Eiopa: Unabhängige Stimme

Herr Bernardino, wie erleben Sie persönlich Frankfurt?

BERNARDINO: Mir persönlich gefällt Frankfurt sehr gut. Es ist eine international aufgestellte Stadt, und ihr Standort im Herzen von Europa eignet sich hervorragend für unsere Tätigkeit als Aufsichtsbehörde im Finanzwesen. Ich fühle mich in Frankfurt zu Hause, auch wenn ich mir gelegentlich etwas mehr Sonne wünschen würde. In meiner Eigenschaft als Vorsitzender von Eiopa möchte ich mich bei der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen für ihre Aufnahme und ihre Unterstützung bedanken. Eiopa gefällt Frankfurt – eine Stadt, die zunehmend internationale Bedeutung als Schwerpunkt für Regulierung und Aufsicht im globalen Finanzsystem erhält. Wir freuen uns auf die fruchtbare Fortsetzung unserer Kooperation.

 

Hat sich Eiopa als neue Behörde in Frankfurt und in Europa bereits in der Finanzmarktstruktur etabliert?

BERNARDINO: Eiopa entstand 2011 als Teil des neuen europäischen Systems der Finanzaufsicht. In den vergangenen zwei Jahren hat sich Eiopa etabliert, und ich denke, dass wir inzwischen von den verschiedenen Marktteilnehmern als bedeutende, unabhängige Stimme in der Aufsichtsstruktur der Finanzmärkte, sowohl in Europa als auch auf globaler Ebene, wahrgenommen werden. Eiopa ist auch Teil des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken und arbeitet eng mit der Europäischen Zentralbank, insbesondere im Bereich der Finanzstabilität, zusammen. Dabei hilft es natürlich, dass sowohl EZB als auch Eiopa ihren Sitz in Frankfurt haben.

 

Solvency II ist eine der Top-Prioritäten von Eiopa. Was muss geschehen, um die Solvency-II-Regulierung voranzubringen?

BERNARDINO: Nach der Zustimmung der politischen Institutionen der Europäischen Union hat Eiopa eine Auswirkungsstudie zu den langfristigen Garantien begonnen. Wir unterstützen diesen Ansatz. Denn es ist von wesentlicher Bedeutung für den Schutz der Versicherungsnehmer und die finanzielle Stabilität, dass Solvency II die langfristige Finanzposition und die Risikoexposition von Unternehmen im langfristigen Versicherungsgeschäft zutreffend abbildet. Wir brauchen einen robusten Rahmen, der alle Vertragsoptionen korrekt bepreist und die wirtschaftliche Realität der Anlagen und Verbindlichkeiten von Versicherungsgesellschaften erfasst. Wir müssen sehen, dass Garantien einen Preis haben; es gibt eben nun einmal nichts umsonst. Ich bin aber zuversichtlich, dass die unabhängige Beurteilung der Eiopa als Aufsichtsbehörde eine verlässliche Grundlage für eine aufgeklärte politische Entscheidung zu langfristigen Garantien in Solvency II ermöglichen wird.

 

Was sind die nächsten Schritte?

BERNARDINO: Wir werden bis zum Herbst Leitlinien veröffentlichen. Sie sollen sicherstellen, dass die nationalen Aufsichtsbehörden bestimmte wichtige Aspekte des neuen prospektiven und risikoorientierten Ansatzes ab 1. Januar 2014 umsetzen können. Diese Leitlinien werden grundlegende Bereiche einer wirkungsvollen Vorbereitung auf Solvency II umfassen, etwa das Governance-System, einschließlich eines Risikomanagements, eine in die Zukunft gerichtete Beurteilung der eigenen Risiken des Unternehmens sowie die Unterbreitung von Informationen gegenüber der nationalen Aufsichtsbehörde und eine erste Anwendung interner Modelle. Dabei obliegt es aber den nationalen Aufsichtsbehörden, festzulegen, wie die Eiopa-Richtlinien auf geeignete Art und Weise in die jeweiligen Aufsichtsrahmen integriert werden. In der Vorbereitungsphase sollte dabei auch die Verhältnismäßigkeit der Mittel zur Anwendung kommen, was sich im Übrigen auch in den Leitlinien niederschlagen wird. Uns geht es aber nicht darum, Solvency II zu antizipieren, sondern die Aufsichtsbehörden und Unternehmen konsequent auf das neue System vorzubereiten.

 

Bedeutet das, dass Solvency II als Optimierung bei laufendem Betrieb verstanden werden kann?

BERNARDINO: Solvency II verfolgt das Ziel, den Versicherungsnehmer stärker zu schützen. Dabei nutzen wir die neuesten internationalen Erkenntnisse auf den Gebieten der risikobasierten Aufsicht, versicherungsmathematischer Wissenschaft und Risikomanagement. In der Zwischenzeit hat die Finanzkrise natürlich eine Reihe von Auswirkungen auf die Diskussionen zu Solvency II gehabt. Einige davon wurden bereits zu Anfang des Projekts berücksichtigt und führten auch zu Verbesserungen des Systems. Gleichwohl müssen wir auch nachjustieren: So hat sich beispielsweise die sehr hohe Marktvolatilität als Herausforderung in einem marktnahen System, insbesondere in Bezug auf langfristige Garantien, erwiesen. Ohne diese Herausforderungen herunterspielen zu wollen, glaube ich, dass es Zeit ist, den nächsten Schritt zu machen. Die Reform ist wichtig und erforderlich. Um die Dynamik aufrechtzuerhalten, müssen wir jetzt weiterkommen.

 

Wie schätzen Sie die Situation, insbesondere der deutschen Versicherungsgesellschaften, angesichts der niedrigen Zinsen und der Herausforderungen von Solvency II ein?

BERNARDINO: Anhaltend niedrige Zinsen wirken sich unterschiedlich auf die Versicherungsgesellschaften in den einzelnen Ländern aus. Auf der Passivseite führen sie zu einer Erhöhung der Verpflichtungen der Gesellschaften und demzufolge zu einer Beeinträchtigung ihrer finanziellen Position. Auf der Aktivseite haben die Zinsen einen negativen Effekt auf die Anlageerträge und erhöhen das Wiederanlagerisiko. Dieses Problem verstärkt sich noch, wenn den Versicherungsnehmern Garantiezinsen versprochen worden sind.

 

Was unternimmt Eiopa, um das Niedrigzinsproblem besser einschätzen zu können?

BERNARDINO: Um das langfristig niedrige Zinsniveau anzugehen, hat Eiopa vor Kurzem den Aufsichtsbehörden empfohlen, die Aufsicht über Versicherungsgesellschaften, die höheren Risiken aufgrund niedriger Zinssätze ausgesetzt sind, zu intensivieren und den potenziellen Umfang und den Maßstab dieser Risiken aktiv zu bewerten. Auch wir bei Eiopa werden demnächst das Ausmaß und die Größenordnung der Risiken, die sich aus einem solchen Umfeld ergeben, quantifizieren.

 

 

Interview:

Dr. Matthias Schoder

Geschäftsführer Finanzplatz, Unternehmensförderung, Starthilfe

IHK Frankfurt am Main

m.schoder@frankfurt-main.ihk.de

 

 

 

IHK WirtschaftsForum,

Juni 2013