oxford und Cambridge.

 

Die Doktoranden des House of Finance, in dem neben 25 wirtschaftswissenschaftlichen Professuren auch sechs juristische Professuren eng kooperieren, sind sehr wichtige Treibräder des wissenschaftlichen Fortschritts und der weltweiten Anerkennung. Es wurden im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften kumulative Dissertationen eingeführt, bei denen die Doktoranden nachdrücklich angehalten werden, bereits kurz nach Beginn ihrer Forschung in anerkannten wissenschaftlichen Medien erste Zwischenergebnisse zu publizieren und sich auf diesem Weg internationalen doppeltblinden Peer-Reviews zu stellen. In einer steigenden Anzahl von internationalen Spitzenkonferenzen stellen inzwischen die zur Veröffentlichung angenommenen Beiträge aus der deutschen oder deutschsprachigen Community nach den Amerikanern die zweitgrößte Gruppe dar – und Frankfurt ist in den Communities ein herausragender Vertreter. Diese Neuorientierung schlägt sich auch in den Bewerberzahlen nieder: Für die beiden Bachelor-Ausbildungsprogramme des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften bewerben sich derzeit pro Semester für 550 Studienplätze bis zu 7 000 Interessenten – mit einem steigenden Anteil von ausländischen Bewerbern- und der Quotient steigt weiter an.

 

Über die Neubauten hinaus engagiert sich Hessen seit Anfang dieses Jahres erneut substanziell für die finanzwirtschaftliche Forschung, Weiterbildung und den Wissenstransfer in Frankfurt. Über seine Exzellenzinitiative Loewe (Landesoffensive zur Entwicklung wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz) fördert das Land – nach einer wettbewerblichen Auswahl – für zunächst drei Jahre ein neues Zentrum im House of Finance zur Erforschung einer nachhaltigen europäischen Finanzarchitektur: Sustainable Architecture for Finance in Europe (Safe) wird zehn zusätzliche Professuren schaffen plus 40 weitere Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter. Der Schwerpunkt Finanzen und Geldtheorie wird damit um weitere 20 Prozent auf mehr als 220 Forscher anwachsen. Damit wird das Gewicht der Universität als wissenschaftlicher Partner am Finanzplatz Frankfurt und als Player im internationalen Netzwerk von Finanzen und Geldtheorie zusätzlich gestärkt.

 

Doch trotz dieser Erfolgsmeldungen ist der eingeschlagene Änderungsweg erst zur Hälfte zurückgelegt. Hier sollen nur zwei Gründe angeführt werden: Je stärker man in der Forschungsqualität nach oben kommt, umso aufwendiger wird jeder weitere Fortschritt – die Luft wird dünner. Darüber hinaus fühlt sich in den Teildisziplinen der Wirtschaftswissenschaften ein unterschiedlich hoher Prozentsatz der Forscher bereits voll und ganz dieser neuen Welt verpflichtet – und damit vollzieht sich die Durchsetzung in einigen Bereichen langsamer als in anderen. Es gilt also, diesen Weg konsequent fortzusetzen.

 

Ohne die intellektuelle und finanzielle Unterstützung der Wirtschaft und der öffentlichen Institutionen wären die genannten Fortschritte nicht möglich gewesen. Der Betrieb des House of Finance wird zu gut 30 Prozent aus Drittmitteln aus der Wirtschaft finanziert. Zeugnis der quantitativ wie auch qualitativ intensivierten Zusammenarbeit mit der Wirtschaft geben zehn Stiftungsprofessuren allein im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften sowie eine große Anzahl von Lehrbeauftragten wie auch Gastrednern aus der Wirtschaft in vielen Lehrveranstaltungen. Hinzu kommt eine maßgebliche Anzahl von gemeinsam betriebenen Forschungsprojekten, in denen beispielsweise auch international sehr erfolgreich publizierende Promovenden aus Unternehmen mitarbeiten. Äußere Zeichen dieser Zusammenarbeit sind die Besetzung des Kuratoriums des House of Finance durch Spitzenpersönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik sowie die House-of-Finance-Stiftung, die 2011 mit Startzusagen von rund 16 Millionen Euro gegründet wurde.

 

Mit dieser Erfolgsgeschichte ist jedoch auch eine Herausforderung verbunden, die sich zukünftig weiter verschärfen wird: Kritiker in Wissenschaft und Öffentlichkeit bemängeln, dass sich die Wirtschaft durch selektive Finanzierung von wissenschaftlichen Einrichtungen ihr genehme Forschungsergebnisse kaufen könne. Diesem Vorbehalt ist die Goethe-Universität dadurch begegnet, dass sie – durch Senatsbeschluss und im Einklang mit den Sponsoren – einen Stiftungskodex verabschiedet hat, der die Unabhängigkeit der Wissenschaft bei Annahme von Drittmitteln vorschreibt und Vertragsbestandteil jeder neuen Zuwendung ist.

 

In diesem Netzwerk – bestehend aus Politik, Unternehmen, öffentlichen Institutionen und Universität – lassen sich gemeinsame Strukturmerkmale erkennen: Jede Gruppe muss natürlich primär ihre eigenen Ziele und Notwendigkeiten verfolgen. Die Unternehmen streben zum Beispiel nach hervorragenden Innovationen, die Universität nach hervorragenden Publikationen. Gleichzeitig besteht der immer intensiver verfolgte Wunsch, auch über die Gruppengrenzen hinweg konstruktiv zusammenzuarbeiten. Grundlegende Neuerungen innerhalb der einzelnen Gruppen schieben im Lauf der Zeit eine Reihe von Folgeinnovationen an, die den Veränderungs- und damit auch den gemeinsamen Verbesserungsprozess verstetigen und vertiefen. Eine dauerhafte Kooperation aller vier Gruppen schafft somit die Grundlage für Synergien, von denen alle Seiten profitieren. Das heißt beispielsweise aus Sicht der Wissenschaft: Die in Frankfurt ausgebildeten Studenten werden von Jahr zu Jahr besser. Und es liegt auf der Hand, dass die Wirtschaft wie auch die öffentlichen Institutionen in Frankfurt und Umgebung davon unmittelbar profitieren.

 

 

Autor:

Prof. Dr. Wolfgang König

Geschäftsführender Direktor

House of Finance, Goethe-Universität, Frankfurt

 

 

 

                                                                           IHK WirtschaftsForum,

                                                                                                  Juni 2013