Industriestandort: Vor neuen Herausforderungen

FrankfurtRheinMain ist nach wie vor ein bedeutender Industriestandort, dem – wie überall in Europa – ein Strukturwandel bevorsteht. Ein Gespräch mit Jürgen Vormann, Vorsitzender der Geschäftsführung, Infraserv Höchst.

Herr Vormann, fühlen Sie sich als Mann der Industrie in FrankfurtRheinMain nicht mitunter einsam?

Nein, ganz im Gegenteil. Unter den fast 350 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe der Region fühle ich mich sehr geborgen. Im Kredit- und Versicherungsgewerbe gibt es nicht einmal halb so viele Beschäftigte.

Dennoch ist eine fortschreitende Deindustriealisierung der Region wohl kaum zu leugnen.

Natürlich ist FrankfurtRheinMain ein bedeutender europäischer Finanzplatz und darüber hinaus die Luftverkehrsdrehscheibe Deutschlands. Gleichzeitig ist FrankfurtRheinMain aber immer noch ein bedeutender Industriestandort. Die Industrie spielt nach wie vor eine tragende Rolle für Wohlstand und Beschäftigung in der Region. Gleichwohl steht die Industrie in FrankfurtRheinMain – wie im Übrigen auch in ganz Europa – heute vor neuen Herausforderungen, deren Bewältigung sich in einem zum Teil dramatischen Strukturwandel manifestiert. So werden heute viele industrienahe Dienstleistungen statistisch der Branche nicht mehr zugerechnet. Und damit entsteht vielfach der falsche Eindruck von fortschreitender Deindustrialisierung.

Warum wird die Industrie in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung verkannt?

Die Probleme fangen bereits in der Schule an. Die Industrie und die Beschäftigung mit industrienahen Themen spielt im Unterricht – vielleicht mit Ausnahme des Geschichtsunterrichts – so gut wie keine Rolle. Und so geistern vielfach immer noch die längst überholten Bilder industriebedingten Ressourcenverzehrs und der durch den globalen Wettbewerb bedingte industrielle Strukturwandel samt seiner sozialen Folgen – Stichwort „Montanindustrie im Ruhrgebiet“ – durch die Köpfe. Ein eigenes Unterrichtsfach „Wirtschaft“ könnte hier Abhilfe schaffen. Ein weiterer dringend notwendiger Schritt wäre, die Mint-Fächer zu stärken und somit die Begeisterung für Technik und Naturwissenschaften – übrigens auch bei Mädchen – zu wecken. Wir brauchen eine solche Unterstützung und Stärkung der Mint-Fächer, weil wir schon heute zu wenige Naturwissenschaftler und Techniker haben.

Was kann und sollte Politik leisten, um den Industriestandort FrankfurtRheinMain zu stärken?

FrankfurtRheinMain muss ein internationaler Knotenpunkt bleiben. Geschäftsbeziehungen verbinden uns mit allen Kontinenten dieser Erde. Wir sind daher auf eine exzellente Infrastruktur auf der Straße, der Schiene, in der Luft und auch über das Kabel angewiesen. Zudem müssen vor dem Hintergrund eines zunehmend globalen Standortwettbewerbs vor allem der Bund und das Land weiter daran arbeiten, die Standortbedingungen für deutsche Unternehmen hierzulande in allen relevanten Bereichen zu verbessern – Stichwort Smart Regulation. Dabei reden wir zunehmend auch von Regelungsfeldern, deren Inhalte im Wesentlichen auf der europäischen Ebene determiniert werden. Eines muss klar sein: Die Politik kann nicht und sollte nicht alles regeln. Eine gute Industriepolitik regelt so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich. Jedoch sollten die notwendigerweise staatlich zu regelnden Dinge intelligent – und das heißt im Wesentlichen nach unseren bewährten Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft – geregelt werden. Das meine ich mit Smart Regulation.

Welchen Beitrag kann die Region selbst leisten?

Dass die Player einer Region über eine eigene Gestaltungsmacht verfügen, machen vergleichbare Regionen wie München oder Stuttgart erfolgreich vor. Nach unserer Erfahrung wird die Wettbewerbsfähigkeit immer mehr von der Stärke der Metropolregionen abhängen. Deshalb müssen wir uns hier in FrankfurtRheinMain finden und auch über die Grenzen der einzelnen Bundesländer hinweg stärker zusammenwachsen.

Wie viel Chancen geben Sie derartigen Forderungen? Zeigt nicht das Thema Gewerbesteuer, dass sich am Ende doch jeder selbst der Nächste ist?

Auch beim Thema Gewerbesteuer sollte niemand die Flinte vorschnell ins Korn werfen. Hier kommt es meines Erachtens auf das richtige Konzept an. Ziel muss es sein, einen Interessenausgleich bei möglichst geringen Gewerbesteuer-Hebesätzen zu bewirken. Es ist ein Ausgleich zwischen kleineren Kommunen, die mit der zentralen Lage und günstigen Konditionen bei Unternehmen punkten, und den Zentren wie Frankfurt, deren kulturelle Einrichtungen und sonstigen Infrastrukturangebote die Attraktivität der Region prägen, zu schaffen. Es muss eine Win-win-Situation für alle Kommunen der Region erreicht werden. Dies kann gelingen, wenn einerseits der Gewerbesteuer-Hebesatz signifikant gesenkt wird, und andererseits die Unternehmen im Rahmen einer Selbstverpflichtung für einen Übergangszeitraum von drei bis vier Jahren einen Teil der eingesparten Steuern als freiwilligen Beitrag an die Kommunen zahlen. Die mit der Senkung der Hebesätze verbundene Steigerung der Attraktivität des Standorts wird Neuansiedlungen bringen und damit letztendlich auch zu höheren Steuereinnahmen führen.

Sie wissen, diese Themen brauchen einen langen Atem. Haben Sie als Manager nicht manchmal Sorge, zu resignieren?

Ich werde ungeduldig, wenn ich sehe, mit welch geringem Tempo wir das eigentlich für richtig Erkannte umsetzen, zum Beispiel in der Ballungsraumpolitik. Selbstverständlich müssen hier Land, Städte, Verbände und Unternehmen unter einen Hut gebracht werden. Das ist alles andere als einfach. Aber die Zeit läuft uns bei verschiedenen Themen wie der Wettbewerbsfähigkeit der Regionen davon. Die Chancen, welche beispielsweise die Novellierung des Ballungsraumgesetzes bietet, sollten daher schnell und gewissenhaft genutzt werden.  


Interview
Detlev Osterloh
Geschäftsführer
IHK Frankfurt
Innovation und Umwelt


Broschüre "Industrie – Impulse – Innovationen"

Die Metropole FrankfurtRheinMain gilt national und international als bedeutendes Finanzzentrum und wichtige Verkehrsdrehscheibe. Doch gehört der Wirtschaftsstandort auch zu den bedeutenden Industrieregionen in Deutschland. Rund 450 000 Erwerbstätige sind direkt im verarbeitenden Gewerbe beschäftigt. Weitere 200 000 Personen sind indirekt in Dienstleistungsunternehmen beschäftigt, die ihre Leistung unmittelbar für das verarbeitende Gewerbe erbringen. Die Gesamtproduktionsleistung der Industrie, einschließlich der abhängigen Dienstleistungen in FrankfurtRheinMain, beträgt rund 110 Milliarden Euro pro Jahr. Die wirtschaftliche Bedeutung der Industrie für die Prosperität der Region ist bislang noch nicht hinreichend im Bewusstsein der Politik und der Öffentlichkeit angekommen. Mit einer neuen 70-seitigen Industriebroschüre will die IHK Frankfurt zeigen, dass die Industrie wichtiger Impulsgeber für Wohlstand und Arbeitsplätze in der Region ist. Die Broschüre enthält neben einer Beschreibung der Wirtschaftskraft des verarbeitenden Gewerbes auch eine Reihe politischer Forderungen, die in einem Sieben-Punkte-Programm zusammengefasst sind.

Die Broschüre "Industrie – Impulse – Innovationen" ist kostenlos erhältlich.
Bestellung: IHK Frankfurt, Innovation und Umwelt, Eva Knöll, Telefon 069/2197-1219, e.knoell@frankfurt-main.ihk.de.



IHK WirtschaftsForum
Juli-August 2010
 

IHK Hessen innovativ

IHK Hessen innovativ

Unsere Newsletter

Umwelt-InfoInnovationsnachrichtenBiotech-NewsletterBIEG-Newsletter

Industrielle Abfallwirtschaft

Industrielle Abfallwirtschaft

Umweltfirmen-Datenbank

Umweltfirmen-Datenbank