Den Wissenstransfer sichern

In vielen Unternehmen ist die Gruppe der Mitarbeiter 50plus groß. Die anhaltende Integration dieser Mitarbeiter scheint schwierig, und die Befürchtungen um den Wissensverlust sind enorm.

 

Nicht gerade selten ist von Mitarbeitern 50plus in Unternehmen die Aussage zu hören: „Ich habe noch acht Jahre bis zum Ruhestand, dann werde ich aktiv und setze meine Ideen um.“ Und schnell stellen sich für das Unternehmen die Fragen: „Wie kann ich sie motivieren, sich mit ihrem Erfahrungsschatz weiterhin in das Unternehmen einzubringen, und ihr Wissen sichern?“

Das sind relevante Fragen. Hinzu kommt die Überlegung, ob es einen Paradigmenwechsel in der Kultur der Unternehmen und somit auch bei den Mitarbeitern braucht. Die Wirtschaft durchlebt gerade in vielen Teilen der Welt den Wandel vom Industrie- zum Wissenszeitalter – wobei natürlich eine Abgrenzung zwischen den Bürotätigkeiten und den körperlichen Tätigkeiten vorzunehmen ist. Ist heutzutage das Modell Ruhestand mit 65 Jahren noch zeitgemäß? Unternehmen greifen aktuell immer mehr auf ihre interessierten Ruheständler zurück. Sie sind Experten, die ihr Wissen gerne einbringen und für die Unternehmen einen wertvollen Beitrag leisten. Das müssen nicht zwangsläufig 40 Stunden pro Woche sein.

 

Für viele Arbeitgeber stellt sich die Frage, ob Mitarbeiter 50plus mehr motiviert werden müssen als jüngere Kollegen oder eher darauf zu achten ist, sie nicht zu demotivieren. Ziel oder vielmehr Wunsch vieler Unternehmen ist es, die Mitarbeiter 50plus und ihr Wissen weiterhin in den Unternehmensalltag zu integrieren und nutzbar zu machen. Denn sie haben in der Regel ein breites Wissen und in ihrem Arbeitsleben einen großen Erfahrungsschatz gesammelt.

Und dann wird ihnen eine Führungskraft vorgesetzt, die wesentlich jünger ist und zumindest auf den ersten Blick viel weniger Erfahrung hat. Das ist häufig die Realität und für beide Seiten eine Herausforderung. Die Führungskraft muss sich erst einmal beweisen. Das schafft sie unter anderem durch soziale und fachliche Kompetenz. Sie muss erreichen, dass der Mitarbeiter sie akzeptiert. Diese Situation gilt natürlich auch für jüngere Mitarbeiter, doch bei erfahrenen Mitarbeitern ist es oftmals schwieriger. Mitarbeiter 50plus haben meist viele Führungskräfte kommen und gehen sehen.

 

Mitarbeiter einbinden

Die Führungskraft muss es daher schaffen, den Mitarbeiter einzubinden und vor allem erreichen, dass er sie respektiert. Das gelingt vor allem dadurch, dass den Mitarbeitern immer Wertschätzung entgegengebracht wird. Nur wer sich als vollwertiges Teammitglied sieht, wird sich auch voll in das Team einbringen. Eine beidseitige Erwartungsklärung ist dabei immer hilfreich: „Was erwarten Sie als Mitarbeiter von mir in Bezug auf unsere Zusammenarbeit und meine Führung?“ Oftmals sind Erwartungen an den anderen vorhanden. Ausgetauscht werden sie jedoch selten. Das kann sich zu einem unnötigen, aber oftmals gewaltigen Konfliktpotenzial summieren.

 

Ein weiteres wichtiges Element ist für den Mitarbeiter die Frage nach dem Sinn. Ist dem Mitarbeiter bewusst, welchen Sinn er für das Unternehmen tagtäglich stiftet? Oftmals sind die Zusammenhänge zwischen den eigenen Arbeitsschritten und den Arbeitsschritten davor und danach nicht klar erkennbar. Wenn die Sinnfrage der eigenen Tätigkeit geklärt ist, steigt meistens auch die Motivation. Das wiederum führt zu einer besseren Integration in das Team, einem verbesserten Output und ist somit für das ganze Unternehmen positiv.

 

Wissen für Unternehmen sichern

Um das Wissen der Mitarbeiter für das Unternehmen zu sichern, haben sich in der Praxis folgende Vorgehensweisen bewährt: Ein Team oder eine Projektgruppe besteht im besten Fall aus altersgemischten Mitarbeitern, beispielsweise ein 25-, 35-, 45- und 55-Jähriger. In dieser Konstellation Themen zu bearbeiten, führt immer wieder zu dem Ergebnis, dass die jüngeren Mitarbeiter vom Wissen der erfahrenen Mitarbeiter profitieren. Hierbei ist es wichtig, die jüngeren Mitarbeiter dazu zu ermutigen, Inhalte zu hinterfragen, die für die erfahrenen Mitarbeiter selbstverständlich sind. Die erfahrenen Mitarbeiter merken dadurch, mit wie viel Selbstverständlichkeit sie den Berufsalltag meistern und freuen sich über das Interesse der Jüngeren. Sie können weiterhelfen und erleben ein Gefühl von Gebrauchtwerden. Erfahrene Mitarbeiter melden häufig zurück, dass sie den Blick über den Tellerrand sehr genießen und dadurch wieder mehr Interesse für das Unternehmen entwickeln. Ganz nebenbei werden durch das Vorgehen Vorurteile zwischen der Smartphone-User-Generation und den Papierfreunden abgebaut und sich gegenseitig etwas von der anderen Welt beigebracht.

Eine weitere Möglichkeit sind Patenschaften zwischen einem jungen und einem erfahrenen Mitarbeiter. Neben den bereits genannten Effekten hat dies zusätzlich den Vorteil, dass der erfahrene Mitarbeiter mehr Verantwortung übertragen bekommt. Dies führt wiederum dazu, dass er Anteil am Geschehen im Unternehmen nehmen kann und muss. Er ist aktiver integriert und überträgt dabei noch sein Wissen an seinen jüngeren Kollegen.

 

In einigen Unternehmen hat sich ein interner Club der über 50-Jährigen bewährt. Für die Beteiligten hat der Club den Vorteil, dass ein Austausch unter Gleichgesinnten erfolgt. Die Unternehmen geben diesen Clubs häufig die Aufgabe, Ideen für die Zukunft des Unternehmens zu erarbeiten. Das bringt einen Mehrwert für beide Seiten. Die Mitarbeiter 50plus sind wieder in das Unternehmensgeschehen eingebunden, und das Unternehmen profitiert von deren Erfahrungen. Das Interesse der jüngeren Mitarbeiter am Wissen der erfahrenen Mitarbeiter kommt in dem Moment zum Vorschein, wenn sich die jüngeren Mitarbeiter von dem Club vordergründig ausgeschlossen fühlen. Dem kann natürlich durch die Einbindung der Jüngeren in Themen oder Projekte des Clubs entgegengewirkt werden.

 

In der Summe gilt es, die erfahrenen Mitarbeiter einfach normal integriert zu behandeln. Sie sind heutzutage häufig vital und voll leistungsfähig. Es geht um einen Paradigmenwechsel in den Köpfen und darum, die Mitarbeiter 50plus ernst zu nehmen. Dass sie noch bis zu 15 Jahre arbeiten dürfen, ist eine Realität, die auch angesprochen werden sollte. Und dann geht es darum, das wertvollste Kapital, nämlich das Wissen der Mitarbeiter, zu sichern und dafür zu sorgen, dass sie bis zum Ende des Berufslebens ein aktiver Teil des Unternehmens sind und bleiben möchten. Und Tatsache ist, dass alle Mitarbeiter im Unternehmen früher oder später ebenfalls zu den Kollegen 50plus zählen werden.

 

Autorin

Stefanie Kaulich

Geschäftsführende Gesellschafterin

Beyer Unternehmensberatung, Frankfurt

stefanie.kaulich@beyer-beratung.com