Ein Glücksfall - 50 Jahre deutsche Bundesbank: Interview mit Präsident Prof. Axel A. Weber

Mitte Januar 1948 fiel die Entscheidung der damaligen Militärregierung: Frankfurt wurde Sitz der Bank deutscher Länder, der Vorläuferin der Deutschen Bundesbank. Wie beurteilen Sie – 50 Jahre später – diese historische Entscheidung?


Weber: Für Frankfurt und die Region war diese Entscheidung ein Glücksfall. Der Finanzlatz Frankfurt hatte zwar Tradition, war aber auch dem Krieg zunächst unbedeutender als Hamburg, wohl auch als Köln und Düsseldorf. Erst mit der Ansiedlung der Bank deutscher Länder und später der Bundesbank verlegten die westdeutschen Großbanken nach und nach ihre Zentralen nach Frankfurt, was die Stadt zu der deutschen Bankmetropole macht.



War es – rückblickend – von Nachteil, dass die Bundesbank nicht in der Bundeshauptstadt gegründet wurde?

Weber: Die amerikanische Militärregierung wollte die Zentralbank offenbar unbedingt am mutmaßlichen Regierungssitz der späteren Bundesrepublik ansiedeln. Dass 1949 Bonn zur Hauptstadt wurde und nicht Frankfurt, war die junge Notenbank indes nicht von Nachteil, denn die räumlichen Trennung trug zu ihrer Unabhängigkeit konnte zuerst die Bank deutscher Länder und von 1957 an die Bundesbank erfolgreich für Preisstabilität in Deutschland sorgen. Und von der örtlichen Nähe zu den Aktteuren des Finanzplatzes Frankfurt profitiert nicht nur die Bundesbank, sondern auch die Europäische Zentralbank.

Die Bundesbank hatte zwei große Umbrüche zu bewältigen: Die nationale Währungsunion nach der deutschen Wiedervereinigung und die europäische Wirtschafts- und Währungsunion mit der Einführung des Euro. Hatte dies Einfluss auf das Statut der Unabhängigkeit?

Weber: Bei der Errichtung des Europäischen Zentralbanksystems im Vorfeld der Währungsunion hat das institutionelle Design der Bundesbank eine wichtige Vorbildrolle gespielt. Insbesondere die Unabhängigkeit der Notenbank, die in Deutschland ja seit Langem unumstritten ist, war für einige unsere Partner damals Neuland. Heute gibt es in Europa – keine ernsthaften Zweifel mehr an den Vorteilen einer unabhängigen Notenbank. 78 Prozent der Bürger im Euro- Raum halten die Unabhängigkeit des Eurosystems für wichtig, in Deutschland sind es sogar 87 Prozent.

Die europäische Geldpolitik wird von der EZB wahrgenommen, Brauchen wir die Bundesbank überhaupt noch?

Weber: Zunächst einmal muss ich Sie korrigieren. Die europäische Geldpolitik wird vom Eurosystem verantwortet, also allen Zentralbanken des Euro- Raums und nicht allein von der EZB. Klar über das Leitzinsniveau in Deutschland bestimmt heute  der EZB- Rat, dem ich als Präsident der Bundesbank angehöre. Wer daraus aber den Schluss zieht, die Bundesbank sei nun ohne Aufgabe, liegt daneben. Leitzinsentscheidungen genießen in der Öffentlichkeit zwar die größte Aufmerksamkeit, sie beschäftigen jedoch den kleinsten Teil der Beschäftigten einer Notenbank. Die Ausführung der gemeinsamen Geldpolitik, also das operative Geschäft, obliegt im Eurosystem weiterhin den nationalen Zentralbanken. Und als Zentralbank der größten Volkswirtschaft des Währungsraums am wichtigsten Finanzplatz des Euro- Raums hat die Bundesbank einen großen Anteil daran. So werden mehr als die Hälfte aller Refinanzierungsgeschäfte im Euro- Raum von der Bundesbank abgewickelt und mehr als 40 Prozent des Euro- Bargelds von der Bundesbank im Umlauf gebracht. Über diese Aufgaben auf Basis nationaler Gesetzgebung übertragen: Wir verwalten zum Beispiel die nationalen Währungsreserven und vertreten Deutschland im Internationalen Währungsfonds.


Welche Aufgaben hat die Deutsche Bundesbank, heute und morgen?

Weber: Wir haben sehr vielfältige Aufgaben und sind nicht auf der Suche nach neuen. Es gibt fünf Geschäftsfelder, auf denen wir heute und in Zukunft den Kern unserer Tätigkeiten sehen: Neben der Geldpolitik gehören dazu die Bereiche Finanzstabilität, Bankenaufsicht, Zahlungsverkehr und Bargeld. Für die Zukunftsfähigkeit der Bundesbank ist es wichtig, auf diesen Feldern ein klares Profil zu zeigen. Gleichzeitig muss de Konsolidierung fortgesetzt werden, auch wenn sich die Bundesbank in den vergangenen Jahren bereits in einer Weise verschlankt hat, wie es im öffentlichen Sektor wohl ohne Beispiel ist. Bis 2012 wird der Personalbestand innerhalb eines Jahrzehnts um 40 Prozent verringert worden sein – und dies ohne betriebsbedingte Kündigungen.


Fünf Jahre nach dem Abschied von der D- Mark: Ist der Euro eine Erfolgsstory?

Weber: Der Euro ist aus drei Gründen eine Erfolgsstory: Der Euro hat den innereuropäischen Handel unterstützt, der Euro hat das Zusammenwachsen der europäischen Finanzmärkte gefördert und vor allem: Der Euro ist eine stabile Währungsunion den Euro als Weichwährung erwarten. Lagen falsch.


Jüngste gab es einige Verwerfungen im weltweiten Finanzsystem. Wie kümmert sich die Bundesbank um die Stabilität von Finanzsystemen?

Weber. Die Bundesbank ist seit ihrer Gründung an der Bankenaufsicht beteiligt und die seit 2002 mit der Bundesanstalt für Finazdienstleistungsaufsicht geteilte Verantwortung hat sich im Grundsatz bewährt. Die erwähnten Verwerfungen auf den Finanzmärkten haben gezeigt, wie rasch sich Liquiditätsprobleme einzelner Institute auf ganze Märkte ausbreiten können. Hier sind wir Notenbanken gefordert, mit liquiditätssichernden Maßnahmen zur Funktionsfähigkeit der Märkte beizutragen. Dies ist auch ein wichtiger Beitrag zur Finanzstabilität. Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben aber auch die Notwendigkeit einer regelmäßigen Finanzstabilitätsanalyse untermauert. Die Bundesbank kann aufgrund ihrer besonderen Expertise auf den Gebieten der volkswirtschaftlichen und Finanzmarktanalyse, der Zahlungsverkehrs und der laufenden Beaufsichtigungen einzelner Banken kompetente Urteile zur Stabilität des Finanzsystems als Ganzes treffen. Hierin liegt unser besonderer Vorteil im Vergleich zu einer eher institutsspezifischen Sichtweise. Daher ist unsere Mitwirkung an der Bankenaufsicht wichtig. Auf diese Kompetenz der Bundesbank sollte die Politik nicht leichtfertig verzichten.

Seit ihrer Gründung ist die Deutsche Bundesbank eng mit Frankfurt verbunden. Wie steht der Finanzplatz Frankfurt im europäischen Kontext da?

Weber: Finanzplätze stehen heute in einem weltweiten Wettbewerb. Als führender Bankenstandort Kontinentaleuropas hat Frankfurt eine gute Position und günstige Perspektiven. Frankfurt tut gut daran, seine Stellung als Kompetenzzentrum im Bereich der finanzwirtschaftlichen Forschung auszubauen. Von der Gründung des House of Finance versprechen ich mir einen anregenden Dialog zwischen Wissenschaft, Notenbank und Finanzbusiness. Die Bundesbank will weiterhin dazu beitragen, den Finanzstandort Deutschland voranzubringen. Wir wirken bei der Gestaltung der Finanzmarktregulierung und der Fortentwicklung des Wertpapier- und Börsenwesens sowie der Deregulierung der Fondsindustrie und des Retail- Derivate- Marktes. Ein moderner Finanzstandort Deutschland ist im Übrigen mit Sicherheit die beste Grundlage für einen wettbewerbsfähigen Finanzplatz Frankfurt.


Das Gespräch führte

Geschäftsführer
IHK Frankfurt am Main
Starthilfe und Unternehmensförderung

IHK WirtschaftsForum
Februar 2007