Ratgeber im Regulierungsprozess

Ratgeber im Regulierungsprozess

Der IHK-Bankenausschuss ist am Finanzplatz Frankfurt ein gefragter Gesprächspartner. Immerhin arbeiten in diesem ehrenamtlichen Gremium Vertreter der meisten wichtigen in der Mainmetropole vertretenen Geldhäuser mit.

 

Die globale Finanzkrise hält die Kreditinstitute weiterhin in Atem, befördert sie doch im Stakkato nahezu alle einschlägigen Rahmenbedingungen auf den Prüfstand. Mit Eifer sind die Politik und ihre Regulierungsinstitutionen auf der Suche nach geeigneten Rezepten zur nachhaltigen Stabilisierung der Finanzmärkte. Das Ziel ist klar: Die unzweifelhaft an manchen Stellen feststellbaren Übertreibungen sollen endgültig der Vergangenheit angehören und Regulierungslücken geschlossen werden. Kreditinstitute sollen sich wieder stärker auf ihre gesamtwirtschaftliche Finanzierungsfunktion ausrichten und riskante Geschäfte nicht im Zweifel zulasten der Steuerzahler tätigen dürfen. Handlung und Haftung im Finanzsektor sollen wieder stärker zusammengeführt werden.

 

So richtig und verständlich diese übergreifende Zielsetzung aus Sicht der nationalen Regierungen ist, so sehr steckt der Teufel im Detail. Entsprechend zäh verlaufen die schwierigen Verhandlungen über die richtige Ausgestaltung der neuen Regeln. Ob Basel III, die Pläne für eine Finanztransaktionssteuer, die Bankenunion mit ihrem Abwicklungsmechanismus für Kreditinstitute oder einheitliche Richtlinien für Vergütungen und Boni: Politik und Aufsicht sind gut beraten, bei der Fülle der angestoßenen Maßnahmen Augenmaß zu wahren und sich stets die Frage zu stellen, ob und wie sich die Novellierungen – einzeln, aber erst recht kumuliert – auf die Kundenseite der Institute auswirken. In der öffentlichen Diskussion gewinnt man bisweilen den Eindruck, dass dieser Aspekt zu kurz kommt und stattdessen der Wunsch, mutmaßliche Bösewichte in die Schranken zu weisen, eine dominante Rolle einnimmt.

 

In dieser Situation ist es wichtig, den Dialog zwischen Politik, Aufsicht, Wissenschaft und dem Kreditsektor intensiv zu pflegen. Denn nur im Spiegel der betrieblichen Praktikabilität können Fehlsteuerungen und Überforderungen rechtzeitig und wirksam vermieden werden. Der Bankenausschuss als Forum der wichtigsten am Finanzplatz vertretenen Geldhäuser stellt dabei immer wieder seine Expertise zur Verfügung und ist zugleich gesuchter Gesprächspartner.

 

So fand kürzlich ein Austausch mit Jan Pieter Krahnen statt. Der Frankfurter Finanzprofessor ist der deutsche Vertreter in der High Level Expert Group der EU-Kommission zur Reform der Bankenstruktur in Europa um den finnischen Notenbankgouverneur Liikanen. Die Liikanen-Gruppe hatte für die Kommission ein Modell entwickelt, das das Einlagengeschäft der Kreditinstitute stärker von deren Betätigungen als Investmentbanken abschirmen soll. Die Kreditbranche befürchtet bei Verwirklichung dieser Pläne den Verlust der etablierten Vorteile des Universalbankensystems, von dem insbesondere Firmenkunden profitieren.

 

Gast und Ausschussmitglieder diskutierten intensiv über Stoßrichtung und Details des Vorschlags der Liikanen-Gruppe mit dessen Auswirkungen auf Bankgeschäft und Kundenbeziehungen sowie die Konsequenzen für den Konsolidierungsprozess im Bankensektor. Mit Erfolg: Um im weiteren Prozess belastbare Impact Studies für die Kommission vorlegen zu können, lud der Wissenschaftler Mitglieder des Ausschusses spontan zu einem weiterführenden Austausch ein. Diese Episode zeigt einmal mehr die Funktion des Bankenausschusses als wichtiger Ratgeber und Konsultationspartner im Regulierungsprozess. Diese Rolle wird das Gremium auch in Zukunft wahrnehmen und sich vernehmbar in laufende Debatten einmischen.       

 

Autor

Dr. Lutz Raettig

Vizepräsident und Vorsitzender,

Bankenausschuss, IHK Frankfurt, und Geschäftsleiter, Morgan Stanley Bank International,

Niederlassung Deutschland, Frankfurt,

lutz.raettig@morganstanley.com

 

 

 

IHK WirtschaftsForum,

Oktober 2013