Frankfurt: Europäisches Kompetenzzentrum

Der Finanzplatz Frankfurt hat sich in den vergangenen Jahren eine hervorragende Position für die Zukunft erarbeitet. Neben dem Ausbau der eigenen Stärken tragen auch Kooperationen dazu bei, diese Position langfristig zu sichern.

 

Der Finanzplatz Frankfurt hat sich in den vergangenen Jahren eine Reputation erarbeitet, die weit über Euroland und den Kontinent hinaus ausstrahlt. Im Verlauf der beiden vergangenen Dekaden konnte Frankfurt im Vergleich zu den anderen nationalen Finanzplätzen stetig gewinnen. Die Mainmetropole steht daher heute in der Wahrnehmung nationaler wie auch internationaler Finanzmarktakteure als Synonym für den Finanzstandort Deutschland. Von den 206 Auslandsbanken hierzulande haben sich allein 156 in der Metropolregion angesiedelt, dazu die Deutsche Börse. Darüber hinaus hat hier mit Clearstream nicht nur eine der größten, sondern auch technisch führenden Abwicklungs- und Verwahrgesellschaften für den internationalen Wertpapierhandel ihren Sitz. Die mehr als 200 Banken in der Stadt beschäftigen stabil über 74 000 Mitarbeiter. Nach jüngsten Prognosen dürfte dies auch so bleiben.

 

Nicht zuletzt wegen dieser Stabilität steht Frankfurt auch als Synonym für Besonnenheit. Denn im Gegensatz zu anderen Finanzzentren hat die Frankfurter Finanzwirtschaft stets ihre enge Bindung zur Realwirtschaft beibehalten. Auch deshalb hat es in der Mainmetropole selbst auf dem Höhepunkt der Finanzkrise nie Exzesse oder Entlassungswellen wie an anderen internationalen Finanzplätzen gegeben. Die Akteure am Finanzplatz Frankfurt waren immer von der Überzeugung geleitet, dass die wichtigste Aufgabe eines Finanzplatzes darin besteht, langfristigen Kapitalbedarf mit langfristigem Investitionsbedarf zusammenzuführen, um so das Wirtschaftswachstum zu unterstützen. Wenn sich die maßgeblichen Akteure weiter auf diese Funktion besinnen, tragen sie dazu bei, nach vielen Jahren der Krisenbewältigung den Blick wieder stärker auf die Wachstumschancen der Weltwirtschaft zu lenken.

 

Zwei wesentliche Faktoren haben zu der Stärke Frankfurts als internationales Finanzzentrum beigetragen: Zum Ersten hat die Ansiedlung der Europäischen Zentralbank (EZB) wesentliche Impulse gesetzt, von denen die Stadt als Ganzes profitiert. Frankfurt war schon immer eine sehr offene Stadt und hat sich dank der EZB vielleicht sogar zur europäischsten aller Städte entwickelt. Zum Zweiten steht die Politik unmissverständlich zum Finanzplatz. Die geplante Einführung einer Finanztransaktionssteuer mag bei dem einen oder anderen Zweifel wecken. Doch als Finanzplatzinitiative sieht Frankfurt Main Finance ein klares Bekenntnis vonseiten der Politik für den Standort, alleine deshalb, weil die Stadt Frankfurt und das Land Hessen als ordentliche Mitglieder tragende Säulen der Initiative sind. Frankfurt, Hessen und Deutschland wollen einen starken, stabilen, weltoffenen und zur Wohlfahrt des Landes beitragenden Finanzplatz. Dieser gesellschaftliche Konsens steht außer Frage. Die Frage der genauen Ausgestaltung wird jedoch legitimerweise durchaus kontrovers diskutiert: Was ist stark? Was ist stabil? Und was trägt zur Wohlfahrt bei? Diese Fragen sind in erster Linie von der Politik zu beantworten, die sich dabei auch die Expertise vom Finanzplatz holt.

 

Ausruhen darf sich Frankfurt auf dem Erreichten freilich nicht. Der Wettbewerb unter den Finanzzentren ist intensiv. Und er tut Europa gut, denn er sorgt für innovative, transparente und fair gepreiste Produkte für die Realwirtschaft. Den Wettbewerb hintanstellen jedoch sollten die Akteure, wenn es darum geht, sich mit engen Kooperationen für möglichst einheitliche Rechtsräume einzusetzen und gemeinsam neue wirtschaftliche Herausforderungen zu meistern. So ist Frankfurt Main Finance Gründungsmitglied des European Financial Centres Roundtable der europäischen Finanzplätze Frankfurt, München, Edinburgh, London, Luxemburg, Madrid, Paris und Stockholm. In diesem Kreis arbeiten die europäischen Finanzplätze unter anderem bei Fragen der Regulierung zusammen, ohne dass gleich die vollständige Übereinstimmung in inhaltlichen Positionen angestrebt würde.

 

Unabhängig davon wird es auch weiterhin für jeden einzelnen Finanzplatz darum gehen, seine eigenen Kernkompetenzen optimal zu entwickeln. Fragt man auf Delegationsreisen oder bei internationalen Konferenzen nach dem Bild des Finanzplatzes Frankfurt, so gleichen sich die Antworten von Riad bis São Paulo: Die Finanzmetropole am Main steht für Stabilität und Wertarbeit, für Technologieführerschaft im Zahlungsverkehr, für zuverlässigen voll integrierten Börsenhandel, für den Mittelpunkt des europäischen Anleihegeschäfts und nicht zuletzt für eine solide Geldpolitik. Die Konzentration der europäischen Institutionen zur Gestaltung der neuen Finanzarchitektur am Standort Frankfurt wird darüber hinaus das Image Frankfurts als Center of Excellence für Regulierung weiter stärken. Denn Frankfurt hat mittlerweile eine einzigartige Expertise auf den Feldern Risikomanagement und Regulierung aufgebaut – mit dem Sitz der EZB, der Versicherungsaufsicht Eiopa, dem European Systemic Risk Board und demnächst auch der europäischen Bankenaufsicht liegt in Frankfurt das unbestrittene Zentrum der europäischen Infrastruktur in der Finanzmarktaufsicht.

 

Zugleich steht der Finanzplatz Frankfurt für exzellente, praxisnahe Forschung und Lehre im Bereich der Wirtschafts- und Finanzwissenschaft. Dies belegen die hier angesiedelten Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen sowie deren enge Vernetzung mit Banken, Versicherungen und anderen Finanzdienstleistern. Allein im House of Finance an der Goethe-Universität Frankfurt forschen und lehren etwa 150 Wissenschaftler. Mit der Frankfurt School of Finance & Management hat ein weiteres Top-Institut seinen Sitz in der Finanzmetropole. Hinzu kommen private Hochschulen von internationalem Rang mit einer dezidierten Spezialisierung auf das Finanzwesen, zum Beispiel die WHU – Otto Beisheim School of Management oder, in der weiteren Region, die European Business School. Ein weiterer gewichtiger Schritt beim Ausbau des europäischen Kompetenzzentrums war die Gründung des Frankfurter Instituts für Risikomanagement und Regulierung (Firm). Mit diesen und weiteren Institutionen gehört der Finanzplatz Frankfurt zu den führenden europäischen Kompetenzzentren der Finanzwissenschaft.

 

Diese Kernkompetenz verhilft Frankfurt zu einer hervorragenden Startposition in einem Wettbewerb neuer Qualität: Es sind insbesondere die Finanzplätze der aufstrebenden Nationen, die Emerging Financial Centers, die im Sog der Dynamik ihrer Volkswirtschaften zu immer stärkeren Wettbewerbern werden. Für den Finanzplatz Frankfurt bedeutet das eine komplexe Herausforderung: Es geht nämlich nicht ausschließlich darum, die Geschäftschancen zu erschließen und die eigene Wettbewerbsposition zu festigen, sondern ebenso darum, die Beziehungen als wertvolle Dialogpartner zu pflegen und auszubauen. In diesem Zusammenhang herrscht mittlerweile eine große Übereinstimmung darüber, dass Finanzplätze mit einem komplementären Leistungsangebot von Widersachern zu Partnern werden können.

 

Hier nicht nachzulassen, ist einer der entscheidenden Faktoren für die Zukunft des Finanzplatzes. Denn die Vorrangstellung aller etablierten Finanzzentren in der Welt ist ständig herausgefordert – auch die von Frankfurt. Nichts illustriert das besser als der Global Financial Centres Index (GFCI): Während 2007 noch 24 von 50 aufgeführten Finanzplätzen in Europa lagen, waren es 2012 nur noch 34 von 77. Von dieser Dynamik kann Frankfurt profitieren. Die Voraussetzungen hierfür sind gut, denn Frankfurt hat sich als verlässlicher und kenntnisreicher Partner für den Aufbau der Finanzzentren in den Emerging Markets profiliert. Viele ausländische Dialogpartner haben vor diesem Hintergrund bereits eine klare Vorstellung davon, was der Finanzplatz Frankfurt ihnen zu bieten hat. Auch dabei zeigen Stadt und Land großes Engagement. Die bereits bestehenden, guten Kontakte zu Peking, Istanbul und Moskau sind hier nur der Anfang.

 

 

Autor:

Dr. Lutz Raettig

Sprecher des Präsidiums

Frankfurt Main Finance, Frankfurt

 

 

 

                                                                         IHK WirtschaftsForum,
                                                                                               Juni 2013