Globale Universalbanken: Managed in Germany

Deutsche Unternehmen sind exportstark. Einhergehend mit der zunehmenden Wettbewerbsfähigkeit auf internationalen Märkten ändert sich zugleich deren Risikoprofil. Dies stellt auch die Banken vor neue Herausforderungen.

 

Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass die Bewältigung der Finanzmarktkrise von herausragender Wichtigkeit für die künftige gesamtwirtschaftliche Entwicklung Deutschlands ist. Seit Ausbruch der Krise in 2008 wurde von der Politik ein vielfältiges Bündel von Regulierungsvorhaben auf den Weg gebracht, teilweise in konzertierten, supranationalen Beschlüssen, teilweise im Alleingang auf nationaler Ebene. Unerwartet schnell wurden gut durchdachte und zielführende Maßnahmen beschlossen, die einerseits das Auftreten künftiger Schocks auf Ebene einzelner Institute vermeiden helfen (Prävention), andererseits das Banken- und Finanzsystem als Ganzes vor Ansteckungsgefahren schützen sollen (Quarantäne).

 

Es ist im Sinne aller Marktteilnehmer, dass der Steuerzahler nicht noch einmal zur Rettung von Banken herangezogen wird. Im Zweifel sollen Banken Pleite gehen können, ohne dass das gesamte System unter unkalkulierbaren Stress gesetzt wird. Insofern umfassen die Quarantäne-Maßnahmen unter anderem ein einheitliches Restrukturierungs- und Abwicklungsregime sowie die Schaffung einer europäischen Bankenaufsicht.

 

Die Prävention auf Ebene einzelner Institute wiederum zielt im Wesentlichen auf eine drastisch höhere Kernkapitalausstattung als Risikopuffer für unerwartete Verluste, auf eine deutlich verbesserte Liquiditätsausstattung zwecks Überbrückung von Stresssituationen in den Geldmärkten sowie auf eine solidere, fristenkongruente Refinanzierung der Aktivseite.

 

Die beschlossenen Maßnahmen scheinen insgesamt gut geeignet, dem Finanzsystem eine neue, nachhaltige Stabilität zu verschaffen. Sie verdienen die Unterstützung aller Marktteilnehmer, zumal die Umsetzung von Basel III helfen wird, verloren gegangenes Vertrauen in den Finanzsektor wiederherzustellen. Allerdings, die sich aus den Regulierungsmaßnahmen ergebenden Herausforderungen für die Anpassung der Geschäftsmodelle jeder einzelnen Bank könnten kaum größer sein. Und dies wird potenziert durch zusätzlichen massiven Gegenwind aufgrund national-politisch motivierter Regulierungsvorhaben, wie Größenbeschränkungen (Stichwort Leverage Ratio), Trennbankensystem, Gehaltsdeckelungen. Es ist mehr als zweifelhaft, ob diese On-Top-Beschränkungen einen Beitrag zur Stabilisierung des Finanzsektors leisten.

 

In jedem Fall wird es aber massive Eingriffe in die Wettbewerbsbedingungen für global agierende Finanzinstitute aus Deutschland und Europa geben. Als Konsequenz ist ein weiterer Konsolidierungsschub im Bankensektor zu erwarten. Bereits in den vergangenen 15 Jahren hat sich die Anzahl der Kreditinstitute signifikant reduziert – in Deutschland um 45 Prozent, in der EU um 34 Prozent, in den USA um 33 Prozent. Mit Umsetzung aller Regulierungsmaßnahmen wird sich dieser Trend fortsetzen.

 

Die Befürchtungen vieler Beobachter, dass die Anpassungen der Geschäftsmodelle zu einem Rückzug der Banken auf nationales Terrain führen werden, sind nicht von der Hand zu weisen. Allein die Notwendigkeit, die Handelsaktivitäten im Investmentbanking künftig mit einem Vielfachen an hartem Kernkapital zu unterlegen, löst eine Neudefinition aus in der Frage, was künftig noch Kerngeschäft ist und was nicht. Zusätzlich belastend wird hierbei auch die von den US-amerikanischen Regulierern ins Feld geführte Anforderung wirken, dass Geschäftsaktivitäten ausländischer Bankinstitute eine von der Kapitalausstattung des Gesamtkonzerns unabhängige, sozusagen „eingezäunt“ separate und damit additive Kernkapitalausstattung vorweisen müssen. Hier werden die Wettbewerbsbedingungen für global agierende Finanzinstitute, das sogenannte Level-Playing-Field, zulasten der europäischen Institute ausgehebelt, die ohnehin aufgrund der sich abzeichnenden zersplitterten Regulierung einen deutlichen Mehraufwand zu leisten haben werden.

 

Als Zwischenfazit sei daher die Prognose erlaubt, dass es in wenigen Jahren nur noch wenige global agierende Universalbanken geben wird, davon vielleicht noch ein bis zwei Institute aus Europa. Was zu der Frage überleitet, ob deutsche Unternehmen globale Universalbanken - und damit auch das Investmentbanking – überhaupt brauchen?

 

Die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen hat sich im vergangenen Jahrzehnt deutlich verbessert und erreicht internationales Spitzenniveau. Eine wesentliche Erkenntnis ist, dass diese Entwicklung nicht trotz der Globalisierung eingetreten ist, sondern wegen der Globalisierung. Deutsche Unternehmen haben sich im besonderen Maße die Vorteile der sich neu öffnenden Märkte für die eigene Wertschöpfungskette zunutze gemacht. Aus „Made in Germany“ wurde „Managed in Germany“.

 

Zwangsläufig hat die Internationalisierung aber auch das Risikoprofil deutscher Unternehmen verändert. Die Komplexität steigt, die Abhängigkeiten werden vielfältiger. Neue Länderrisiken, neue Lieferanten, neue Abnehmer, neue Währungen, neue Finanzierungsanforderungen in neuen Märkten, neue Kulturen im Unternehmen, neue Netzwerke: Es liegt auf der Hand, dass für die Steuerung und das Management dieser Risiko- und Erfolgsfaktoren ein großer Bedarf an Unterstützung und Lösungsangeboten besteht. Hierbei können globale Universalbanken von besonderem Nutzen sein, was an einigen Beispielen verdeutlicht werden soll.

 

Zugang zum Netzwerk: Die Vernetzung innerhalb einer globalen Universalbank stellt sicher, dass der Unternehmenskunde im Wege der koordinierenden Funktion seines Bankbetreuers quasi aus einer Hand die erforderlichen Bankkonten für Tochtergesellschaften im Ausland einrichten kann. Zugleich erhält der Kunde Zugang zum lokalen Netzwerk der Bank, wenn es vor Ort beispielsweise um die Suche nach guten Rechtsanwälten oder Beratern geht.

Zahlungsströme: Globale Universalbanken investieren nachhaltig in ihre Zahlungsabwicklungssysteme. Für den Kunden bedeutet dies Sicherheit, Schnelligkeit und Transparenz bei der Abwicklung des internationalen Zahlungsverkehrs. Dies umfasst natürlich auch die zeitnahe und kostengünstige Durchführung aller relevanten Währungszahlungen.

 

Finanzierungen: Lokale Finanzierungen in lokaler Währung für Tochtergesellschaften deutscher Unternehmen gehören für globale Universalbanken zum Standardangebot. Auch hier erweist sich die koordinierende Rolle des Bankbetreuers im Heimatmarkt als sehr vorteilhaft. Dies umso mehr, wenn sich die Anforderungen der internationalisierenden Kunden weiterentwickeln. So werden die Finanzierungserfordernisse mehrerer Tochtergesellschaften einer bestimmten Länderregion, zum Beispiel Südostasien, immer häufiger gemeinsam gesteuert, was durch das Aufsetzen eines Umbrella-Kreditrahmens sinnvoll unterstützt werden kann.

 

Investmentbanking: Der Nutzen des Investmentbankings für deutsche Unternehmen wird in weiten Teilen der Wirtschaft immer noch unterschätzt. Dies erstaunt umso mehr, als viele Lösungsangebote des Investmentbankings seit Jahren eine etablierte Anforderung der Firmenkunden darstellen. Das Investmentbanking ist fester Bestandteil eines gesamtwirtschaftlich nützlichen Bankgeschäfts, da es sich am Bedarf der Kunden ausrichtet. Zum einen ermöglicht es den Unternehmen, sich gegen elementare Risiken abzusichern und diese auf die Bank zu übertragen. Hierunter fallen Risiken aus Zins-und Wechselkursschwankungen sowie Rohstoff- und Energiepreisentwicklungen, aber auch Zahlungs- und Länderrisiken. Zum anderen gewinnen Investmentbanking-Produkte gerade für größere mittelständische Unternehmen stark an Bedeutung. Dies beginnt bei syndizierten Krediten und geht über Privatplatzierungen und Unternehmensanleihen bis hin zur Beschaffung von Risikokapital über die Börse. Hierbei verschafft die Investmentbank dem Unternehmen den Zugang zum Kapitalmarkt, übernimmt Koordinierungs- und Vermittlungsfunktion und sichert das Platzierungsrisiko ab.

 

Globale Universalbanken bieten somit Lösungsangebote aus einer Hand, sowohl durch einzelne optimal aufeinander abgestimmte Finanzierungsbausteine als auch durch die Übernahme vielfältiger Risiken entlang der Wertschöpfungskette. Sie erfüllen somit eine elementare Funktion zur Förderung der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen.       

 

 

Autor:

Tilman Wittershagen

Sprecher der Geschäftsleitung Frankfurt

Deutsche Bank, Filiale Deutschlandgeschäft

 

 

 

                                                                           IHK WirtschaftsForum,

                                                                                                 Juni 2013