Das Prinzip Aktie

Deutsche Unternehmen sind vergleichsweise zurückhaltend, wenn es darum geht, sich über Aktienemissionen zu finanzieren. Die Gründe für diese Abstinenz sind vielfältig, oft aber auch unbegründet.

 

Gäbe es die Aktie nicht, müsste man sie erfinden.“ Diese Aussage ist bei den vielen Vorteilen, die die Aktie für Unternehmensfinanzierung und Vermögensbildung bietet, ohne Zweifel richtig. Tatsächlich wurde die Aktie jedoch nicht erfunden, sondern das Prinzip Aktie wurde entdeckt. Dieses Prinzip ist wie alle genialen Entdeckungen einfach, und gerade deshalb ist es so wirkungsvoll.

 

Im Kern besagt das Prinzip Aktie, dass viele Anleger kleinere oder größere Beträge beisteuern, um gemeinsam eine große Investition zu finanzieren. Erst dies ermöglichte Innovationen und Investitionen, die ganze Zeitalter prägten, beispielsweise die Eisenbahn, ohne die die industrielle Revolution nie stattgefunden hätte. Heute sind angesichts des Kapitalbedarfs der arbeitsteiligen Wirtschaft Großunternehmen in der Automobil- oder Chemieindustrie kaum ohne eine Finanzierung via Aktie denkbar. Kurzum: Unser aller Wohlstand beruht auf der Aktie.

 

Um die gemeinsame Kapitalaufbringung herum ergeben sich positive Effekte. Sie werden vordergründig als selbstverständlich wahrgenommen, weil die Anleger seit Langem daran gewöhnt sind. Ein einzelner Anleger kann seine Ersparnisse dank kleiner Stückelung in viele verschiedene Aktien investieren. Das ermöglicht die notwendige Risikostreuung. Gleichzeitig kann das Risiko des Scheiterns eines einzelnen Unternehmens auf viele Anleger verteilt werden und wird dadurch erst tragbar.

 

Die Aktie ist nach einem langen juristischen Optimierungsprozess ein sehr standardisiertes Instrument. Wer eine beliebige deutsche Aktie kauft, kann seine Anlegerrechte dem Aktiengesetz und dem Corporate- Governance-Kodex entnehmen. Bei Unternehmen anderer Rechtsformen muss der jeweilige Gesellschaftsvertrag individuell geprüft werden. Aktien können darüber hinaus dank ihrer Fungibilität einfach und kostengünstig von einem Eigentümer zum nächsten weitergegeben werden. Wenn ein Aktionär sich von seinem Investment trennen möchte, bedeutet das keinen Kapitalabfluss aus dem Unternehmen.

 

Besonders einfach ist der Eigentümerwechsel, wenn die Aktie börsennotiert ist.

Die technisch, organisatorisch und rechtlich hoch entwickelten Börsen gewährleisten den Anlegern eine extrem hohe Liquidität, Rechtssicherheit und Zuverlässigkeit beim Kauf und Verkauf von Aktien und anderen Wertpapieren.

Eigentum und Management können bei der Aktiengesellschaft getrennt sein, müssen es aber nicht. Das ermöglicht, die jeweils fähigsten Vorstände und Aufsichtsräte zu engagieren, unabhängig davon, ob diese bereits Miteigentümer des Unternehmens sind oder nicht. Kleine Stückelung und leichte Übertragbarkeit ermöglichen auf einfachste Weise die Beteiligung der Mitarbeiter. Dies trägt auch zur Finanzierung bei, vor allem entfaltet es aber eine Identifikations- und Motivationswirkung. Beteiligte Arbeitnehmer agieren anders – beteiligt eben. Und zu guter Letzt: Aktien erzielen als unternehmerische Beteiligung eine Eigenkapitalrendite, die langfristig und im Durchschnitt der Unternehmen über der Rendite für Fremdkapital, zum Beispiel festverzinsliche Papiere, liegt. Dies ist zugleich ein Vorteil für die langfristige Anlage, etwa im Rahmen der privaten Altersvorsorge.

 

Bei all diesen Vorteilen müsste die Aktie sich höchster Beliebtheit bei Anlegern, Unternehmen, Politik und Gesellschaft erfreuen. Dem ist jedoch nicht so. Deutschland ist kein Land der Aktionäre und nur begrenzt ein Land der Aktiengesellschaften. Rund 4,2 Millionen Anleger halten direkt Aktien; das entspricht 6,5 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren. 5,1 Prozent des Geldvermögens der Deutschen ist in Aktien angelegt. Im Durchschnitt kommen sie auf ein Depotvolumen von 29 120 Euro. Allerdings ist das Aktienvermögen sehr ungleich verteilt. Die Hälfte aller Aktiendepots enthält nach aktuellen Angaben der Bundesbank weniger als 8 600 Euro.

 

Auch auf der Finanzierungsseite wird die Aktie in Deutschland nicht so intensiv genutzt. Börsengänge finden seit der Subprime-Krise und dem Konkurs von Lehman Brothers kaum noch statt. Kapitalerhöhungen bereits börsennotierter Aktiengesellschaften sind zwar erfolgreich, doch für eine kapitalintensive und auf Innovationen angewiesene Wirtschaft wie die deutsche ist dies auf Dauer nicht ausreichend. Unternehmen finanzieren sich in anderen Ländern viel stärker über Aktienemissionen, während in Deutschland andere Quellen, unter anderem der klassische Bankkredit, stark genutzt werden: Die Börsenkapitalisierung – der Gesamtwert aller börsennotierten Aktien – liegt in Deutschland bei rund 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Japan bei über 75 Prozent, in den USA bei über 100 Prozent und in Großbritannien sogar über 150 Prozent.

 

In Politik und Gesellschaft ist die Aktie und mit ihr die Institution der Börse ebenfalls nicht ausreichend anerkannt. Die Ursachen für die aktuelle Euro-Krise und die vorangegangene Subprime-Krise werden von vielen Politikern, aber auch einem Teil der Medien, oftmals pauschalisiert „der Börse“, „den Märkten“ oder „den Spekulanten“ zugeschrieben. Aktie und Börse haben in weiten Kreisen eine schlechte Reputation, und ihr tatsächlicher oder bei intensiverer Nutzung möglicher Nutzen wird verkannt.

 

Die Gründe für diese schlechte Reputation sind vielfältig. Ein Schlüsselfaktor liegt in der Abstraktheit und Komplexität der Themen rund um Finanzmärkte und der Schwierigkeit, sie allgemeinverständlich zu erklären. Menschen tendieren dazu, alles abzulehnen, was sie nicht verstehen und ihnen bedrohlich erscheint. Nur wirkliches Verständnis schafft die notwendige gesellschaftliche und politische Akzeptanz von Kapitalmärkten. Dieses Verständnis zu schaffen, ist eine Daueraufgabe – auch, aber nicht nur für das Deutsche Aktieninstitut. Es liegt im Interesse aller am Finanzmarkt beteiligten Akteure, ihr Handeln besser zu erklären.

 

Daneben ist einzugestehen, dass es im Finanzbereich Entwicklungen gibt, deren negative Aspekte nicht verschwinden, auch wenn man sie deutlicher erklärt und besser versteht. Einige Beispiele: Aktienkurse sind eben volatil und schwanken in Abhängigkeit von vielen Faktoren. Manche Manager oder Mitarbeiter erliegen trotz aller gesetzlichen Vorschriften der Versuchung, Insiderwissen auszunutzen. Betrüger nutzen immer wieder die Gutgläubigkeit privater Anleger aus und vertreiben Schneeballsysteme, an denen niemand verdient außer ihnen selbst. All dies trägt nicht zur Reputation von Finanzmarkt, Aktie und Börse bei, selbst wenn zum Beispiel bei Schneeballsystemen weder Aktie noch Börse genutzt werden, sondern obskure Steuersparmodelle oder Ähnliches. Dieses Beispiel zeigt, wie Fehlverhalten und Fehlverständnis sich unheilvoll ergänzen und vermischen können.

 

Angesichts des komplexen Ursachenbündels ist ein ganzes Bündel von Maßnahmen erforderlich, um eine bessere Akzeptanz der Aktie zu erreichen. Die Liste beginnt bei der Beseitigung der doppelten Besteuerung der Aktienanlage auf Unternehmens- und Anlegerebene und reicht über eine behutsame Fortentwicklung der gesetzlichen Rahmenbedingungen bis hin zur intensiveren Nutzung der Aktie als Instrument der ergänzenden privaten Altersvorsorge.

 

Das sind aber alles eher technische Maßnahmen, die auf einer grundsätzlich positiven Einstellung fußen müssen: Der Kapitalmarkt ist, obwohl oft suggeriert, nicht die Ursache aller Probleme. Oft werden Probleme anderer Genese an den Kapitalmärkten, etwa an Börsenkursen, erstmals für eine größere Öffentlichkeit sichtbar. Aber: Das Fieberthermometer trägt keine Schuld an der Grippe. Die Grundüberzeugung, die Voraussetzung für eine tragfähige und nachhaltige Aktienkultur ist, lautet: Die Unternehmen am Finanzplatz stellen Lösungen für wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme bereit. Dafür brauchen sie ordnungspolitische Hilfestellung durch die Politik in Form angemessener Rahmenbedingungen. Nur dann können Aktie, Börse und der Finanzplatz ihre Stärken voll zur Geltung bringen.

 

Autoren:

Dr. Christine Bortenlänger

Geschäftsführendes Vorstandsmitglied

Deutsches Aktieninstitut, Frankfurt

 

Dr. Franz-Josef Leven

Stellvertretender Geschäftsführer

Deutsches Aktieninstitut, Frankfurt

 

 

 

                                                                           IHK WirtschaftsForum,

                                                                                                  Juni 2013